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23.01.2007

12:00 Uhr

Drohende Verstaatlichungen in Venezuela verunsichern Investoren

Unruhe an der Börse Caracas

VonAlexander Busch

An der Börse in Venezuela geht es turbulent zu. Noch im vergangenen Jahr hatte der IBC-Aktienindex mit einem Kursgewinn von 156 Prozent als zweitbeste Börse weltweit ein Rekordjahr abgeschlossen. Dann aber verkündete Präsident Hugo Chávez vor wenigen Tagen, dass er Telekom- und Energiekonzerne verstaatlichen wolle.

SAO PAULO. Darauf verlor die Börse innerhalb von drei Tagen rund ein Drittel ihres Wertes. Analysten rechnen in nächster Zeit mit extremen Kursschwankungen. Aktienexperte Alberto Ramos von der Investmentbank Goldman Sachs ist sicher: „Das Investitionsrisiko in Venezuela wird weiter zunehmen.“

Auslöser des Börsencrashs war, dass Chávez in seiner Ankündigung über Verstaatlichungen explizit den Telekomkonzern CanTV erwähnte. Der größte Telefonkonzern Venezuelas ist auch der einzige Blue-Chip in Caracas: Ein Drittel der gesamten Börsenkapitalisierung konzentriert sich auf diese Aktie. Zudem sind die Papiere von CanTV an der New Yorker Börse als ADR (Hinterlegungsscheine) gelistet. Der amerikanische Telekomkonzern Verizon hält 29 Prozent der Anteile. Die spanische Telefónica besitzt sieben Prozent. Seit einem Jahr versucht Verizon zudem, seine Anteile an die mexikanischen Telekomkonzerne Telmex und America Movil zu verkaufen, erhielt jedoch bisher nicht die Genehmigung der Aufsichtsbehörden.

Erst als der neue Finanzminister Rodrigo Cabezas erklärte, dass die verstaatlichten Konzerne entschädigt würden, beruhigte sich die Börse. Das galt auch für die Aktie des ebenfalls von den Enteignungen betroffenen Stromkonzerns EDC, an dem der US-Energiekonzern AES 87 Prozent der Anteile hält. Für die meisten ausländischen Investoren ist die Berg- und Talfahrt der Börse in Caracas allerdings kaum von Bedeutung. Denn der venezolanische Aktienmarkt ist klein: Derzeit haben die 20 Werte im Leitindex eine Kapitalisierung von rund fünf Mrd. Dollar. Außerdem nutzen die Konzerne die Börse nur selten zur Kapitalaufnahme.

Wichtiger für die Börsenbewegungen ist, dass sich die Venezolaner über den Aktienmarkt Devisen beschaffen, um die Wechselkurskontrollen des Landes zu umgehen. Venezolaner, die Dollar tauschen wollen, kaufen zunächst lokale CanTV-Aktien (in Bolívar). Diese können sie dann gegen ADR in den USA tauschen und deren Wert nach dem Verkauf in Dollar auf einem ausländischen Konto gutschreiben lassen. Ein ähnliches Tauschgeschäft findet auch mit Bonds statt. Der spektakuläre Anstieg des venezolanischen Börsen-Indexes im vergangenen Jahr lässt sich zum großen Teil mit den Devisengeschäften über den Aktienmarkt erklären.

Der verschärfte Verstaatlichungskurs in Venezuela verunsichert die Investoren in ganz Lateinamerika: Denn einerseits ist nicht klar, wie weit die Enteignungen greifen werden. Finanzminister Cabezas hatte nach dem ersten Börsencrash versichert, dass nur die Energie- und Telekombranche verstaatlicht würden. Von anderen Regierungsmitgliedern war aber zu hören, dass Chávez auch den Bergbau und die Energiebranche stärker kontrollieren wolle. Die Aktien der Goldkonzerne Crystallex International und Gold Reserve verloren deshalb nach der Rede des Präsidenten stark an Wert. Ebenso verzeichnete der Stahlkonzern Ternium aus Argentinien Kursverluste. Denn rund ein Drittel der Produktionskapazitäten Terniums befinden sich in Venezuela.

Dennoch profitieren auch einige Konzerne in Lateinamerika von den Verstaatlichungen in Venezuela: So hat der brasilianische Energiekonzern Petrobras jetzt zwei Raffinerie-Projekte mit PdVSA, dem staatlichen Ölkonzern Venezuelas, unterzeichnet. Chávez kündigte zudem an, dass er im Rahmen so genannter Sozialprojekte verstärkt Aufträge an brasilianische Zulieferer der Bau-, Chemie- und Lebensmittelbranche vergeben will. Der Petrochemiekonzern Braskem sowie die Lebensmittelhersteller Sadia und Perdigão könnten künftig daher zu den Kursgewinnern zählen.

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