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05.06.2015

19:54 Uhr

Die Psycho-Trader - ein Börsenhändler packt aus

„Geld mit Geld zu verdienen ist krank“

VonJessica Schwarzer

Schmutzige Tricks, waghalsige Spekulationen und Korruption – die Ex-Kollegen von Volker Handon werden seine schonungslosen Einblicke in ein krankes Finanzsystem ungern lesen. Es geht um Gier, Macht und andere Drogen.

Was spielt sich in den Köpfen von Wertpapierhändlern ab? Getty Images

Psycho-Trader

Was spielt sich in den Köpfen von Wertpapierhändlern ab?

DüsseldorfEr bezeichnet sich als Spieler. Seit er denken könne, sei er mit großem Vergnügen einem starken Spieltrieb gefolgt. Und das war, wie Volker Handon bekennt, der zentrale Antrieb für viele wichtige Entscheidungen in seinem Leben. Das gilt auch für seine Berufswahl. „Ohne diese Freude am permanenten Wettbewerb hätte ich die letzten fünfundzwanzig Jahre sicher nicht als Wertpapierhändler verbracht und wäre auch nicht bis heute als Day-Trader am Finanzmarkt unterwegs“, so Handon. Und er hätte nicht das Buch „Die Psycho-Trader. Aus dem Innenleben unseres kranken Finanzsystems. Ein Insider erzählt.“ geschrieben – eine schonungslose und recht unterhaltsame Abrechnung mit dem seiner Meinung nach kranken und korrupten Finanzsystem.
Seit mehr als 25 Jahren tummelt sich Handon in diesem Haifischbecken, arbeitete zunächst für Banken und Fondsgesellschaften, später dann auf eigene Rechnung. Sein Fazit: „Geld mit Geld zu verdienen ist krank. Und es macht krank, wenn man nicht aufpasst.“ Er ist ein Freund klarer Worte. Er klagt an, er gesteht, er enthüllt. Weil er niemandem mehr verpflichtet ist, kann er offen und authentisch von seinen Jahren in den Handelssälen berichten. Seine ehemaligen Kollegen werden das nicht gerne lesen.
Alle Vorurteile, die man so hat über die Herren des Geldes, werden in diesem Buch bestätigt. Es ist fast eine Light-Version von „The Wolf of Wall Street“ – nur ohne extralange Motivationsreden im Drogenrausch und meterlange Yachten. Frankfurt statt Wall Street eben.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Doch die Emotionen, die die Händler in Mainhattan antreiben, sind dieselben wie in Manhattan. Extreme Gier, der Wunsch, der Beste zu sein, Macht über den Markt zu haben, Adrenalin pur – das treibt die Banker an. Die Bandagen, mit denen gekämpft wird, sind nicht minder hart. Mit unlauteren Methoden wird um den maximalen Profit gezockt. Ein Spiel, bei dem es kaum Grenzen gibt.
In dem aber Volker Handon an seine Grenzen gestoßen ist und einige extrem bittere Erfahrungen machen musste. Als der erfolgsverwöhnte Händler sich nämlich das erste Mal selbstständig machte, riss seine Glückssträhne. „Der Handel mit eigenem Kapital hatte überhaupt nichts mit dem zu tun, was ich zuvor gemacht hatte“, schreibt er. „Pausenlos verlor ich Geld. Wirklich pausenlos.“ Hatte er als angestellter Händler angeblich den Dreh raus und sein Risiko im Griff, lernte er nun ein für ihn völlig neues Gefühl kennen: die Angst. „Während meines Angestelltendaseins hatte ich Angst nie gespürt. Warum auch? Was konnte ich als Angestellter schon verlieren? Okay, meinen Job, aber zumindest damals war das kein Problem – ich hätte am nächsten Tag gewiss einen neuen Gefunden. (…) Es war nicht mein Geld, das ich als angestellter Trader verlor“, beschreibt er seine Gefühlslage. Stressfrei sei sein Job gewesen.

Das sollte sich ändern. Verlustängste quälten und lähmten ihn. „Ich war tatsächlich mit der naiven Vorstellung in meine Selbstständigkeit gestartet, dass ich mein Wissen und die Erfahrung, die ich als Angestellter gesammelt hatte, eins zu eins auf meinen Handel auf eigene Rechnung übertragen konnte. Doch jetzt spiegelte sich die Angst in jeder einzelnen Kaufentscheidung.“ Doch mit dieser Erkenntnis kam auch die Lösung. Er las alles über Handelspsychologie, Biografien bekannter Spekulanten, setzte sich mit seiner eigenen Psyche auseinander. In dieser Zeit kam er sich vor, als habe er Hunderte Stunden auf der Seelenklempner-Couch gelegen, nur dass er sein eigener Psychologe war. „Wenn man als selbständiger Händler erfolgreich überleben will, muss man bereit sein, sich jeden Tag einen Spiegel vorzuhalten und in die innersten Abgründe zu blicken.“ Und das tut er auch in seinem Buch. Es sind aber nicht nur seine innersten Abgründe, sondern auch die seiner ehemaligen Kollegen.

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