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05.02.2014

10:57 Uhr

Christophe Bernard im Interview

„Es ist schon fast zu spät“

VonJörg Hackhausen

ExklusivDie Angst vor einem Crash in den Schwellenländern geht um. Im Interview erklärt Christophe Bernard, Chefstratege von Vontobel, warum die Türkei besonders gefährdet ist und im schlimmsten Fall eine Staatspleite droht.

Christophe Bernard: Der Franzose ist Chef-Anlagestratege der Zürcher Privatbank Vontobel.

Christophe Bernard: Der Franzose ist Chef-Anlagestratege der Zürcher Privatbank Vontobel.

Herr Bernard, die Währungen vieler Schwellenländer stehen massiv unter Druck. Was ist der Grund?
Der kreditfinanzierte Boom in zahlreichen Ländern stößt an seine Grenzen. Besonders anfällig sind Länder wie die Türkei, Südafrika oder Indonesien, die hohe Leistungsbilanzdefizite angehäuft haben. Hinzu kommen politische Unruhen in Thailand oder der Ukraine. Wir haben im Moment viele Krisenherde.

Welches Land ist besonders gefährdet?

Die Türkei. Es spricht einiges dafür, dass sich das Land auf dem Weg in eine Krise befindet.

Die türkische Lira verliert drastisch an Wert. Die Notenbank reagiert darauf, indem sie die Leitzinsen verdoppelt. Lässt sich die Kapitalflucht damit stoppen?
Das Land könnte tiefer in die Krise rutschen, wenn sich die Politik nicht grundlegend ändert. Es scheint fast zu spät zu sein. Die Verzweiflungstat der Notenbank, die die Zinsen massiv angehoben hat, zeigt bisher kaum Wirkung.

Was muss passieren?
Die Türkei ist per se ein Land guter Unternehmer – gegenwärtig stellt sich jedoch die Frage, ob die Wirtschaftspolitik angemessen ist. Die Türkei sollte ihr Leistungsbilanzdefizit von sieben Prozent substanziell abbauen. Dazu sind umfassende Reformen notwendig.

Währungsturbulenzen in Schwellenländern

Türkei

Mit einer drastischen Zinserhöhung hat sich die türkische Notenbank gegen den Kursverfall der heimischen Währung Lira gestemmt. Der Satz, zu dem sich die Banken über Nacht Geld bei der Zentralbank leihen können, wurde am Dienstagabend von 7,75 auf 12,0 Prozent angehoben. Der eigentliche Leitzins wurde auf 10 Prozent angehoben von zuvor 4,5 Prozent. Damit soll der Abfluss an ausländischem Kapital gestoppt werden, der die Lira auf ein Rekordtief zum Dollar gedrückt hatte.

Südafrika

Die Zentralbank hob ihren Leitzins wenige Stunden nach der türkischen Entscheidung überraschend auf 5,50 Prozent an, nachdem er lange Zeit auf dem 40-Jahres-Tief von 5,0 Prozent verharrt hatte. An den Märkten wird davon ausgegangen, dass er in den kommenden Monaten weiter steigen wird. „Wir werden die Entwicklung genau verfolgen und nicht zögern zu handeln, sollte dies erforderlich sein", sagte Notenbankchefin Gill Marcus. Der Rand war zuletzt so billig wie seit über fünf Jahren nicht mehr. Höhere Zinsen könnten aber der erlahmenden Konjunktur weiter zusetzen.

Brasilien

Die Notenbank hat ihren Leitzins seit April 2013 bereits von 7,25 auf aktuell 10,0 Prozent angehoben. Der jüngste Schritt folgte in diesem Monat, als es von 9,5 Prozent nach oben ging. Die Zentralbank signalisierte dabei aber, das Tempo nun etwas zu drosseln. Mit höheren Zinsen soll die Inflation in Schach gehalten werden. Die Teuerungsrate liegt derzeit bei 5,7 Prozent.

Indonesien

Keine andere asiatische Währung ist 2013 auf so steile Talfahrt gegangen wie die Rupie: Sie büßte ein Fünftel ihres Wertes im Vergleich zum Dollar ein. Das macht Importe teurer, was die Inflation ebenso nach oben zu treiben droht wie das Handelsdefizit. Zu Jahresbeginn hielt die Zentralbank ihren Leitzins unverändert bei 7,50 Prozent. Sie versprach aber, "wachsam" zu bleiben, was den Märkten die Bereitschaft zu Zinserhöhungen signalisiert.

Indien

Die indische Zentralbank hob erst in dieser Woche ihren Leitzins überraschend von 7,75 auf 8,0 Prozent an. Eine weitere Erhöhung ist vorerst nicht geplant. Grund für den Schritt sind kräftig steigende Preise. Höhere Zinsen machen Kredite teurer, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen kann. Vom Inflationsziel sei Indien derzeit "sehr weit entfernt", sagte Notenbankchef Raghuram Rajan. Zuletzt lag die Teuerungsrate bei 9,87 Prozent. Die Zentralbank will sie bis Januar 2015 auf acht Prozent und ein Jahr später auf sechs Prozent drücken.

Thailand

In dem von politischen Unruhen erschütterten Land hat die Zentralbank im November die Zinsen gesenkt. Sie schreckte im Januar aber vor einer weiteren Kappung zurück. Als Grund für die Zurückhaltung gilt die Furcht, dass die politische Instabilität die Kapitalflucht verstärken könnte.

Ungarn

Notenbankchef György Matolcsy und sein Team haben den Leitzins im Januar auf das Rekordtief von 2,85 Prozent gesenkt. Obwohl die Währungshüter Spielraum für eine weitere Kappung signalisierten, dürften sie laut Experten vom Schwächeanfall des Forint zu einer Zinswende gezwungen werden.

Russland

Der Außenwert der Landeswährung hat dieses Jahr bereits fünf Prozent eingebüßt. Die Notenbank musste schätzungsweise zehn Milliarden Dollar zur Stützung des Rubels aufwenden. Notenbankchefin Elvira Nabiullina ist gewillt, den Kurs notfalls mit allen Mitteln zu stabilisieren. Denn Russland gilt als gebranntes Kind: In der durch massive Kapitalflucht ausgelösten Rubel-Krise von 1998 hatten die Bürger ihre Konten massenweise geräumt.

Darunter würde die Konjunktur leiden.
Die Regierung geht von einem Wirtschaftswachstum von vier Prozent in diesem Jahr aus. Das erachte ich als unwahrscheinlich. Im günstigsten Fall werden es vielleicht zwei Prozent sein. Wobei das eine konservative Schätzung ist. Auch eine Rezession wäre denkbar.

Glauben Sie, dass Ministerpräsident Erdogan die nötigen Reformen einleiten wird? Erdogan hat bereits angekündigt, dass er zu außergewöhnlichen Maßnahmen greifen will.
Die türkische Regierung war prinzipiell gegen Zinserhöhungen und wird beobachten, ob die Zentralbankpolitik zu einer stabilen Lira führt. Ansonsten würde man zu außergewöhnlichen Maßnahmen greifen, etwa der Einführung von Kapitalverkehrskontrollen. Sollte dies der Fall sein, wäre das Vertrauen in die Türkei als Schuldner sicherlich stark beschädigt. Dann könnten wir unter Umständen einen ähnlichen Fall wie den Argentiniens erleben.

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

05.02.2014, 11:14 Uhr

Na toll, der Crash steht bevor und sie wollen unbedingt in die EU aufgenommen werden. Ein Schelm der da böses denkt.... Warum sollten wir für ein weiteres marodes Land aufkommen, wo wir doch mit Griechenland schon total überfordert sind. Ich als deutscher Steuerzahler habe jedenfalls genug von diesen großzügigen Wohltaten, irgendwann muß auch mal Schluß sein.

Thomas-Melber-Stuttgart

05.02.2014, 12:00 Uhr

Die Türkei bekam doch bereits jetzt erhebliche Mittel aus EU-Fördertöpfen.

pro-d

05.02.2014, 12:11 Uhr

(...)

Türkin Hatice Akyün beschimpft die Deutschen als Promenadenmischung

Obwohl die Deutschen doch der Urtyp der Promenadenmischung sind, glauben sie immer noch, sie seien aus einem Guss. Unsere Kolumnistin Hatice Akyün findet, man kann mehr als ausschließlich Deutsch sein und plädiert für den Doppelpass.

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