Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.07.2016

14:57 Uhr

Deutsche zu Bargeld

Bargeldlose Welt ist wohl nicht so schlimm

VonFrank Matthias Drost

Nach einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom können sich viele Deutsche vorstellen, künftig komplett auf Geldscheine und Münzen zu verzichten. Das Ergebnis passt nicht ganz in die politisch geprägte Debatte.

Gestapelte Geldmünzen liegen auf Geldscheinen: Laut einer Umfrage kann sich knapp die Hälfte der Deutschen vorstellen, auf Bargeld zu verzichten. dpa

Abschaffung von Bargeld

Gestapelte Geldmünzen liegen auf Geldscheinen: Laut einer Umfrage kann sich knapp die Hälfte der Deutschen vorstellen, auf Bargeld zu verzichten.

BerlinDie Wogen schlugen hoch, als die Pläne publik wurden. Als Angriff auf die Freiheit wurde die Initiative der Bundesregierung gewertet, eine Barzahlungsobergrenze von 5000 Euro einzuführen, um Geldwäschern die Arbeit zu erschweren. Fast parallel kündigte die Europäische Zentralbank (EZB) an, den 500-Euro-Schein abzuschaffen. Viele sahen das als Start, das Bargeld ganz abzuschaffen.

Das hat die Bundesregierung zwar explizit nicht vor, doch selbst wenn es dazu käme, sehen das offensichtlich viele gelassen. „Ein Leben ganz ohne Geldscheine und Münzen ist für immer mehr Menschen denkbar“, bringt der Digitalverband Bitkom das Ergebnis einer Umfrage auf den Punkt. 46 Prozent der Deutschen können sich demnach vorstellen, in beinahe allen Alltagssituationen fast ausschließlich bargeldlos zu zahlen. Vor einem Jahr war das nur bei 36 Prozent der Befragten der Fall. Die Tendenz ist also eindeutig.

Abschaffung des 500-Euro-Scheins: Das Schein-Gefecht

Abschaffung des 500-Euro-Scheins

Premium Das Schein-Gefecht

Der EZB-Rat hat sich darauf geeinigt, den 500-Euro-Schein abzuschaffen. Damit wird die Kriminalität eingedämmt, so das Hauptargument. Doch Kritiker fürchten den Anfang vom Ende des Bargelds. Auch Ökonomen sind beunruhigt.

Überraschenderweise ist die Neigung bei den 30- bis 49-Jährigen mit 53 Prozent am ausgeprägtesten, auf Bargeld zu verzichten. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es nur 45 Prozent, bei den 50- bis 64-Jährigen 46 Prozent. Am wenigsten, nämlich 39 Prozent, können sich die Befragten ab 65 Jahre eine bargeldlose Welt vorstellen. Für Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder ist die Sache klar: „Bargeldlose Bezahlverfahren sind komfortabler und sicherer, deshalb werden sie das Bargeld auf mittlere Sicht ersetzen.“

Derzeit nutzen 93 Prozent der Deutschen Bargeld, um im Geschäft ihre Einkäufe zu bezahlen. Mit 89 Prozent zahlen fast ebenso viele bargeldlos. Dabei dominiert mit 82 Prozent die Girocard, gefolgt von der Kreditkarte mit 36 Prozent. Mobile Bezahldienste werden von 13 Prozent der Befragten genutzt.

Zu den Kritikern einer Beschränkung des baren Zahlungsverkehrs gehört Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Weder die von der Bundesregierung geplante Barzahlungsobergrenze noch die von der EZB beschlossene Abschaffung der 500-Euro-Note findet seine Zustimmung. Er hegt Zweifel, ob diese Maßnahmen „wirksame Instrumente im Kampf gegen organisierte Kriminalität, Steuerhinterziehung und den internationalen Terrorismus sind“.

Fünf Fragen zur Abschaffung des 500-Euro-Scheins

Wie funktioniert die Abschaffung?

Der 500-Euro-Schein behält zunächst seinen Status als gesetzliches Zahlungsmittel. Für die Verbraucher ändert sich daher zunächst nichts. Geschäfte müssen ihn also weiter akzeptieren. Die Banknoten können außerdem auf unbegrenzte Zeit bei der Notenbank umgetauscht werden. Es werden jedoch keine weiteren Scheine mehr gedruckt und die Planungen für eine neue Serie von 500-Euro-Banknoten eingestellt. Bis Ende 2018 geben die Notenbanken des Euro-Systems noch neue 500-Euro-Scheine aus. Dies ist möglich, weil sie noch Lagerbestände der Banknote haben. Möglicherweise verliert der Schein im Euro-Raum irgendwann seinen Status als gesetzliches Zahlungsmittel. Dazu hat die EZB aber kein Datum gesetzt.

Warum soll der 500er verschwinden?

Als Grund für das Aus führt die EZB an, dass die Banknote mit dem höchsten Nennwert mit kriminellen Aktivitäten in Verbindung gebracht wird. Sie gilt als Lieblingsschein von Kriminellen, weil sich damit viel Geld ohne größere Spuren transportieren lässt. „Der 500-Euro-Schein ist ein Instrument für illegale Aktivitäten“, hatte Notenbankchef Mario Draghi vor dem Europäischen Parlament gesagt. Kritiker bezweifeln jedoch, dass sich damit die Kriminalität verringern lässt. Verbrecher seien ja nicht zwingend auf große Scheine angewiesen, sagt etwa Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele. Zumindest haben auch Länder mit kleineren Banknoten wie die USA Probleme mit organisierter Kriminalität.

Wie wird der Schein ersetzt werden?

Insgesamt befinden sich etwa 600 Millionen Exemplare der höchsten Banknote im Umlauf. Das sind zwar nur drei Prozent aller Euro-Banknoten — wertmäßig machen sie aber rund 30 Prozent aus. Die Banknoten müssen nun schrittweise durch andere Noten im Nennwert von 50, 100 und 200 Euro ersetzt werden. Hierfür sind etwa sieben Milliarden neue Banknoten nötig. Zurzeit bringt die EZB eine neue Serie von Banknoten auf den Markt. Sie hat bereits für die Nennwerte 5, 10 und 20 Euro neue Scheine mit höheren Sicherheitsstandards aufgelegt. Bis Ende 2018 sollen neue 50-, 100- und 200-Euro-Scheine folgen. Bis diese neuen Scheine eingeführt sind, gibt die EZB noch die alten 500-Euro-Scheine aus. Auch wenn die Notenbanken keine weiteren 500er drucken, ist dies dennoch möglich, weil sie noch Lagerbestände von der höchsten Banknote haben.

Ist dies der Anfang vom Ende des Bargelds?

Kritiker sehen dies zumindest als ersten Schritt und verweisen auf entsprechende Forderungen. So hatten sich zum Beispiel der frühere US-Finanzminister Larry Summers und der US-amerikanische Ökonom Kenneth Rogoff für die Abschaffung des Bargelds ausgesprochen. Ein Grund für das Misstrauen ist die Geldpolitik der EZB. Sie hat den Leitzins bereits auf null Prozent gesenkt. Weitere Zinssenkungen wären kaum wirksam, weil die Sparer irgendwann auf Bargeld ausweichen würden. Gäbe es kein Bargeld, würden etwaige Negativzinsen voll durchschlagen. Allerdings: Die Ökonomen Summers oder Rogoff gehören zu den ganz wenigen prominenten Stimmen, die offen für das Ende des Bargelds plädieren.

Wie viel kostet die Abschaffung?

Die in Umlauf befindlichen 600 Millionen 500-Euro-Scheine müssen ab Ende 2018 durch kleinere Scheine wie 200-, 100- und 50-Euro-Noten ersetzt werden. Von diesen Scheinen wird ohnehin eine neue Serie mit höheren Sicherheitsstandards gedruckt. Nun sind aber sehr viel mehr Scheine nötig, um den 500er zu ersetzen. Der Druck der zusätzlichen Scheine kostet nach Schätzungen der EZB etwa 500 Millionen Euro. Ein neuer Geldschein kostet im Druck im Schnitt etwa zehn Cent. Es gibt aber Unterschiede: Die Fünf- und Zehn-Euro-Scheine sind etwas teurer, weil sie durch eine Plastikschicht geschützt sind. Auch der 500-Euro-Schein ist wegen seiner Größe in der Herstellung etwas teurer als etwa der 50-Euro-Schein.

„Ich habe diese Maßnahmen aber auch deswegen kritisch gesehen, weil sie von den Bürgern als erster Schritt auf dem Weg zu einer vollständigen Abschaffung des Bargelds verstanden werden konnte“, sagte Weidmann Mitte Juli in Dortmund. Und gar nichts hält Weidmann von der Idee einiger Ökonomen, durch die Abschaffung des Bargeldes negative Zinsen in der Breite durchzusetzen, also auch auf den Bankkonten der privaten Einleger. Bargeld biete eine einfache Möglichkeit, Negativzinsen zu entgehen. Zudem sei Bargeld das einzige gesetzliche Zahlungsmittel. Es ermögliche seinen Nutzern zu zahlen, ohne persönliche Informationen preiszugeben, lobt Weidmann.

Das Bundesfinanzministerium setzt indes bei der Barzahlungsobergrenze auf eine Initiative aus Brüssel. Nur ein europaweites Limit könne seinen Zweck wirksam erfüllen. Doch bislang liegen noch keine Vorschläge vor. Sollten sie kommen, darf man auf die Reaktion nach der jüngsten Bitkom-Umfrage gespannt sein.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×