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18.12.2015

08:42 Uhr

Dreifacher Hexensabbat

Wie die Hexen heute die Börse aufmischen

VonMichael Brächer

Heute ist an Finanzmärkten mehr los als sonst. Schuld ist der gefürchtete dreifache „Hexensabbat“, an dem die Kurse angeblich häufig verrückt spielen sollen. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht.

Achtung, Zauberei: Viermal im Jahr werden die Börsen vom Hexensabbat heimgesucht. dpa

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Achtung, Zauberei: Viermal im Jahr werden die Börsen vom Hexensabbat heimgesucht.

FrankfurtBörsenhandel gilt als seriöse Sache. Eine Hexe mit Besenstiel käme wohl kaum an den Sicherheitsleuten der altehrwürdigen Frankfurter Wertpapierbörse vorbei - gefragt sind Anzug und Krawatte. Trotzdem heißt es in den Medien regelmäßig, dass die Handelsplätze von Hexen heimgesucht werden. Am großen Hexensabbat, auch „großer Verfallstag“ genannt, soll es zu heftigen Kursbewegungen kommen. Auch der heutige Freitag ist ein solcher Tag.

Immer am dritten Freitag in März, Juni, September und Dezember laufen weltweit an den Börsen viele Termingeschäfte auf einmal aus. Das sind Finanzprodukte wie Futures oder Optionen, mit denen Anleger zum Beispiel auf die künftige Entwicklung einer Aktie wetten können. Was läge also näher, als den Aktienkurs in die richtige Richtung zu bewegen, damit die Wette aufgeht? Doch welche Auswirkungen die Verfallstage auf die Aktienmärkte haben, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Fakten rund um den Dax

Die Anfänge

Der Dax führt den Index der „Börsen-Zeitung” fort. Basis der Indexberechnung ist der 30. Dezember 1987 mit einem Wert von 1.000 Punkten. Die historische Zeitreihe reicht bis 1959 zurück.

Wer ist gelistet?

Im Dax sind die Aktien der 30 größten und umsatzstärksten deutschen Unternehmen an der Frankfurter Wertpapierbörse enthalten.

Wie wird der Dax berechnet?

Der Index wird sekündlich auf Basis der Xetra-Kurse von 9.00 bis 17.30 Uhr berechnet und ist ein Performance-Index. Damit unterscheidet er sich vom Dow-Jones-Index für die US-Standardwerte, in dem die Aktien nicht gewichtet sind.

Wonach werden die Aktien gewichtet?

Das Gewicht einer Aktie bemisst sich nach dem Anteil an der gesamten Kapitalisierung der im Index enthaltenen Werte.

Was entscheidet über die Aufnahme in den Dax?

Wichtigstes Kriterium für die Dax-Aufnahme sind der Wert des Unternehmens an der Börse (Marktkapitalisierung) und der Börsenumsatz. Jeweils zu Monatsbeginn erstellt die Börse nach diesen Kriterien eine Rangliste, die dem Arbeitskreis Aktienindizes als Entscheidungsgrundlage bei der Überprüfung des Index dient. Daneben werden unter anderem auch der Streubesitz oder die Sektorenzugehörigkeit berücksichtigt.

Wie beeinflussen Dividenden den Index?

Bei Dividenden- oder Bonuszahlungen wird die Indexberechnung um den Betrag der Barausschüttung korrigiert. Ähnliches gilt bei Kapitalmaßnahmen.

Wer bestimmt über den Dax?

Die Zusammensetzung des Dax wird einmal jährlich im September vom Arbeitskreis Aktienindizes überprüft. Diesem gehören die Deutsche Börse und Banken aus dem In- und Ausland an. Der Arbeitskreis tagt aber vier Mal im Jahr: im März, Juni, September und Dezember.

Börsianer warnen regelmäßig vor abrupten Kursbewegungen am Hexensabbat. Großanleger, so heißt es, wollten Kurse in die für sie günstige Richtung bewegen, um mit ihren Futures und Optionen mehr zu gewinnen – oder nicht zu viel zu verlieren. Und das klingt erst einmal plausibel. Doch wenn es um die Frage geht, welche Effekte der Hexensabbat auf die Aktienkurse hat, sind Märchen und Wahrheit nur schwer zu unterscheiden.

Der Begriff des Hexensabbats hat eine unrühmliche Geschichte, denn er geht auf die Hexenlehre zurück, die im 15. Jahrhundert aufkam: Damals glaubten Hexentheoretiker, dass sich die Hexen an geheimen Orten treffen würden, um dort den Satan persönlich anzubeten - und nutzten das als Rechtfertigung für die Hexenverfolgung. Wie sich die Leute ein solches Treffen vorstellten, beschreibt Wilhelm Gottlieb Soldan in seiner Geschichte der Hexenprozesse: „Bei Eröffnung der Versammlung wirft sich alles nieder, betet den Satan an, nennt ihn Herrn und Gott und wiederholt die bereits bei der Aufnahme ausgesprochene Lossagung vom Glauben”. Die Hexensabbate waren ein Mythos, und auch der Hexensabbat an der Börse hat das Zeug zum Märchen.

Inzwischen haben zwar ganze Generationen von Ökonomen den so genannten „Witching Day“ erforscht. Doch die Ergebnisse sind uneinheitlich. Als ausgemacht gilt, dass am Hexensabbat mehr Aktien gehandelt werden als sonst. Doch ob die Kurse dann auch stärker schwanken, ist umstritten. So kommt etwa eine Studie der Universität von Stockholm aus dem Jahr 2014 zu dem Fazit, dass es durch den Verfallstag keine signifikanten Verzerrungen am Aktienmarkt gibt.

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Nach dem Kursfeuerwerk zur eingeläuteten US-Zinswende nutzen Anleger am Freitag die Chance zum Kasse machen. Ein entkräfteter Dax verliert am Hexensabbat über ein Prozent. Der tiefe Ölpreis bleibt eine Hypothek.

Dabei gibt es viele Derivateanleger, die durchaus ein Interesse hätten, die Kurse am Verfallstag in für sie günstige Richtungen zu bewegen. Schließlich laufen am Hexensabbat in Deutschland die Kontrakte auf den Leitindex Dax, die Stoxx-Indizes und auf einzelne Aktien aus. Betroffen sind Futures und Optionen, mit denen Anleger auf die künftige Kursentwicklung wetten.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

18.12.2015, 08:55 Uhr

Man(n) kann jeden Hobby-Trader, Zocker oder Spekulanten nur raten die Füße still zu halten und die Show zu genießen. Mit irgendwelchen CFDs o.ä. Retalschrott gegen Handelsmaschinen/system anzutreten, die mit Micro-Sekundenlatenzzeiten Futures in den Markt schießen können, ist absurd und lächerlich.

Das ist eine brutale Hi-Tech-Schlacht und Spielwiese programmierter Algorithmen untereinander im Kampf um Milli-Sekunden. Und beim Algotrading hat außerhalb der FWB-Teilnehmer auch niemand was zu suchen.

Herr Thomas Behrends

18.12.2015, 09:04 Uhr

Die Leute an der Börse haben z.T. nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Kurzfristiges, aktionistisches Vorgehen, Gier und nervöses Traden kennzeichnen ganz offenbar das Verhalten dieser Spezies Mensch.

Anstatt den immer wiederkehrenden Anlässen entspannt entgegen zu schauen zeigen sich diese Börsianer in einer Art mittelalterlicher Panikmache.

Danach geht man wieder zur Tagesordnung über.

Also, was ist schon Großartiges passiert? Oder brauchen Redakteure nur Schlagzeilen?

Herr wulff baer

18.12.2015, 09:12 Uhr

Sehr treffend beschrieben, Herr Linus Freiherr vom Westend.
Und weil das alles so ist, kaufen die Deutschen relativ wenig von den Tulpenzwiebel-Wertpapieren deren Wert so unter der Allmacht der Algos schwankt wie ein Grashaöm im Winde.

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