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28.11.2014

11:20 Uhr

Deflation und ihre Folgen

Jagt die EZB ein Gespenst?

VonJan Mallien, Stefan Menzel

Die Preise in der Eurozone steigen kaum noch. EZB-Chef Draghi sieht sich deshalb zum Handeln gezwungen. Doch wäre eine Deflation wirklich so schlimm? Ein Pro und Contra über den Nutzen und Schaden sinkender Preise.

Das Gespenst der Deflation: Mit drastischen Mitteln stemmt sich die EZB gegen den Preisverfall.

Das Gespenst der Deflation: Mit drastischen Mitteln stemmt sich die EZB gegen den Preisverfall.

DüsseldorfDer sinkende Ölpreis lässt die Inflation in Deutschland purzeln. Um durchschnittlich 0,6 Prozent sind die Verbraucherpreise im November gestiegen – der niedrigste Wert seit Februar 2010. Besonders an der Tankstelle und beim Heizen müssen die Verbraucher nun nicht mehr so stark in die Tasche greifen.

Doch die Freude darüber teilt nicht jeder. Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht die Entwicklung der Preise in der Euro-Zone und auch in Deutschland mit Sorge. Mit drastischen Mitteln stemmt sie sich gegen den Preisverfall: So hat die EZB den Zins auf das Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt und will nun in großem Umfang Wertpapiere wie Kreditverbriefungen kaufen. Die EZB spricht nur bei Werten von knapp unter zwei Prozent von stabilen Preisen.

Frische Zahlen aus Brüssel scheinen die Furcht der Notenbanker zu bestätigen: Die Verbraucherpreise lagen im November nur 0,3 Prozent über dem Niveau vor Jahresfrist, wie das Statistikamt Eurostat am Freitag mitteilte. Im Oktober lag die Teuerungsrate noch bei 0,4 Prozent.

Mario Draghis Krisenkurs in Zitaten

Amtsantritt am 3.November 2011 in Frankfurt

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung.“

26. Juli 2012 in London

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

EZB-Sitzung am 4. Juli 2013

„Der EZB-Rat erwartet, dass die Zinssätze der EZB für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder darunter bleiben werden.“

Nach der Leitzinssenkung am 7. November 2013

„Wenn wir Deflation verstehen als einen weit verbreiteten Verfall von Preisen in vielen Warengruppen und in mehreren Ländern – das sehen wir nicht.“

Gespräch mit Altkanzler Schmidt am 7. November 2013

„Ich bin sehr bewegt von Helmut Schmidts Worten und sollte dafür wirklich dankbar sein. Komplimente sind Mangelware in diesen Tagen.“

EZB-Sitzung am 3. April 2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

EZB-Sitzung am 8. Mai 2014

„Der EZB-Rat fühlt sich wohl damit, beim nächsten Mal zu handeln.“

EZB-Konferenz am 26. Mai 2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

EZB-Chef Mario Draghi erwägt zusätzliche Maßnahmen wie etwa den Ankauf von Staatsanleihen, um die unerwünscht niedrige Inflation anzuheizen. „Die Diskussion über zusätzliche Lockerungsmaßnahmen der EZB dürfte weitergehen“, prophezeit Ökonom Johannes Jander von der Helaba. Commerzbank-Volkswirt Marco Wagner erwartet, dass „die EZB bald in großem Stil Staatsanleihen“ kaufen wird. Mit dem Rückgang der deutschen Inflationsrate im November dürfte „das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht sein“.

Doch wäre Deflation überhaupt so schlimm? Ein Pro und Contra von zwei Handelsblatt-Redakteuren.

Kommentare (44)

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28.11.2014, 11:34 Uhr

1. Eine Preissteigerungsrate von knapp unter 2% pa als "Preisstabilität" zu definieren, ist eine geradezu orwellsche Verdrehung der Sprache. Diese Definition könnte im Wahrheitsministierium ersonnen worden sein. "Preisstabilität" kann vom Wortsinn nichts anderes heißen als stabile, also gleichbleibende Preise.

2. Deflation ist der deutliche Rückgang von Preisen. Es ist daher eine erneute orwellsche Sprachverdrehung, wenn man bei einer Preissteigerungsrate von >0 "Deflation" zu sprechen.

Niemand wird heute eine geplante Investion wie z.B. den Kauf einer Maschine hinausschieben, weil diese Maschine im nächsten Frühjahr vielleicht "nur" 0,5% teurer ist.



Herr C. Falk

28.11.2014, 11:38 Uhr

Richtig ist, dass das Umgehen mit Deflation wesentlich schwieriger zu handhaben ist als mit Inflation

Bei einer Deflation stockt der Wirtschaftskreislauf, der Verbrauchen stellt private Investitionen zurück, weil er glaubt alles wäre in Zukunft noch "günstiger" zu haben.
u.s.w.

Weil der Verbrauch stagniert investieren die Unternehmer nicht mehr u.s.w. eine teuflische Spirale.

Der momentan niedrige Ölpeis ist allerdings auch pol. gewollt, nicht uletzt um Russland massiv zu schädigen.

Auf der KÖ in Düsseldorf und bestimmten touristischen Gebieten der EU wird das Ausbleiben der zahlungskräftigen und konsumfreudigen russischen Kundschaft schon mit beträchtlichen Sorgenfalten zur Kenntnis genommen.

Herr Tom Schmidt

28.11.2014, 11:40 Uhr

Die Gefahr der Deflation ist ein rein theoretisches Hirngespinst.

Ich tanke, wenn ich tanken muss. Sollen wir jetzt auch die Benzinpreisapps verbieten, weil ich somit Geld sparen kann? Früher, liebe Wirtschaftswissenschaftler, war die Theorie, dass Wirtschaftswachstum aus Innovationen sich heraus entwickelt. Die ständige Verbesserung (und Effizienzsteigerung) erzeugt freie Mittel, die wir anders verwenden können. Wenn ein sinkender Benzinpreis schädlich ist, dann können wir auch die Autoindustrie zwingen keine spritsparenden Modelle zu entwickeln...

Ausserdem sind Investitionsentscheidungen nicht nur von der Investition, sondern auch von der Rendite abhängig. Wenn eine Deflation von minus 0,3 % eine Investition belastet, dann ist es vielleicht nicht wirklich eine Investition? Dazu müßten wir es mit einem Preisverfall von mehreren % zu tun haben. Der ist aber überthaupt nicht in Sicht.

Preisstabilität heisst die Preise sind stabil. Die Idiotie, eine 2 % Inflation als Stabilität zu bezeichnen, ist vollkommen ohne Begründung und reiner Schwachsinn! Die Interpretation, dass die Zentralbank diese 2 % erzeugen soll, ist auch eine reine Lüge. Bei der Einführung dieser Zahl hiess es, die Zentralbank sieht die Preise stabil bei einer Inflation von 2 %. Ergo wäre eine 2% Deflation auch noch stabil!

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