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16.12.2015

10:14 Uhr

Die Fed und der US-Zinsentscheid

Geld soll wieder Geld kosten

VonFrank Wiebe
Quelle:Handelsblatt Live

Nach fast zehn Jahren im Dauertief könnte US-Notenbankchefin Janet Yellen heute Abend die Zinswende verkünden. Sich Geld zu leihen würde wieder teurer. Sind wir wirklich bereit für die Rückkehr zur Normalität?

Von der Chef-Notenbankerin der USA wird erwartet, dass sie heute zum ersten Mal seit fast zehn Jahren den Leitzins wieder anhebt. Reuters

Janet Yellen

Von der Chef-Notenbankerin der USA wird erwartet, dass sie heute zum ersten Mal seit fast zehn Jahren den Leitzins wieder anhebt.

New YorkIm bekannten Theaterstück „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett bleibt Godot bis zum Schluss eine geheimnisumwitterte Person. Und Godot erscheint nie, das Warten ist vergebens. Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank (Fed), wird trotz ihrer Bemühungen um eine klare Kommunikation auch immer etwas geheimnisumwittert bleiben. Allein schon, weil Geldpolitik so kompliziert ist. Und für eine Weile hatte man den Eindruck, dass das Drama um eine erste Zinserhöhung der Fed seit fast zehn Jahren noch eine weitere Parallele zu Becketts Stück aufweist: Sie wurde immer wieder verschoben, so dass man zu zweifeln begann, ob sie überhaupt noch kommt.

Immer wieder schien die Erholung der Konjunktur doch zu schwach oder die Inflation zu niedrig, oder die Märkte spielten gerade ein bisschen verrückt. Im Sommer gab es Stimmen, die vermuteten, die Fed habe den richtigen Zeitpunkt schon verpasst.

Doch an diesem Mittwoch wird die Fed zur Tat schreiten, wenn bis mittags um zwei Uhr Ortszeit in Washington nicht noch die Welt untergeht. Yellen und andere Geldpolitiker haben so deutlich davon gesprochen, dass sie kaum noch zurück können.

Wie bestellt hat auch noch die so genannte Kern-Inflationsrate etwas angezogen, bei der die zuletzt sehr schwachen Energiepreise nicht berücksichtigt werden. Sie liegt jetzt rund zwei Prozent über dem Vorjahreswert und damit bei der Zielmarke der US-Geldpolitiker.

Es kann als sicher gelten, dass der erste Zinsschritt weg von nahe Null ein viertel Prozentpunkt betragen wird. Die Investoren werden daher auf andere Dinge achten: die Andeutungen Yellens über die künftige Geldpolitik im Jahr 2016, und die wirtschaftlichen Prognosen der Fed-Entscheider, die so genannten „Dots“.

Jeder erwartet, dass Yellen sehr stark betonen wird, dass die Geldpolitik auch nach der Erhöhung die US-Konjunktur noch deutlich unterstützt – und dass es im kommenden Jahr langsam weitergehen wird. Viele Beobachter rechnen wohl auch damit, dass die Dots etwas gesenkt werden und damit die Sichtweise der Fed und die pessimistischeren Prognosen der Märkte sich annähern.

Wie die Märkte reagieren, ist kaum vorauszusehen, vielleicht erleichtert, wenn alles so kommt wie erwartet. Als die Fed Ende 2013 begann, ihre regelmäßigen Anleihekäufe einzuschränken, blieb alles ruhig, nachdem die Märkte im Vorfeld zum Teil sehr nervös agiert hatten. Aber dafür gibt es keine Garantie.

Wie es nach dem Fed-Entscheid weitergeht

Zinswende bleibt vorerst aus

Noch scheuen sich die Geldpolitiker um Fed-Chefin Janet Yellen, erstmals seit Jahren wieder am Geldhahn zu drehen. Allerdings könnte die US-Notenbank noch in diesem Jahr handeln – und damit auch die Konjunktur im Euroraum anschieben. Seit Ende 2008 liegen die Zinsen in den USA, zu dem Banken Zentralbankgeld leihen können, auf dem Tief zwischen null und 0,25 Prozent.

Warum hat die Fed die Zinsen diesmal nicht angehoben?

Ein Hauptgrund sind die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten. Im August hatte ein Kurssturz in China Europas Börsen in einen Abwärtsstrudel gezogen und an der Wall Street für massive Verluste gesorgt. „Wir achten insbesondere auf China und aufstrebende Märkte“, sagt Yellen. Die Fed spricht von „globalen wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen“, die den Aufschwung gefährden könnten.

Spielt das die Hauptrolle für die Entscheidung der Notenbanker?

Nein. Am wichtigsten sind hohe Beschäftigung und ein stabiles Preisniveau. Die Inflation liegt aber noch deutlich unter dem Zielwert von zwei Prozent, und vom Arbeitsmarkt kommen trotz hoffnungsvoller Zeichen zwiespältige Signale. Aus Sicht von Ökonomen wie Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau ist eine Zinserhöhung angesichts der US-Konjunktur aber schon lange überfällig: „Die US-Wirtschaft dürfte weiter kräftig wachsen, es herrscht praktisch Vollbeschäftigung und die Inflation, obwohl auf niedrigem Niveau, sollte sich in Richtung Zielwert der Fed von zwei Prozent bewegen.“ Die aktuelle US-Konjunkturlage verlange eine Bewegung hin zu Leitzinsen zwischen 2 und 3 Prozent.

Also geht die Spekulation um die Zinswende weiter?

Die Mehrzahl der Notenbanker ist nach wie vor der Meinung, dass die Fed das Ende ihre Nullzinspolitik noch dieses Jahr einläuten sollte. Der Offenmarktausschuss tagt bis Jahresende nur noch zweimal: Ende Oktober und am 16. Dezember. Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, erwartet spätestens im Dezember die Zinswende: „Reagieren Janet Yellen und ihre Kollegen auch nicht zum Jahresende, verspielen die Notenbanker ihre Glaubwürdigkeit.“

Ist die Fed zu zaghaft?

Nach Einschätzung vieler Beobachter schon. „Einen Zeitpunkt, zu dem eine Zinserhöhung in einer völlig stabilen weltwirtschaftlichen Situation erfolgt und keine Risiken birgt, wird es kaum geben“, warnt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Das Problem ist, dass der Druck mit jedem Aufschub zunimmt. Schließlich soll beim ersten Zinsschritt nicht der Eindruck entstehen, dass die Ära des ultrabilligen Geldes schlagartig vorüber ist. „Die Haltung der Geldpolitik wird vermutlich noch für einige Zeit nach der anfänglichen Erhöhung der Leitzinsrate hochexpansiv bleiben“, versichert Yellen deshalb.

Warum sind die Zinsen überhaupt auf dem Rekordtief?

Mit den Mini-Zinsen hatte die Fed auf die Finanzkrise von 2008 und die folgende Rezession reagiert. Bei niedrigen Zinsen investieren Unternehmen tendenziell mehr, Verbraucher geben mehr Geld aus. Das schiebt die Konjunktur an.

Welche Folgen hätte eine Zinserhöhung?

Höhere Zinsen verhindern Blasen etwa an Immobilien- und Aktienmärkten sowie eine zu hohe Inflation. Banken verleihen mehr Geld, statt es zu parken. Für viele Sparer sind Zinserträge auch eine wichtige Einnahmequelle. Allerdings würde der Dollar an Wert gewinnen, wenn gleichzeitig andere Notenbanken auf Null-Zins-Kurs bleiben. Das hätte zwei Konsequenzen, betont Targobank-Chefvolkswirt Otmar Lang: „Zum einen brächen die US-Exporte weg, zum anderen würden aus den Schwellenländern sehr hohe Geldbeträge abfließen und dort einen dramatischen konjunkturellen Einbruch herbeiführen. Und das könnte die gesamte Weltwirtschaft schwer in Mitleidenschaft ziehen.“

Wird die EZB die Zügel im Euroraum bald anziehen?

Nein. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Geldschleusen noch lange weit geöffnet und den Zins nahe der Nulllinie lassen. EZB-Präsident Mario Draghi hat sogar weitere Lockerungen in Aussicht gestellt. Liane Buchholz vom Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) rechnet frühestens 2017 mit einem ersten Zinsschritt: „Die extreme Niedrigzinsphase in Europa wird uns noch länger begleiten.“ Das ist gut für Häuslebauer, die ihre Immobilie extrem günstig finanzieren können. Aber es ist schlecht für Sparer, weil vermeintlich sichere Anlagen kaum Geld abwerfen.

Was würde eine frühere Zinserhöhung in den USA für Europa bedeuten?

Steigen die Zinsen in den USA, aber nicht in Europa, gewinnt der Dollar gegenüber dem Euro an Wert. In Dollar gehandelte Importe wie Rohstoffe werden so im Euroraum teurer. Das stärkt den mickrigen Preisauftrieb. Gleichzeitig werden hiesige Produkte auf dem Weltmarkt günstiger. Das befeuert den Export und die Konjunktur im Euroraum.

Vielleicht reagieren die Märkte auch negativ, wenn Yellen sich nicht ganz so vorsichtig äußert, wie viele erwarten. Möglicherweise gibt es auch auf den ersten Blick unverständliche Reaktionen, die allein auf den komplizierten Zusammenhängen zwischen Termin- und Kassamärkten beruhen. Dann ist die Versuchung für Kommentatoren sehr groß, in diese Reaktionen fundamentale Gründe hinein zu interpretieren, die sich anschließend schnell als heiße Luft entpuppen.

So gut wie sicher ist nur eins: Godot kommt. Geldpolitik ist zwar oft verwirrend, aber am Ende doch kein absurdes Theater.

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Kommentare (15)

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Account gelöscht!

16.12.2015, 10:36 Uhr

Mal schauen, welche Auswirkungen die US-Zinserhöhung dann für die schwächelnde EU Volkswirtschaft(en) hat....

Herr Stephan Fehlmann

16.12.2015, 10:52 Uhr

Geldpolitik ist zwar verwirrend, am Ende aber doch kein absurdes Theater....aber bis jetzt "interpretiere ich die aktuelle Geldpolitik der USA eher als absurdes Theater". Wenn heute die Zinsen erhöht werden, ist das für mich eher symbolischer Natur. Staatsverschuldungen sind so hoch, dass die Zinsen grundsätzlich gar nicht mehr angehoben werden können, und trotz Tiefzinspolitik überall kommt die Weltwirtschaft kaum vom Fleck. Yellen würde eher einmal klare Worte wählen, dann weiss am Ende alles endlich Bescheid, als dieses absurde Theater zu verursachen, kommt sie jetzt oder kommt sie nicht. Anscheinend interpretieren die Investoren das alles als undurchschaubares Theater.

Herr Tom Bauer

16.12.2015, 10:57 Uhr

Wenn die Zinswende an den Finanzmärkten schadlos vorübergeht; und davon können wir abgesehen von einigen ggf. kurzfristigen Effekten fest ausgehen, kann man mal wieder vor der Fiskalpolitik und der Finanzpolitik der angelsächsischen Staaten wieder mal nur den Hut ziehen.

Während wir seit Jahren wegen halbherziger Entscheidungen betreff Bankenrettung, Griechenlandrettung, Wirtschaftsschwäche und Angst vor Umwälzungen in der Wirtschaft verharren und der deutsche Sparer sein Geld auf dem Sparbuch bunkert haben die USA sowie England und auch z.T. die Niederlande mutig die Banken gerettet (teil-verstaatlicht) , stabilisiert und mit Gewinn an die Börse gebracht!
Gleiches gilt für ander Rettungsmaßnahmen in der Immobilienbranche (Fannie und Freddie) und sogar Automobilbranche (GM), usw.

Man kann nur festhalten: In der Geldanlage und betreff erfolgreichem wirtschaften geht ohne die USA nix. Yellen wird diese erfolgreiche Arbeit fortsetzen und die Europäer beschäftigen sich weiterhin mit Klein-Klein-Diskussionen welches Land wieviel Großbanken durchfüttern will, egal ob in Griechenland oder Portugal.
EU! ... so wird das nix!

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