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14.05.2015

15:34 Uhr

Der Anlagestratege

Gekommen um zu bleiben

VonChristoph Bruns

Trotz allem Wahlkampfgetöse dürften die Britten in der Europäischen Union bleiben. Und das ist auch gut so. Was das für Geldanleger bedeutet.

Christoph Bruns ist Fondsmanager, Inhaber der Fondsgesellschaft LOYS AG und Kolumnist für Handelsblatt Online.

Der Anlagestratege

Christoph Bruns ist Fondsmanager, Inhaber der Fondsgesellschaft LOYS AG und Kolumnist für Handelsblatt Online.

Mit einem kleinen Feuerwerk begrüßte der Aktienmarkt in London, Europas wichtigste Börse, den letztwöchigen Wahlausgang in Großbritannien. In den meisten Ländern der westlichen Welt hat sich an deren Börsen ein Gebaren ritualisiert, welches vorgibt, Mitte-Rechts Regierungen seien für die Finanzmärkte der jeweils günstigste Ausgang.

Tatsächlich finden sich hinreichend Gegenbeispiele zu dieser gefühlten Heuristik, etwa den gegenwärtigen Bullenmarkt während der Amtszeit des Barack Obama oder die Börsenrally nach den Reformen des Altkanzlers Schröder.

Immerhin verdient die Wahl in Großbritannien ein aufmerksames Studium, denn mehrere Aspekte der Abstimmung sind beachtlich ausgefallen. Zunächst sind die Vor- und Nachteile des britischen Mehrheitswahlrechts deutlich zu Tage getreten.

Selbst bei größtem Bemühen kann man die Sitzverteilung im britischen Unterhaus nicht als repräsentativ bezeichnen. Die Protestpartei UKIP bekam knapp vier Millionen Stimmen und ist mit einem Parlamentarier in Westminster vertreten, während die schottische SNP rund 1,5 Millionen Stimmen bekam und 56 Abgeordnete nach London entsendet.

Auch der Umstand, dass gerade einmal 23 Prozent aller Wahlberechtigten die Torries wählten, zeigt die Schwächen des Mehrheitswahlrechts auf. Immerhin aber sorgt das Wahlrecht in der Tendenz für klare Verhältnisse bei der Regierungsbildung. Wer den Koalitionskrampf Italiens bedenkt, und auch die Berliner Verhältnisse der letzten Jahrzehnte vor Augen hat, der mag hier sehr wohl auch Vorteile des Mehrheitswahlrechts erkennen.

Auffällig war ferner die zunehmende Nord-Süd Spaltung auf der Insel. Eine Tendenz, die auch aus Regionen und Ländern bekannt ist, scheint sich in Großbritannien stärker zuzuspitzen. Es bleibt abzuwarten, ob die deutlich erstarkte Scottish National Party (SNP) den Rückenwind nutzen wird, um ein erneutes Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands anzustreben.

In Sonderheit bemerkenswert war der Umgang der Wahlverlierer mit dem Ergebnis. Ohne Ausnahme zogen die Parteiführer von Labour, UKIP und LibDem die logischen Konsequenzen und baten ihren Rücktritt an. Ein solcher Vorgang wäre in Deutschland unwahrscheinlich.

Hierzulande sehen sich stets alle Parteien unabhängig vom Wahlausgang als Wahlsieger. Zwar schwadroniert man von der Übernahme von Verantwortung, Rücktritte sind aber selten und die Demission von Jens Böhrnsen in Bremen ist eine Ausnahme. Zu warm ist offenbar die parlamentarische Staatsjacke gewoben, als das man davon leichter Hand Abschied nehmen möchte.

Größter Verlierer der Wahl ist indessen die Demoskopie. Diejenigen, die in der Demoskopie einen Teil der Infotainmentindustrie sehen, haben weiteren Auftrieb erhalten. Auch die Versuche der Medien, den Wahlkampf als offenes Großereignis ähnlich einem Boxkampf zu inszenieren wurde vom Souverän lächerlich gemacht. Vielleicht berechtigt diese Beobachtung zu der Hoffnung, dass das wählende Volk keineswegs so schlicht ist, wie das intellektuelle Niveau der Wahlkampfmedien dies vermuten lässt.

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