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31.01.2005

07:00 Uhr

Deutschlands Anleger stellen sich auf steigende US-Zinsen ein

Keine Angst vor Alan Greenspan

VonUlf Sommer

Deutschlands Anleger fürchten sich kaum vor steigenden Zinsen. Obwohl diese in aller Regel – zumindest langfristig – die Börsen belasten, wollen deshalb nur 13 Prozent der Investoren ihre Aktienbestände reduzieren. Das ist das Ergebnis der monatlichen Anlegerumfrage des Handelsblatts und der Investmentbank Trinkaus & Burkhardt. Sie wird durchgeführt vom Meinungsforschungsinstitut AMR.

HB DÜSSELDORF. Wenn in der kommenden Woche die amerikanische Notenbank tagt, gilt als ausgemacht, dass sie zum sechsten Mal seit Juni vergangenen Jahres die Zinsen anhebt. Von einst 1,0 Prozent dürfte der Leitzins auf 2,5 Prozent steigen. Grund dafür sind Befürchtungen, die Inflationsrate könnte weiter steigen. Ursache hierfür wiederum ist die boomende Konjunktur in der größten Volkswirtschaft. Die große Mehrheit (61 Prozent) der befragten deutschen Anleger rechnet im Übrigen damit, dass der Aufschwung in den USA in diesem Jahr Deutschland bzw. die Euro-Zone erfassen wird – auch wenn nur jeder zehnte Anleger optimistisch ist, dass die Konjunktur „vor allem in Deutschland“ anspringen wird.

Angesichts vergangener Erfahrungen, wonach eine Konjunkturbelebung mittelfristig zu einer Erhöhung der Leitzinsen und damit zu Belastungen an den Aktienmärkten führt, glaubt eine Mehrheit von 53 Prozent der befragten Anleger, dass an den US-Börsen ein Abwärtsdruck entstehen wird. Davon gehen insbesondere jüngere Anleger bis 29 Jahre aus (58 Prozent). Steigende Zinsen verteuern die Kredite für Konsumenten und Unternehmen, so dass sich deren Ausgaben und Gewinne verringern. Das schlägt sich negativ auf die Konjunktur und tendenziell an den Börsen nieder.

Um den erwarteten Zinssteigerungen zu begegnen, verfolgen Deutschlands Anleger unterschiedliche Strategien. 43 Prozent wollen Wertpapiere kaufen, die von steigenden Zinsen profitieren. Dazu zählen beispielsweise Short-Zertifikate und Put-Optionsscheine. Mit ihnen können Anleger auf fallende Aktienkurse spekulieren. Je stärker die Kurse fallen, desto mehr gewinnt der Anleger mit solchen Scheinen. Doch auch Short-Zertifikate und Put-Optionsscheine auf den Bund-Future bieten sich an. Anleger spekulieren dabei auf fallende Kurse und steigende Renditen an den Rentenmärkten. Fast jede Bank bietet inzwischen entsprechende Papiere an.

38 Prozent der Anleger spielen laut der Befragung mit dem Gedanken, in Anleihen mit kurzer Laufzeit zu investieren, um so Zinsrisiken zu minimieren. Die Idee: Weil steigende Zinsen auf die Anleihekurse drücken, bleiben Anleger mit Kurzläufern flexibel und können nach Ende der Zinserhöhungsphase, wenn die Renditen entsprechend hoch und die Kurse niedrig sind, wieder langlaufende Anleihen kaufen.

Nur eine kleine Gruppe der Anleger (13 Prozent) will auf erwartete Zinssteigerungen mit einer Kürzung der Aktienpositionen reagieren. Die Börsenhistorie zeigt in der Tat, dass ein vorschneller Rückzug von den Märkten bei Zinserhöhungen die falsche Strategie ist. So notierte der amerikanische Dow-Jones-Index in den vergangenen fünf Jahrzehnten sechs Monate nach der ersten Zinserhöhung im Schnitt drei Prozent höher als vorher. Selbst ein Jahr nach der Zinswende – bezogen auf den aktuellen Zyklus wäre dies der 30. Juni 2005 – standen Aktien höher als vorher, ermittelte die US-Researchfirma Ned Davis.

Allerdings trüben sich die Aussichten mit dem ersten Zinsschritt zunehmend ein. So erzielte der Deutsche Aktienindex (Dax) seit Anfang der siebziger Jahre in Phasen von der ersten bis zur letzten US-Zinserhöhung einen Durchschnittszuwachs von nur 1,2 Prozent. Der Dow Jones verlor in solchen Zeiträumen gar 2,3 Prozent. „Die Wahrscheinlichkeit für schlechte Kurse steigt, je länger und stärker die Zinsen erhöht werden und je fortgeschrittener der Zyklus ist“, sagt Chefvolkswirtin Gertrud Traud von der Landesbank Hessen-Thüringen.

Sollten sich Anleger deshalb langsam von ihren Aktien trennen? „So einfach ist es nicht“, gibt Traud zu bedenken. Zum einen dürften die US-Zinsen noch eine ganze Weile weitersteigen. Schließlich kommen sie von einem historisch niedrigen Niveau. Der Zyklus hat also gerade erst begonnen. Und: „Markante Ausnahmen bestätigen in den letzten Jahrzehnten die Regel“, sagt Traud. So stieg der Dax von Juni 1999 bis Januar 2001, also von der ersten bis zur letzten Zinserhöhung, um 37,1 Prozent. In dem halben Jahr vor der ersten Zinserhöhung hatten die Kurse dagegen nur leicht zugelegt. So ähnlich wie diesmal, ehe US-Notenbankchef Alan Greenspan am 30. Juni 2004 den aktuellen Zinszyklus einläutete.

Ergebnisse aus der Umfrage zum Download:

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