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16.01.2007

13:30 Uhr

Deutsche Anleger

Zwischen Zocken und Zaudern

VonC. Kirchner

Zocken ist an Deutschlands Börsen wieder schick, einerseits: Der Umsatz mit risikoreichen Hebelzertifikaten und Optionsscheinen stieg im Vergleich zum Vorjahr. Doch andererseits wird auch gezaudert, wie die sinkende Zahl der Aktionäre beweist. Wie passt dieses auf den ersten Blick widersprüchliche Verhalten zusammen? Über die Doppelnatur des typisch deutschen Anlegers.

Deutsche Anleger zwischen Zocken und Zaudern. Illustration: Wolfgang Horsch

Deutsche Anleger zwischen Zocken und Zaudern. Illustration: Wolfgang Horsch

DÜSSELDORF. Es ist eine Yuppie-Ästhetik wie in Zeiten des letzten Börsenbooms zur Jahrtausendwende, die in den Fernsehspots von CMC Markets über den Bildschirm flimmert: David, der leicht schmierige Protagonist, handelt an der Börse und räumt im großen Stil ab. Er handelt während der Arbeitszeit und zu Hause, er betrügt seine hübsche Freundin mit einer noch attraktiveren Geliebten, prahlt bei Kollegen mit Schampusbestellungen und hat Neider: „Mann, Mann, Mann. Wie kann ein Mensch so viel Geld verdienen?“, fragt Davids Kollege, während in der Bildmitte der Kontostand nach oben rattert.

Im Kino sind Börsenyuppies mal Unsympathen wie in „Wall Street“, mal Mörder wie in „American Psycho“, aber am Ende entweder geläutert oder im Knast. In den TV-Spots von CMC Markets, einem Anbieter hochspekulativer Finanzwetten, gewinnt David dagegen immer.

Noch vor fünf Jahren, inmitten des Börsenkaters, hätte man die im Stile eines Fortsetzungsfilms gedrehten Spots für eine Satire gehalten. Heute fallen sie kaum noch auf, denn Zocken ist wieder schick in Deutschland, einerseits: So kletterte der Umsatz mit Hebelzertifikaten und Optionsscheinen an Deutschlands größter Derivatebörse Euwax in Stuttgart in den ersten elf Monaten 2006 um 145 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. „Und die Musik spielt“, sagt Euwax-Sprecher Thomas Spengler „in den spekulativen Knock-Out-Produkten mit hohem Hebel.“

Doch es wird auch gezaudert, andererseits. Die Zahl der Aktionäre ist im letzten Jahr nach jüngsten Angaben des Deutschen Aktien Instituts um rund acht Prozent auf 9,9 Millionen gesunken. Zugleich kletterten Barvermögen und Sichteinlagen deutscher Privathaushalte seit der Jahrtausendwende um durchschnittlich elf Prozent pro Jahr auf zuletzt knapp 600 Milliarden Euro. Man zockt oder zaudert. „Die Anleger agieren kurzfristig stark risikoarm – langfristig aber risikoreich", sagt Claus Gruber, Sprecher der Fondsgesellschaft DWS.

Wie passt dieses auf den ersten Blick widersprüchliche Verhalten von Zocken und Zaudern zusammen? Einen Hinweis liefert die Konsumforschung. Dort kennt man längst den „hybriden Konsumen-ten“, der mal geizt und mal prasst: Mit der Nobelkarosse geht es zum Aldi, mit dem Billigflieger zum Luxushotel auf Mallorca. Deutschlands Privatanleger passen sich in der Geldanlage immer stärker dem Konsumverhalten an: Man zockt – oder man zaudert.

Mit den von „David“ beworbenen CFDs können Anleger bis zum Hundertfachen ihres Einsatzes gewinnen – oder mit hoher Wahrscheinlichkeit viel verlieren. Manche Finanzwetten erfordern sogar eine Nachschusspflicht. Doch die Geschäfte laufen blendend: Der 2005 gegründete Deutschland-Ableger des britischen CFD-Anbieters CMC Markets verfügt nach Angaben des Chefstrategen Stefan Riße über eine „hohe vierstellige Kundenzahl an aktiven Tradern, Tendenz steigend“.

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