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17.12.2012

09:18 Uhr

Dax-Pensionslasten

Das versteckte Risiko

VonJörg Hackhausen

In den Bilanzen der Dax-Konzerne schlummern Risiken: Pensionslasten, fällig in kommenden Jahren und Jahrzehnten. Je länger die Zinsen niedrig bleiben, desto größer das Problem. Investoren und Aufseher sind beunruhigt.

Niedrige Zinsen führen dazu, dass Pensionskassen ihre stillen Reserven abbauen müssen, um Erträge zu erzielen. dpa

Niedrige Zinsen führen dazu, dass Pensionskassen ihre stillen Reserven abbauen müssen, um Erträge zu erzielen.

DüsseldorfBei Thyssen-Krupp brennt es derzeit an allen Ecken und Enden. Höchster Verlust der Geschichte. Milliardenschwere Fehlinvestitionen. Fragwürdige Geschäftspraktiken. Drei Vorstände treten ab. Die Dividende fällt aus. Trotzdem haben die Anleger dem Stahlkonzern fast schon wieder verziehen. Die Aktie hat ihre Talfahrt vorläufig beendet und legt seit Tagen zu. Die Ankündigung von Konzernchef Heinrich Hiesinger, das Unternehmen ganz neu aufzustellen, zeigt Wirkung an der Börse.

Doch ein Problem wird dem Stahlkonzern noch lange erhalten bleiben: ein Berg von Pensionslasten. Insgesamt hat das Unternehmen rund 7,7 Milliarden Euro für Pensionsrückstellungen in der Bilanz stehen. Diese Summe steht ehemaligen Angestellten in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu. Davon sind aktuell gut zwei Milliarden durch Planvermögen gedeckt.

Wie viel Geld Dax-Konzerne in Betriebsrenten stecken

Thyssen-Krupp

Börsenwert: 8.919 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 7.708 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 86,4

Quelle: Rückstellungen für Pensionen und ähnliche Verpflichtungen, jeweils zuletzt verfügbarer Jahresabschluss, Bloomberg, Flossbach von Storch Research; Stand: Dezember 2012

Deutsche Lufthansa

Börsenwert: 6.143 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 2.165 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 35,2

Deutsche Post

Börsenwert: 19.864 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 4.445 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 22,4

Volkswagen

Börsenwert: 75.945 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 16.787 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 22,1

RWE

Börsenwert: 19.499 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 3.846 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 19,7

Siemens

Börsenwert: 72.154 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 9.926 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 13,8

Bayer

Börsenwert: 59.648 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 7.870 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 13,2

Lanxess

Börsenwert: 5.691 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 679 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 11,9

Deutsche Telekom

Börsenwert: 36.511 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 6.095 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 11,4

HeidelbergCement

Börsenwert: 8.048 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 833 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 10,3

Continental

Börsenwert: 17.075 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 1.432 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 8,4

Allianz

Börsenwert: 46.963 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 3.754 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 8,0

Daimler

Börsenwert: 41.933 Mio. EUR
Pensionskassendefizit: 3.184 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 7,6

Muenchener Rueck

Börsenwert: 23.996 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 1.691 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 7,0

Deutsche Bank

Börsenwert: 31.817 Mio. EUR
Pensionsrückstellung: 1.716 Mio. EUR
% vom Börsenwert: 5,4

Investoren, Analysten und Ratingagenturen schauen bei Pensionsverpflichtungen genau hin. Dabei werden nicht gedeckte Verbindlichkeiten generell als Fremdkapital eingestuft. „Pensionsrückstellungen, die wie im Falle Lufthansa oder Thyssen-Krupp, ein Drittel oder mehr als die Hälfte des Börsenwertes ausmachen, können ein Ausschlusskriterium sein“, sagt Bert Flossbach, Gründer der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch. Um zu veranschaulichen, wie hoch sich die Pensionsrückstellungen bei manchem Unternehmen aufgetürmt haben, stellt er diese dem Börsenwert gegenüber. Demnach entsprechen die Pensionen bei Thyssen-Krupp rund 80 Prozent dessen, was das ganze Unternehmen an der Börse wert ist.

So hohe Pensionslasten im Verhältnis zum Börsenwert wie Thyssen-Krupp muss kein anderer Dax-Konzern schultern. Wobei auch andere Unternehmen in der Zukunft hohe Pensionen an ehemalige Mitarbeiter auszahlen müssen, etwa die Deutsche Lufthansa oder die Deutsche Post. Nur sehr wenig muss beispielsweise SAP zurücklegen.

Die 30 Unternehmen im Dax haben insgesamt Pensionsverpflichtungen in Höhe von rund 260 Milliarden Euro angehäuft. Solange die Verpflichtungen durch entsprechendes Planvermögen gedeckt sind, ist das kein Problem. Allerdings ist ein Teil – etwa ein Drittel – nicht abgedeckt. „Der Deckungsgrad der Dax-Pensionsverpflichtungen ist seit 2006 trotz aller wirtschaftlichen Turbulenzen stabil“, sagt Nigel Cresswell, Leiter Investment Consulting bei Towers Watson Deutschland. Allerdings könnte sich die Lücke in diesem Jahr vergrößert haben. Eine Hochrechnung von Towers Watson zum Ende des ersten Halbjahres 2012 ergab, dass der Deckungsgrad auf rund 62 Prozent gesunken ist. Genau wird man das wissen, wenn alle Unternehmen ihren Jahresabschluss vorgelegt haben.

Kommentare (12)

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Karl

17.12.2012, 09:25 Uhr

Der Dax ist massiv manipuliert.
Wer als Privatanleger noch Aktien hält, dem ist nicht zu helfen.
Der geplante Finanzcrash tut dann ein übriges....

hedgehog

17.12.2012, 09:40 Uhr


7,7 Mrd. Euro Pensionslasten und nur 2 Mrd. im Planvermögen?

Ich bin kein Fachmann, aber nach der Durchführung komplexer arithmetischer Rechenregeln - so genannte Subtraktion - kommt ich zum Ergebnis, dass bei Thyssen wohl nicht nur eine kleine Lücke klafft.

Kapitalist_pur

17.12.2012, 10:54 Uhr

Wieso Problem?

Dieses "Problem" wird man ganz schnell los: Man verkauft einen Betriebsteil, bevorzugt wenn sich in diesem Teil viele zukünftige Betriebsrentner befinden. Sprich: Strategisch stellt man sicher, dass rechtzeitig die zukünftigen Betriebsrentner in den zu verkaufenden Betriebsteil "wandern" werden.

Zu niedrige Pensionsrückstellungen ist ein Damokles-Schwert für die betroffenen Arbeitnehmer. Es besteht die Tendenz, sich von diesen Mitarbeitern rechtzeitig zu trennen, sei es durch Stilllegungen oder durch Betriebsverkäufe (Betriebsübergang).

Immerhin sind die Rentenansprüche in der Regel durch den Pensionssicherungsverein geschützt.

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