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25.02.2015

10:05 Uhr

Deflation

Die Angst vor sinkenden Preisen

VonSara Zinnecker

Verbraucherpreise in Deutschland und der Euro-Zone sinken. Die ersten fürchten Deflation. Doch droht wirklich ein Einbruch der Wirtschaft? Oder ist alles halb so schlimm? Was Experten glauben und was sie Anlegern raten.

Anleger sollten ihre Depotstruktur überdenken. Getty Images

Vorsicht Deflation

Anleger sollten ihre Depotstruktur überdenken.

DüsseldorfDer Aufschrei ist einen knappen Monat her: Ende Januar hatte das Statistische Bundesamt erstmals eine negative Inflation für Deutschland bekanntgegeben. Im Vergleich zum Vorjahr lagen die Verbraucherpreise im Januar 2015 plötzlich um 0,4 Prozent niedriger. Für die Euro-Zone sah es nicht besser aus: Auch hier war das Preisniveau im Dezember gesunken – um 0,6 Prozent hat der harmonisierte Verbraucherpreisindex im Vergleich zum Vorjahr nachgegeben. Ende dieser Woche nun dürfte vom Statistischen Bundesamt die nächste „Hiobsbotschaft“ folgen: Auch im Februar werden die Verbraucherpreise in Deutschland sinken. Die Frage ist lediglich: um wie viel? Der Trend für Euro-Land zeigt ebenfalls nach unten. Schon fürchten die ersten, dass eine Deflation Europa erfassen könnte – ein anhaltender Preisrückgang also, der die Wirtschaft lähmt, weil sich Akteure in der Erwartung fallender Preise bei Konsum und Investitionen zurückhalten.

Auf den ersten Blick ist die Furcht nicht ganz unbegründet. Seit Jahren versucht die Europäische Zentralbank (EZB) unentwegt, über billige Zinsen Geld in die Realwirtschaft zu befördern – bislang mit mäßigem Erfolg. Das klassische Instrument zur Inflationssteuerung will nicht so recht greifen. Zwar konnten sich Banken günstig Geld von der EZB besorgen, doch wollten die Unternehmen dieses Geld nur begrenzt abnehmen.

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Das Inflationsziel der Zentralbank ist zu hoch. Durch die Digitalisierung der Ökonomie und den Preiskampf im Netz werden die Preise künftig weniger steigen. Wachstum gibt es trotzdem. Ein Kommentar.

Wie die regelmäßige Umfrage der EZB zur Kreditvergabe unter Banken zeigt, waren Unternehmen bis ins dritte Quartal 2014 hinein zurückhaltend, wenn es darum ging, auf Pump zu investieren. „Diese Entwicklung spiegelt wahrscheinlich eine steigende Unsicherheit in Bezug auf die wirtschaftliche Erholung wider”, schrieb die Zentralbank im Oktober. Dass die EZB schon bald zusätzlich zum rekordniedrigen Leitzins beginnen wird, Staatsanleihen aufzukaufen, ist ein weiteres Zeichen dafür, wie ernst sie selbst die „Deflationsgefahr“ nimmt.

Daneben dürften auch die zuletzt geringen – und in einigen Fällen sogar negativen – Wachstumsraten in der Euro-Zone in manchem Zweifler Unbehagen aufkommen lassen. Schon erinnert der US-Ökonom und Nobelpreisträger Robert Shiller daran, dass die neue Normalität „schwaches Wachstum, billiges Geld“ längst nicht nur für die USA zutrifft. „Die Instrumente der Geldpolitik nutzen sich ab“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Trotz aller monetären Wachstumsimpulse bewegen wir uns auf eine Deflation, auf fallende Preise, zu.“

Inflation: Fragen und Antworten

Warum sinken die Preise?

Hauptgrund ist der Absturz der Rohölpreise. Der Schmierstoff der globalen Wirtschaft verbilligte sich an den Weltmärkten seit vergangenem Sommer um gut die Hälfte. Das drückt die Preise für Heizöl und Kraftstoffe. Und weil die Ausgaben für Energie nach Mieten der größte Einzelposten im Haushaltsbudget der Deutschen sind, lässt das die Inflationsrate insgesamt sinken. Wie groß der Einfluss ist, belegen aktuelle Berechnungen des Bundesamtes: Würden Nahrungsmittel und Energie nicht berücksichtigt, hätten die Verbraucherpreise im Januar um 1,1 Prozent über dem Vorjahresniveau gelegen. Einschließlich beider Posten ergab sich eine Rate von minus 0,4 Prozent.

Was ist schlecht an sinkenden Preisen?

Aus Verbrauchersicht zunächst einmal gar nichts. Die Heizölpreise fielen von mehr als 83 Euro im Juni 2014 auf weniger als 60 Euro zum Jahresende (bei Abnahme von 3000 Litern, inklusive Mehrwertsteuer). Und an mancher Tankstelle in Deutschland bekamen Autofahrer Mitte Januar den Liter Diesel zeitweise für unter einen Euro – erstmals seit März 2009. Der Preisrückgang bei Heizöl und Kraftstoffen wäre hierzulande sogar noch deutlicher ausgefallen, wenn der Euro im Vergleich zum Dollar nicht so stark nachgegeben hätte. Wer beim Tanken und Heizen spart, kann tendenziell mehr Geld für andere Dinge ausgeben. Die Kauflust scheint groß: Die Konsumlaune der Deutschen ist nach Zahlen der Nürnberger GfK auf einem 13-Jahres-Hoch. Zusätzlicher Treiber ist das für Sparer extrem unattraktive Zinsumfeld: Geldanlegen lohnt kaum.

Warnung vor sinkenden Preisen?

Die Gefahr ist, dass Preise über einen längeren Zeitraum quer durch alle Warengruppen fallen. Volkswirte nennen das Deflation. Kommt es zu einer solchen Entwicklung, kann das ganze Volkswirtschaften lähmen: Verbraucher und Unternehmen könnten angesichts sinkender Preise Anschaffungen und Investitionen aufschieben – schließlich könnte es ja bald noch billiger werden. Wer etwas verkaufen will, könnte sich zu Preissenkungen gezwungen sehen. Das lässt die Gewinne der Unternehmen sinken und verkleinert Spielräume für Investitionen. Einzelne Werke sind eventuell nicht mehr ausgelastet. Kurzarbeit, Entlassungen oder gar die Schließung ganzer Standorte können Folgen sein. Mehr Arbeitslose, weniger Konsum, weniger Steuereinnahmen – rutscht eine Volkswirtschaft in eine Deflation, verringert sich die gesamte Wirtschaftsleistung zunehmend. Es droht eine Abwärtsspirale.

Deflation im Euroraum?

Die meisten Ökonomen sehen aktuell keine Gefahr und verweisen auf das große Gewicht der sinkenden Energiepreise. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat wiederholt bekräftigt, er sehe keine Abwärtsspirale aus negativen Inflationsraten, Rückgängen der Wirtschaftsleistung und Lohnsenkungen. Vor einer Woche betonte Weidmann, das niedrige Niveau der Teuerung erkläre sich vor allem durch den kräftigen Rückgang der Energiepreise: „Das sollte nicht verwechselt werden mit einer sich selbst verstärkenden Deflation und ihren negativen Folgen. Das Risiko einer Deflation auf breiter Front ist weiterhin sehr begrenzt.“

Sind sinkende Ölpreise gut für die Konjunktur?

In der Tat. Weidmann betont: Die niedrigeren Ölpreise seien wie ein „kleines Konjunkturprogramm“ für den Euroraum, weil Verbraucher wie Unternehmen weniger für den wichtigen Rohstoff bezahlen müssen. Unter anderem wegen dieser Ölpreis-Effekte hat die Bundesregierung ihre Konjunkturprognose für Deutschland für das laufende Jahr gerade erst von 1,3 Prozent auf 1,5 Prozent angehoben. Auch die EU-Kommission ist überzeugt: Der Absturz der Ölpreise und der schwache Euro werden den Euroländern 2015 mehr Wachstum bescheren als zunächst erwartet. Brüssel rechnet für das laufende Jahr in der Eurozone mit einem Plus von 1,3 Prozent statt der zunächst vorhergesagten 1,1 Prozent.

Mehr Wachstum, mehr Inflation?

In der Regel ja. Außerdem sollte die Geldflut der Europäische Zentralbank (EZB) sich bemerkbar machen. Die Notenbank hat im Januar angekündigt, in großem Stil Staatsanleihen zu kaufen. Von März 2015 bis mindestens September 2016 sollen auf diesem Weg mehr als 1,1 Billionen Euro in die Wirtschaft gepumpt werden. Ein Ziel: Die Teuerungsrate wieder in Richtung des EZB-Ziels von knapp unter 2,0 Prozent zu treiben. Bei diesem Wert sieht die EZB Preisstabilität gewahrt. Das ist aus Sicht der Währungshüter ausreichend weit von Nullmarke und Deflation entfernt.

Wie geht es weiter?

Die EU-Kommission geht davon aus, dass die Inflation ab Mitte 2015 allmählich wieder steigen wird. Für die Europäische Union erwartet die Behörde für das laufende Jahr eine Rate von 0,2 Prozent, 2016 dann 1,4 Prozent. Für den Euroraum wird für 2015 eine negative Teuerungsrate von minus 0,1 Prozent vorhergesagt, für 2016 dann 1,3 Prozent. Von einer Deflation spricht Brüssel explizit nicht.

Auch Anlagestrategen wollen die Gefahr einer Deflation in Europa nicht gänzlich ignorieren. „Die Sorge ist nicht ganz wegzuargumentieren“, sagt Karsten Stroh, Experte für europäische Aktien bei JP Morgan Asset Management (JP Morgan AM). Aus dem Markt für inflationsgeschützte Anleihen – das sind Anleihen, deren Rendite variabel ist und sich am Inflationsniveau orientiert – lasse sich herausfiltern, dass die Inflationserwartungen in den letzten sechs bis zwölf Monaten zurückgegangen sind, so Stroh. „Das könnte Anlass zur Besorgnis liefern, denn die Erwartungen spielen eine große Rolle.“

Auch Martin Lück, Chefvolkswirt bei der Schweizer Großbank UBS, sieht die Gefahr einer echten Deflation dann akut, „wenn sich die negative Inflationsrate in Zweitrundeneffekten fortführt, etwa in den Inflationserwartungen.“ Die EZB habe auch darum das Anleihekaufprogramm beschlossen, um dagegen vorzubeugen, „dass sich die negativen Teuerungsraten in die Erwartungen übersetzen können.“

Kommentare (18)

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Frau Ute Umlauf

25.02.2015, 10:19 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Omarius M.

25.02.2015, 10:34 Uhr

Da meine Kaufkraft mit zerbröselt, hab ich von den preisen sofern es sie den geben sollte, keinerlei teilhabe

Herr Konstantin Lewe

25.02.2015, 10:42 Uhr

Naja ich denke nicht das es so dramatisch wird.
Wenn es hier und da mal etwas billiger wird verteilt sich das Geld auch gerne
mal anders anstatt sich einfach nur irgendwo zusammeln.

Gerade wenn es sehr weit vorne in der Wertschöpfung zB. beim Öl nach unten
geht können sich für alle danach, also wirklich so ziemlich alle, viele neue Chancen eröffnen.

Gerade Öl verschiebt die Margen enorm.

Wenn Essen/Trinken billiger wird ist die Frage ob der Arbeitsmarkt nach unten dreht also weniger Lohn/Gehalt gezahlt wird oder ob die Leute das "mehr" behalten können und es in den Konsum fliesst oder eben auch wieder am Kapitalmarkt reinvestiert wird.

Das Thema Energie wird noch sehr interessant werden hier stehen die
nächsten Jahre viele neue Entwicklungen an.
Jeder will der Erste sein also wird auch kräftig investiert werden Deflation hin
oder her.

Ebenso die Autobranche wird schon sehr bald viele neue Modelle mit
E-Antrieb auf den Markt bringen die vermutlich auch schon bei sehr
niedrigen Ölpreisen mithalten können.

Rohstofflieferanten werden sehr bald immer mehr Energie benötigen da
wir immer mehr recyclen müssen anstatt einfach nur aus der Erde zufördern.

Hier erwarte ich einige interessante Fusionen/Joint-Ventures zwischen Rohstoff- und Energie- unternehmen.

Achja und dann wären da noch staatliche Investitionsprogramme mit einem
Volumen von vorraussichtlich mehreren hundert Mrd. die nächsten 5-10 Jahre,

Zurzeit scheinen sich auch viele Leute in Lauerstellung zu befinden :-)

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