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07.08.2012

07:02 Uhr

Die Vorteile der eigenen Währung

Der lukrative Sonderweg

VonJan Mallien

Mit einer eigenen Währung manövrieren die Schweiz und Großbritannien durch die Euro-Krise. Für sie bieten sich Chancen. Die Schweiz hat dank der Euro-Krise riesige Devisenreserven angehäuft - und macht satte Gewinne.

Die Schweizer sind froh über ihren Franken. Getty Images

Die Schweizer sind froh über ihren Franken.

DüsseldorfDie Schweiz will für den Ernstfall gewappnet sein. „Wir müssen auch für den Fall der Fälle vorbereitet sein, dass die Währungsunion zusammenbricht, obwohl ich nicht damit rechne“, hatte der Präsident der Schweizer Nationalbank, Thomas Jordan, im Mai in einem Interview gesagt. Ein Euro-Zusammenbruch wäre der schlimmste denkbare Fall. Für wahrscheinlicher hält Jordan eine längere Phase größerer Schwierigkeiten in der Euro-Zone. Die Situation werde sich erst beruhigen, wenn die Spar- und Reformanstrengungen in der Eurozone wirkten.

Die Schweiz kann die Probleme in der Euro-Zone aus der Distanz betrachten. Sie ist weder Mitglied der EU noch der gemeinsamen Währungsunion. Die Probleme in der Euro-Zone treffen zwar auch die Schweiz - aber sie bieten dem Land auch Vorteile.

Die EZB als entscheidende finanzpolitische Macht

Käufer von Staatsanleihen

Die EZB hat ein Programm zum Ankauf von Staatsanleihen. Sie kann frei entscheiden, wie viele Anleihen sie von Ländern kauft, um deren Zinslast zu drücken. Bislang hat die EZB für 211 Milliarden Euro Staatsanleihen gekauft - wie viele Bonds sie jeweils von welchen Ländern gekauft hat, hält sie geheim.

Regierungsaufseher

In Griechenland, Portugal und Irland kontrolliert die EZB zusammen mit der EU-Kommission und dem Internationalen Währungsfonds direkt die Finanz- und Wirtschaftspolitik der jeweiligen Regierung. Das schließt sogar detaillierte Vorgaben zur Reform des Taxigewerbes ein. Wenn der Rettungsschirm ESM einsatzbereit sein sollte und weitere Länder sich unter seinen Schutz begeben, könnte sich die indirekte Regierungsbeteiligung der EZB bald über halb Europa erstrecken.

Bankenretter

Eigentlich sollte die EZB nur solventen, also kreditwürdigen Banken Liquidität gegen gute Sicherheiten geben. Aber nachdem ganze Bankensysteme aus den Fugen geraten waren, zeigte die EZB sich immer großzügiger: Sie hat den Banken eine Billion Euro an Krediten mit dreijähriger Laufzeit gegeben. Damit ersetzt sie die Bankanleihen, über die sich die Häuser sonst finanzieren, die viele Banken aber nicht mehr absetzen können, weil sie als nicht mehr solvent genug gelten. Ohne diese Sonderkredite der EZB hätten viele Banken auslaufende Bankanleihen nicht mehr bedienen können und hätten geschlossen werden müssen, mit hohen Kosten für die Steuerzahler.

Undurchsichtige Nothilfen

Besonders undurchsichtig sind die Nothilfen, mit denen nationale Zentralbanken Problembanken helfen. Diese Nothilfe, genannt „Emergency Liquidity Assistance“ (ELA), kommt zum Einsatz, wenn Banken nicht mehr über genügend für die EZB akzeptable Sicherheiten verfügen. Die Notenbanken Griechenlands und Irlands, die am stärksten ELAs vergeben haben, weisen das Volumen dieser Hilfsprogramme in ihren Bilanzen nicht eindeutig aus. Griechische Banken können sich derzeit nur noch über ELA mit Liquidität versorgen.

Bankaufseher

Die europäischen Regierungschefs haben beschlossen, eine gemeinsame europäische Bankaufsicht zu schaffen. Die EZB soll die Oberhoheit bekommen und arbeitet bereits Pläne aus. Kritiker, auch unter den Notenbankern, fragen sich, wie man eine politisch unabhängige Institution, die sich für ihr Tun und Unterlassen nicht rechtfertigen muss, Entscheidungen über die Abwicklung oder Rettung von Banken treffen lassen kann, die die Steuerzahler Hunderte Milliarden Euro kosten können.

Außenhandelsfinanzierer

Durch die großzügige Notenbankhilfe werden nicht nur Banken gerettet, sondern ganze Staaten. Denn mit dem großzügigen Kredit von der EZB bezahlen die griechischen oder spanischen Banken die Forderungen des Auslands. Die entstehen dadurch, dass diese Länder im Handels- und Kapitalverkehr mit dem Ausland weniger einnehmen, als sie bezahlen müssen. Da sie den nötigen Kredit von privater Seite nicht mehr bekommen, müssten sie ihre Einfuhren sofort massiv einschränken, wenn die Notenbank nicht so großzügig Kredit gewährte.

Eindrucksvoller Beleg dafür sind die Schweizer Devisenreserven. Kaum eine Zentralbank auf der Welt hat so viel Geld auf der hohen Kante liegen, wie die Schweizer Nationalbank. Fast 400 Milliarden Franken - zwei Drittel der Schweizer Wirtschaftsleistung - haben die Schweizer in ausländischen Wertpapieren angelegt. Über die genaue Anlageform ihrer Devisenreserven hält sich die Schweizer Nationalbank zwar bedeckt. Vermutlich aber hat sie einen Großteil in ausländischen Anleihen mit Top-Bonität investiert und einen geringen Teil in ausländischen Aktien.

Die hohen Devisenreserven der Schweiz sind das Resultat der Kopplung des Schweizer Frankens an den Euro. Die Schweizer Nationalbank hat einen Mindestkurs von 1,20 Franken für den Euro festgelegt. Die Konsequenz:Wenn der Euro gegenüber dem Franken schwächelt, interveniert die Schweizer Nationalbank. Sie kauft so viel Euros, wie nötig sind, damit der Euro-Kurs nicht unter 1,20 Franken fällt. Die Euros zahlt sie, indem sie ihre Geldmenge ausweitet und frische Franken druckt. "Durch die Interventionspolitik sind die Devisenreserven der Schweizer Nationalbank in den letzten Monaten stark gestiegen," sagt Michael Lamla von der Schweizer Konjunkturforschungsstelle (KOF) aus Zürich.

So viel kostet Europa

Rettungsfonds EFSM

Beim Rettungsfonds EFSM stehen 60 Milliarden Euro zu Buche. Der deutsche Anteil beträgt dabei 12 Milliarden Euro.

1. Rettungspaket für Griechenland (IWF und EU)

Griechenland erhielt durch das erste Rettungspaket 110 Milliarden Euro, 24 Milliarden davon kamen aus Deutschland.

Einlagensicherungsfonds (von Experten geschätzt)

Nach Schätzung der Citigroup müsste der von der EU-Kommission geforderte Einlagensicherungsfonds ein Volumen von 197 Milliarden Euro haben. Der deutsche Anteil läge dann bei bis zu 55 Milliarden Euro.

EZB-Staatsanleihenkäufe

Die Europäische Zentralbank hat Staatsanleihen für 209 Milliarden Euro eingekauft. Der Bund ist daran mit 57 Milliarden Euro, also mehr als einem Viertel, beteiligt.

IWF-Beitrag zu den Rettungspaketen

Der Internationale Währungsfonds zahlte 250 Milliarden Euro für die Rettungspakete. Deutschland gab dafür 15 Milliarden.

Geplanter ESM

Der dauerhafte Rettungsschirm soll ein Volumen von 700 Milliarden Euro haben. Deutschland wäre daran mit 190 Milliarden Euro beteiligt.

Bürgschaften im Rettungsfonds EFSF

Der Rettungsfonds bürgt mit 780 Milliarden, Deutschland allein mit 253 Milliarden Euro.

Target-Verbindlichkeiten

Die Target-Verbindlichkeiten liegen innerhalb des EZB-Verrechnungssystem bei 818 Milliarden Euro. Der deutsche Anteil daran beträgt 349 Milliarden Euro.

Kommentare (24)

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pensionskonto

07.08.2012, 07:32 Uhr

Kann man nur neidisch werden: ein Land basisdemkratisch regiert, bestens vernetzt in der Welt, ausgewogene Industrie- und Finanzkultur, hohe Einkommen, hohes Niveau
------u n d k e i n e E U R O K R I S E----------------

CH-Buerger

07.08.2012, 07:54 Uhr

Die in Euro gehaltenen Währungsreserven sind für die Schweizerische Nationalbank auch nicht gerade ohne Risiko. Sollte der Euro weiter an Wert verlieren und die Fixierung des CHF/Euro-Kurses nicht mehr haltbar sein, dann risikert die Nationalbank einen grossen Währungsverlust, der ihr Eigenkapital vernichten kann.

Chris6000

07.08.2012, 07:55 Uhr

In diesem Bericht werden ökonomische Thesen als harte Fakten verkauft. Zum Beispiel, dass das Gelddrucken der schweizerischen Notenbank zu keiner Inflation führen wird. Insoweit hat der Artikel nicht nur keinen Nährwert für den meinungsbildenden Leser, sondern täuscht ihn.

Im übrigen hat die Notenbank im 1.Quartal 2012 aufgrund der 1,20 Politik erstmal ordentliche Verluste verbucht. Im 2. Quartal hat sie nun ordentliche Gewinne vermelden können. Nunja, ich empfehle den Artikel mal in einem 3/4 Jahr nochmal gegenzulesen und ihm mit der Realität abzugleichen. Ich denke man wird sich wundern.

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