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03.12.2015

16:41 Uhr

Dax gibt nach, Euro steigt

Draghi verliert seine Zauberkräfte

VonSara Zinnecker

EZB-Chef Draghi hat auf der heutigen Pressekonferenz weniger angekündigt, als manche gehofft hatten. Das sprichwörtliche Kaninchen blieb im Hut. Die Märkte reagierten enttäuscht. Was passiert, wenn Zauberkraft nachlässt.

EZB dreht Geldhahn weiter auf

Draghi flutet die Märkte

EZB dreht Geldhahn weiter  auf: Draghi flutet die Märkte

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DüsseldorfMario Draghi hat ein Problem: Die Märkte erwarten von ihm nichts geringeres als Superkräfte. „Alle gehen davon aus, dass Mario Draghi ein Kaninchen aus dem Hut zaubert“, sagte Devisenanalyst Kit Juckes von der Société Générale vor der lang ersehnten Pressekonferenz am Nachmittag. Nur dann, dann kam es nicht heraus, das Kaninchen. Und Marktteilnehmer waren beleidigt. Der Dax brach zwischenzeitlich um 300 Punkte ein, während der Euro mehr als zwei Cent auf 1,08 Dollar gewann.

Doch der Reihe nach. Pünktlich um 14.30 Uhr betrat der EZB-Chef mit seinem Stellvertreter den Saal der Pressekonferenz im neuen EZB-Tower. Sogleich verkündete er ein umfangreiches Maßnahmenpaket, das der Rat zuvor „mit großer Mehrheit“ beschlossen hatte. Unter anderem will die EZB ihr Anleihekaufprogramm in Höhe von monatlich 60 Milliarden Euro bis März 2017 verlängern – und sogar noch darüber hinaus, sollte die Inflation nicht merklich anziehen.

Darüber hinaus kündigte Draghi an, dass man das komplette Instrumentarium geldpolitischer Instrumente ausschöpfen werde. Falls es nötig werde man auch über den Ankauf weiterer, alternativer Wertpapiere – wie etwa die von Städten und Kommunen – nachdenken. „Das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten können wir jederzeit in seiner Dauer, seinem Volumen und seiner Strukturierung anpassen“, so der EZB-Chef.

Reaktionen auf die EZB-Entscheidung vom 03.12.2015

Commerzbank

Chefvolkswirt Jörg Krämer:

„Die EZB hat ihren Einlagensatz nicht ganz so stark gesenkt wie es Marktteilnehmer erwartet hatten. Sonst wäre die Nullzinspolitik weiter zementiert worden, was die Immobilienpreise noch mehr angefacht hätte in Deutschland. Das würde auch Druck von den Finanzministern der hoch verschuldeten Euro-Länder nehmen, ihre Hausarbeiten zu machen. Außerdem kann ein noch negativerer Einlagenzins auch kontraproduktiv sein für die Realwirtschaft. Das zeigen die Beispiele Dänemark und Schweiz. Dort wurden die Kosten des Strafzinses nicht an die Konteninhaber weitergereicht. Stattdessen wurden die Kreditzinsen für Unternehmen und Häuslebauer erhöht.“

Deutsche Bank

Chefvolkswirt David Folkerts-Landau:

Aus ökonomischer Perspektive kann ich verstehen, warum die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik weiter lockert: Sie versucht gestiegenen externen Risiken auf Inflation und Wachstum durch eine Schwächung des Euro und eine Stärkung der Binnennachfrage entgegen zu wirken. Ich bin allerdings enttäuscht darüber, dass die Euro-Zone auch sieben Jahre nach dem Beginn der Finanzkrise noch immer nicht in der Lage ist, auf eigenen Beinen zu stehen und dass Zentralbanken mit Garantien und extremen geldpolitischen Maßnahmen eingreifen müssen. Diese Geldpolitik kompensiert den mangelnden Fortschritt nationaler Regierungen bei der Umsetzung notwendiger Strukturreformen. Die Aussage Mario Draghis, dass die EZB tun werde, 'was immer nötig sein wird', hat sicherlich auch zu dieser Situation beigetragen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dies nicht nachhaltig ist

KfW

Chefvolkswirt Jörg Zeuner:

„Die Senkung des Einlagensatzes um zehn Basispunkte fällt moderat aus. Diese Rücknahme ist vor dem Hintergrund der bisher enttäuschenden Inflationsentwicklung nachvollziehbar. Wen das enttäuscht, der sei daran erinnert, dass die Euro-Zone sich auf Erholungskurs befindet. Weitere Anpassungen am Anleihen-Kaufprogramm sollten ebenfalls moderat bleiben. Die EZB sollte jetzt die volle Wirkung aller bisherigen Maßnahmen sich entfalten lassen. Andere Politikbereiche müssen künftig mehr Verantwortung übernehmen. Dabei denke ich vor allem an eine stärker Wachstum fördernde Fiskalpolitik und flexible Anpassungsmechanismen auf nationaler und europäischer Ebene.“

Sparkassen

Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon:

„Weder die aktuelle konjunkturelle Lage noch die Entwicklung der Verbraucherpreise im Währungsraum rechtfertigen die heute getroffenen Maßnahmen. Zum einen verzeichnet die Wirtschaft des Euro-Raumes ein moderates Wachstum. Zum anderen ist ein ernstzunehmendes Deflationsrisiko im Euro-Raum momentan nicht zu erkennen. Für den europäischen Finanzmarkt ist die erneute geldpolitische Lockerung der EZB nicht nur unnötig, sondern auch gefährlich. Wir warnen vor den Nebenwirkungen der expansiven Geldpolitik für die Sparer ebenso wie für die Volkswirtschaften. Es wäre besser gewesen, die volle Wirkungskraft der milliardenschweren Anleihe-Käufe und sonstigen Sonderprogramme der EZB abzuwarten.“

„Wirtschaftsweise“

Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, Isabel Schnabel:

„Die Senkung des Einlagezinses könnte sich als kontraproduktiv erweisen, wenn die Banken in Reaktion auf weiter fallende Erträge die Kreditzinsen erhöhen, statt sie zu senken. Hinweise auf ein solches Verhalten lassen sich in der Schweiz im Bereich der Immobilienkredite finden.“

Schließlich sei wichtig, dass die Liquidität im jetzigen Umfang auch dann nicht abnehme, wenn erste Anleihen fällig würden. Daher wolle die EZB im Zweifel den Gegenwert der Anleihen bei Fälligkeit reinvestieren. „Auch über einen langen Zeitraum sollen die Anleihen in der EZB-Bilanz bleiben. Die EZB will in jedem Fall verhindern, dass die Überschussliquidität am Markt zurückgeht“, sagte Draghi.

Bereits zuvor hatte die EZB mitgeteilt, dass sie den Leitzins, zu dem sich Banken bei der Notenbank Geld leihen können, bei 0,05 Prozent belassen wird. Den Einlagenzins, den Banken zahlen müssen, um kurzfristig Geld bei der EZB zu parken, senkte die EZB dagegen um zehn Basispunkte auf minus 0,3 Prozent. Damit wird es für Banken noch teurer, Geld liegenzulassen. Der negative Einlagenzins wird gemeinhin auch als Strafzins bezeichnet.

EZB und Draghi im Liveblog: Dax bricht ein, Euro legt zu

EZB und Draghi im Liveblog

Dax bricht ein, Euro legt zu

Mario Draghi will das Anleihekaufprogramm bis März 2017 ausweiten – zur Not auch länger. Auch will er künftig andere Wertpapiere zum Kauf zulassen. Der Dax berappelt sich nur langsam, der Euro legt kräftig zu.

Auf den ersten Blick erscheint das Maßnahmenpaket umfangreich – dem Markt jedoch war es ganz offensichtlich nicht umfangreich genug. Oder anders: Der Überraschungsfaktor, den Draghi bislang bereits das ein oder andere Mal hervorgezaubert hatte, das buchstäbliche Kaninchen im Hut also, fehlte diesmal. Stattdessen erfüllten die Neuigkeiten maximal das, was Marktteilnehmer erwartet hatten oder sogar ein bisschen weniger. Daraufhin brach der Dax regelrecht ein.

Kommentare (35)

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Herr Gerd Kintzel

03.12.2015, 16:31 Uhr

Aber Draghi ist nicht dumm. Natürlich kennt er alle Probleme und Negativa seiner maßlos expansiven Geldpolitik, dazu ist er zu lange im Geschäft. Deshalb frage ich mich schon seit längerer Zeit, wer ihn denn nun in der Haupsache bezahlt. Die EZB kann's eigentlich nicht sein, denn Staatsfinanzierungen und das Päppeln der Aktien- und Bondmärkte gehört absolut nicht zu ihrer/seiner Aufgabe. Die einzigen die's freut sind die großen Investmentfonds und teilweise auch die Banken. Ich möchte Draghi nichts unterstellen, aber für mich ist der Mann nicht mehr koscher.

Frau Michael Engel

03.12.2015, 16:44 Uhr

Zauberkräfte? Sie verwechseln da was. Ein Taschendieb ist höchstens eine Art zweifelhafter Künstler.

Account gelöscht!

03.12.2015, 16:44 Uhr

Schade, dass morgen mein letzter Handelstag vor meinem 5 bis 6-wöchigen Ski- und Regenerationsurlaub ist. Aber die Firma bedankt sich trotzdem mal ganz höfflich bei Signore Draghi für den heutigen Handelstag, der ja noch nicht ganz zu Ende ist .....

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