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22.10.2015

20:51 Uhr

Die Instrumente der EZB

Mario Draghis Trickkiste

VonJan Mallien

Seit Monaten hält die EZB die Mini-Inflation mit Anleihekäufen am Laufen. Im Dezember will sie prüfen, ob die Maßnahme Wirkung zeigt. Sollte das nicht der Fall sein, stehen den Notenbankern vier Optionen offen.

EZB-Chef Draghi ist noch nicht am Ende seine Möglichkeiten. dpa

EZB-Chef Draghi ist noch nicht am Ende seine Möglichkeiten.

FrankfurtIm Dezember will die EZB prüfen, ob ihre Geldpolitik die Konjunktur und Inflation ausreichend stimuliert. Bis dahin sollen Ausschüsse der Zentralbank die Vor- und Nachteile einzelner Maßnahmen genauer untersuchen. Für eine geldpolitische Lockerung kommen vor allem vier Optionen infrage:

1. Verlängerung der Anleihekäufe
Seit März kauft die EZB monatlich Wertpapiere der Euro-Länder im Wert von 60 Milliarden Euro. Ursprünglich sollten diese Käufe bis September 2016 laufen. Allerdings könnte Draghi bereits jetzt ankündigen, dass sie über diesen Zeitraum hinaus fortgesetzt werden. Ohnehin ist schwer vorstellbar, dass die EZB die Käufe abrupt auf null herunterfährt.

2. Erhöhung der monatlichen Anleihekäufe
Ein stärkeres Signal ginge von einer Ausweitung der monatlichen Käufe aus. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer hält dies deshalb für etwas wahrscheinlicher als eine bloße Verlängerung des Anleihekaufprogramms über September 2016 hinaus. Allerdings könnte dies zu dem Problem führen, dass einzelne Staatsanleihen knapp werden. Denkbar wäre dann, dass die EZB zum Beispiel noch andere Wertpapiere wie Unternehmensanleihen kauft.

Sechs Monate Massenkauf von Staatsanleihen – Ist die EZB mit QE erfolgreich?

Kauf von Staatsanleihen

Die Notenpresse der Europäischen Zentralbank (EZB) läuft auf Hochtouren. Vor fast einem halben Jahr (9.3.) haben Europas Währungshüter im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche die Geldschleusen geöffnet. Seither kaufen sie Monat für Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere (Quantitative Easing). Erzielt das viele Geld die erhoffte Wirkung? (Quelle: dpa)

Warum hat die EZB QE gestartet?

Ziel der Notenbank sind stabile Preise. Darunter verstehen die Währungshüter eine Inflationsrate knapp unter zwei Prozent. Von diesem Wert ist der Euroraum allerdings seit Monaten weit entfernt. Zu Jahresbeginn sanken die Verbraucherpreise sogar. Deshalb befürchteten die Währungshüter eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang quer durch die Warengruppen. Mit dem Kauf von Vermögenswerten stemmt sich die EZB dagegen, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmen könnte. EZB-Vize-Präsident Vítor Constâncio ist überzeugt: „Die volle Umsetzung unserer Wertpapierkäufe wird die Inflation wieder auf ein Niveau zurückführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht.“

Hat die EZB keine anderen Mittel?

Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für den Leitzins, das wichtigste Instrument der Geldpolitiker: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft.

Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

Die EZB kauft Wertpapiere bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm Unternehmen und Verbrauchern hilft, leichter Kredite zu bekommen. Das soll die Investitionstätigkeit steigern, Jobs schaffen und das Wirtschaftswachstum stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“ (QE).

Wie viel Geld hat die EZB dafür bereits ausgegeben?

Bisher liegt das Volumen der gekauften öffentlichen Papiere bei knapp 290 Milliarden Euro. Zudem kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS).

Hat sich die Kreditvergabe verbessert?

Ja. Im Juli stieg die Kreditvergabe an den privaten Sektor um 1,4 Prozent, nachdem sie im Vormonat um 0,9 Prozent gewachsen war. Damit zeichnet sich ab, dass die lange Phase mit sinkender Kreditvergabe vorbei sein dürfte. Aus Sicht von BayernLB-Experte Johannes Mayr wächst die Hoffnung, dass der Kreditimpuls die Konjunktur künftig etwas stärker beflügeln wird.

Wirkt sich das bereits auf die Inflation aus?

Nein, jedenfalls nicht spürbar. Im August verharrte die jährliche Inflationsrate bei 0,2 Prozent – vor allem, weil die Energiepreise wieder kräftig gefallen sind. Erst kürzlich hatte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet eingeräumt, dass das Risiko gestiegen sei, das Inflationsziel noch länger als vermutet zu verfehlen. Praet betonte aber, dass die EZB nachlegen könnte: „Es sollte keine Zweifel geben bezüglich des Willens und der Fähigkeit des EZB-Rates zu handeln, falls es nötig wird.“ Das Anleihenkaufprogramm weise sowohl beim Volumen als auch bei der Dauer genug Spielraum auf.

Was sagen Experten?

Angesichts des Ölpreisverfalls schließen Ökonomen in den kommenden Monaten sinkende Verbraucherpreise nicht aus. Die Allianz hält fest: „Obwohl die EZB bereits seit März dieses Jahres jeden Monat Staatsanleihen und andere Wertpapiere [...] mit dem erklärten Ziel kauft, so das Risiko einer Deflation abzuwenden, ist die Inflationsrate in den letzten sechs Monaten kaum gestiegen und notiert weiterhin nahe Null.“ Die Teuerung zeige sich unbeeindruckt von den geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen der EZB. Trotzdem sei eine Ausweitung des Kaufprogramms nicht ratsam: „Die Verabreichung einer höheren Dosis der falschen Medizin dürfte kaum die Erfolgsaussichten der EZB-Strategie verbessern.“

Hat QE die Konjunktur befeuert?

Die Wirtschaft im Euroraum wuchs im zweiten Quartal um 0,3 Prozent. „Die Frühindikatoren signalisieren, dass das Expansionstempo auch im Sommer – trotz der zwischenzeitlichen Eskalation in Griechenland und der Sorgen um die chinesische Wirtschaft – in dieser Größenordnung liegt“, betonte Mayr. Ein Wachstumstreiber hat zuletzt aber an Zugkraft verloren, wie Commerzbank-Experte Michael Schubert betont: „Die Anleihenkäufe haben den Euro-Außenwert nicht wie von der EZB erhofft gedämpft.“ Seit April hat der Euro spürbar aufgewertet – das verteuert Exporte in Märkte wie China oder die USA. Anna Stupnytska von Fidelity Worldwide Investment warnt, dass könne der Erholung im Export das Wasser abgraben.

Was heißt das alles für Sparer?

Die Anleihekäufe haben keine direkte Auswirkung auf die Zinsen auf Sparbuch und Co. Doch die EZB wird die Leitzinsen nicht erhöhen, solange das Programm läuft. Die Zeiten bleiben also hart für Sparer. Aktionäre profitieren hingegen tendenziell von der Geldschwemme – auch wenn die jüngsten Börsen-Turbulenzen im Zusammenhang mit der China-Flaute die Kurse gedrückt haben. Auch Hausbesitzer können sich freuen, weil ihre Immobilien zuletzt an Wert gewonnen haben. Experten warnen allerdings vor Blasen an den Aktien- und Immobilienmärkten.

3. Senkung des Einlagenzinses
Bereits im Sommer vergangenen Jahres hat die EZB als erste große Notenbank einen Strafzins von minus 0,2 Prozent für Bankeinlagen eingeführt. Nun hat Draghi hier weiteren Spielraum signalisiert. Allerdings ist dieses Mittel im EZB-Rat sehr umstritten. Mehrere EZB-Vertreter haben zuletzt signalisiert, dass eine Senkung des Einlagenzinses weniger bringen würde als als eine Verlängerung oder Aufstockung der Anleihekäufe.

4. Änderung der Zusammensetzung der Käufe
Derzeit kauft die EZB am Markt die Anleihen der Euro-Länder entsprechend ihres Kapitalschlüssels auf. Das heißt: Sie kauft vor allem deutsche Bundesanleihen. Allerdings ist der langfristige Zins in Deutschland bereits sehr niedrig. In anderen Euro-Ländern wie zum Beispiel Italien oder Spanien gibt es noch größeren Spielraum nach unten. Die Effektivität der Anleihekäufe könnte deshalb größer sein, wenn die Zentralbank ihre Käufe stärker auf die Länder fokussiert, die höhere langfristige Zinsen zahlen. Allerdings wäre ein solcher Schritt politisch extrem umstritten. Denn hinter den Zinsdifferenzen steht auch eine unterschiedliche Fiskalpolitik. Länder mit größeren Defiziten müssen in der Regel mehr Zinsen zahlen. Mit einem solchen Eingriff würde die EZB schlechte Haushaltspolitik belohnen, sagen Kritiker.

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