Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.06.2016

19:14 Uhr

Deutsche Bank-Chefvolkswirt

EZB-Käufe sind eine „Verzweiflungstat“

VonJan Mallien

Deutsche Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau übt harsche Kritik an der Europäischen Zentralbank. Den Kauf von Unternehmensanleihen hält er für einen Fehler. Doch das ist nicht sein einziger Kritikpunkt.

Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank hält nicht viel vom geldpolitischen Kurs der EZB. Reuters

David Folkerts-Landau

Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank hält nicht viel vom geldpolitischen Kurs der EZB.

FrankfurtDrei Kinder hat David Folkerts-Landau, drei Kinder, die in Europa aufwachsen. Deshalb greift der Chefvolkswirt der Deutschen Bank zu drastischen Formulierungen, wenn es um den Kontinent geht: „Ich mache mir Sorgen um die Zukunft Europas.“

Grund ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Folkerts-Landau sieht die Notenbank auf einem falschen Kurs. Anfänglich sei eine aggressive Lockerung der Geldpolitik richtig gewesen, so der Volkswirt. Doch mittlerweile wirkten die Schritte immer verzweifelter und es würden die Nachteile überwiegen. Die EZB folge einem „Dogma“ und verspiele so Ruf und Vertrauen.

Die Notenbank hat am Mittwoch mit dem Kauf von Unternehmensanleihen begonnen. Erworben worden seien Titel des Versicherers Generali, des Telekomkonzerns Telefonica und von Versorgern wie der französischen Engie. Die EZB will dadurch Anleihezinsen senken. Folkerts-Landau hält dies jedoch für eine „Verzweiflungstat.“

Beschlüsse der EZB am 10. März 2016

Niedrigerer Leitzins

Die EZB senkt den Leitzins von 0,05 auf 0,00 Prozent. Der Schritt selbst hat wenig direkte Auswirkungen. Hierbei geht es vor allem um das damit verbundene Signal, dass die EZB entschlossen handelt.

Höherer Strafzins

Die EZB senkt den Einlagenzins im Euro-Raum von minus 0,3 auf 0,4 Prozent. Das heißt: Banken, die über Nacht Geld bei der EZB parken, zahlen dafür eine noch höhere Strafe. Damit will die Notenbank die Geldhäuser dazu animieren, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei ihr zu horten. Je höher die Strafe, desto stärker der Anreiz, so das Kalkül. Allerdings belastet dies den labilen Bankensektor. Deshalb war im Vorfeld der Ratssitzung auch über eine Staffelung des Einlagezinses diskutiert worden, ähnlich wie in der Schweiz. Dabei würde der negative Einlagenzins erst dann greifen, wenn die bei der Notenbank geparkte Liquidität einer Bank eine bestimmte Obergrenze überschreitet.
Draghi hat sich aber gegen ein solches Modfell entschieden. Dies sei in einer Währungsunion mit sehr unterschiedlichen Banken nur schwer umzusetzen, sagte er.

Mehr Anleihenkäufe

Die EZB weitet das Volumen ihrer monatlichen Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro aus. Dadurch erhöht sich Gesamtvolumen bis März 2017 um 240 Milliarden auf 1,74 Billionen Euro. Anleihekäufe seien ein Signal, das der Markt versteht, hatte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding im Vorfeld gesagt.

Dieser Schritt galt aber als durchaus umstritten. Für die Deutsche Bundesbank, die eine weitere Lockerung der Geldpolitik kritisch sieht, ist diese Pille schwerer zu schlucken, als die Senkung des Einlagenzinses. Draghi sagte jedoch, der EZB-Rat habe die Maßnahmen mit einer „überwältigenden Mehrheit“ beschlossen. Durch das höhere Volumen stößt die EZB bei ihren Käufen schneller an Grenzen: Ihren selbst auferlegten Regeln zufolge darf sie keine Bonds kaufen, deren Zinsen unter dem Einlagesatz liegen (jetzt minus 0,4 Prozent). Und sie darf auch nicht mehr als 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes erwerben.

Bei Anleihen von internationalen Organisationen oder Entwicklungsbanken wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) weitet sie dieses Limit nun auf 50 Prozent der ausstehenden Anleihen aus.

Firmenanleihen

Um Knappheit zu verhindern, weitet die EZB außerdem die Auswahl der von ihr gekauften Anleihen aus. Im Dezember hat sie das Sortiment bereits um Anleihen von Regionen und Kommunen im Euro-Raum erweitert. Nun kauft sie außerdem auch von in Euro notierenden Unternehmensanleihen mit gutem Rating (Investment Grade).

Kredite zum Traumtarif

Die EZB weitet ihr Programm aus, mit dem sie Banken zu sehr günstigen Konditionen langfristig Geld leiht, wenn sie mehr Kredite vergeben. Ab Juni sollen vier spezielle Kreditlinien – im Fachjargon TLTRO II genannt – für die Finanzinstitute mit einer Laufzeit von vier Jahren aufgelegt werden. Die Kosten orientierten sich am Einlagenzins, den die EZB jetzt auf minus 0,4 Prozent gesenkt hat. Banken können also Geld damit verdienen, sich Geld zu leihen.

Bereits seit 2014 bieten die Währungshüter gezielte Geldspritzen an. Sie sollen Geschäftsbanken dazu bewegen, mehr Kredite an Firmen zu vergeben. Allerdings brauchen viele Banken gar nicht mehr Liquidität. Dies hilft deshalb wohl lediglich einigen angeschlagenen Instituten.

„Es profitieren tendenziell Unternehmen, die dies nicht nötig haben“, sagt er. Nur kleine und mittelständische Firmen in den Peripherieländern hätten Probleme, an Kapital zu kommen. Sie würden vom Programm aber nicht profitieren. Zudem sieht der Deutsche Bank-Chefvolkswirt die Gefahr, dass noch niedrigere Anleihezinsen die Unternehmen dazu verleiten könnten, ihre Ausschüttungen zu erhöhen und mehr Schulden zu machen. Die Bundesbank habe immer größtes Vertrauen in der Bevölkerung gehabt. „Davon ist die EZB weit entfernt“, so Folkerts-Landau.

Scharfe Kritik übt er auch am negativen Einlagenzins. Dieser hat zur Folge, dass Banken für ihre Einlagen bei der Notenbank eine Art Strafgebühr zahlen müssen. Das trifft vor allem Banken und Versicherer. „Die Negativzinsen sind ein Killer“, sagt der 66-Jährige. Nicht ganz uneigennützig für den Chefvolkswirt einer Großbank fordert er stattdessen eine Entlastung des Bankensektors. Wenn es nach ihm ginge, sollte die EZB den derzeit negativen Einlagenzins für Banken schnell wieder auf null Prozent anheben. Davon zu trennen sei aber Zins, den Banken für die gezielten Langfristgeschäfte der EZB zahlen müssen. Aktuell bekommen sie sogar eine Prämie von der EZB, wenn sie mehr Kredite vergeben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×