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01.02.2012

14:37 Uhr

DWS-Chefstratege im Interview

„Die Krise kann ein Jahrzehnt dauern“

VonAnke Rezmer

DWS-Chefanlagestratege Asoka Wöhrmann glaubt, das Thema Schuldenschnitt in Griechenland könnte schon bald erledigt sein. Auch für die Finanzmärkte sieht er Hoffnungszeichen, warnt Anleger aber vor neuen Turbulenzen.

Asoka Wöhrmann wechselt nach einem VWL-Studium, Promotion und Lehrtätigkeit im Jahr 1998 als Fondsmanager zur DWS. Heute verantwortet der 46-Jährige die Anlagestrategien des Unternehmens. Bert Bostelmann / Bildfolio für Handelsblatt

Asoka Wöhrmann wechselt nach einem VWL-Studium, Promotion und Lehrtätigkeit im Jahr 1998 als Fondsmanager zur DWS. Heute verantwortet der 46-Jährige die Anlagestrategien des Unternehmens.

Handelsblatt: Herr Wöhrmann, was wird mit griechischen Staatsanleihen passieren?

Asoka Wöhrmann: Das Thema sollte jetzt unspektakulär erledigt werden. Banken und Versicherer sollten in einen Schuldenschnitt zwischen 50 und 60 Prozent einwilligen. Dann müssen wir sehen, wie die privaten Anleger und die EZB eingebunden werden – das Thema sollte in den nächsten zwei Wochen erledigt sein.

Das heißt, in zwei Wochen steht fest, wie viel Geld Ihre Fondsanleger verlieren?

Die DWS hält weniger als 0,1 Prozent des Anlegervermögens in Griechenland. Der Markt nimmt die Verluste doch längst vorweg: Die Kurse für griechische Anleihen bewegen sich bei 30 Prozent. Ein klares Konzept zur Beteiligung privater Anleger fehlt bisher. Das wird zwar verlangt und diskutiert. Aber ich glaube, erst in einer zweiten Stufe werden Private beteiligt. Damit und zusammen mit der EZB könnte die Schuldenlast für Griechenland wesentlich reduziert werden. Zunächst wird jedoch die erste Stufe mit Banken und Versicherern verhandelt.

Das bringt der Schuldenschnitt

Was wurde zum Schuldenschnitt bereits vereinbart?

Beim vergangenen Krisengipfel Ende Oktober nahmen die Euro-Retter die Finanzbranche stärker in die Pflicht. Der IIF versprach, dass die privaten Geldgeber freiwillig auf 50 Prozent ihrer Forderungen an Griechenland verzichten würden. Das ist deutlich mehr als noch im Juli vereinbart. Damals hatten sich Banken und Versicherer zu einem Schuldenschnitt von 21 Prozent bereit erklärt.

Wie soll der Schuldenschnitt ablaufen?

Die Verhandlungen zwischen Athen und seinen Gläubigern über die Details des Schuldenschnitts haben begonnen. Klar ist, dass die Gläubiger Anfang 2012 ihre alten Anleihen gegen neue tauschen sollen. Diese könnten etwa einen niedrigeren Wert haben, oder mehrere alte müssten gegen eine neue Anleihe getauscht werden. Die genaue Umsetzung des Anleihentauschs - also die Frage welche Anleihen die Investoren wogegen tauschen - ist Gegenstand der Verhandlungen.

Was soll der Schuldenerlass bringen?

Mit dem kontrollierten Schuldenerlass sollen die privaten Geldgeber helfen, eine unkontrollierte Insolvenz Griechenlands zu verhindern. Bei einer solchen würden die Institute deutlich mehr Geld verlieren als nur die Hälfte ihrer Forderungen. Für Griechenland bedeutete der Schuldenschnitt, dass sich seine Verbindlichkeiten gegenüber den privaten Gläubigern um insgesamt 100 Milliarden Euro reduzierten. Das soll den Schuldenstand des Landes von derzeit 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf 120 Prozent senken. Das ist nötig, damit Griechenland sich wieder ohne zu hohe Risikoaufschläge neues Geld leihen kann.

Geraten durch den Schuldenschnitt Banken in Gefahr?

Die Bundesbank schätzt die Belastungen für deutsche Banken als „handhabbar“ ein. Viele Institute haben griechische Papiere bereits zu einem großen Teil abgeschrieben und sich zudem von Staatsanleihen Griechenlands getrennt. Ende Juni besaßen deutsche Banken und Versicherer laut Bundesbank noch griechische Papiere für insgesamt 28 Milliarden Euro. Sorgen bereiten hingegen griechische Kreditinstitute. Sie seien „in erheblichem Ausmaß“ von dem Schuldenschnitt des eigenen Staats betroffen, warnt die Bundesbank. Sie bräuchten vermutlich zusätzliches Geld, um nicht in die Pleite zu schlittern. Im zweiten Hilfspaket für Athen, auf das sich die Teilnehmer des Krisengipfels im Oktober geeinigt hatten, ist deshalb auch Geld für die griechischen Banken vorgesehen.

Hat der Schuldenschnitt Auswirkungen auf deutsche Bankkunden?

Die deutschen Kunden von Banken und Versicherungen haben zunächst keine direkten Konsequenzen zu befürchten. Die deutschen Institute gelten als gut gewappnet und mit ausreichend Kapital versorgt. Einzig ihre Aktionäre könnten die Griechenland-Rettung weiter zu spüren bekommen: Aufgrund fallender Börsenkurse, den Abschreibungen und der Verpflichtung der Banken zu höheren Rücklagen könnten die Dividenden der Konzerne für dieses Jahr geringer ausfallen.

Würden Sie Ihre Griechenbonds in den Fonds tauschen?

Wir würden im Sinne unserer Anleger entscheiden. Allerdings sollte ein Fonds immer liquide bleiben. Wenn ich eine Griechenanleihe tausche, muss der neue Bond trotz Laufzeit von vielleicht 30 Jahren jederzeit am Markt verkaufbar sein. Wenn hingegen festgeschrieben werden sollte, dass wir das Papier zehn Jahre halten müssen, machen wir nicht mit.

Rechnen Sie mit Klagen von Anlegern?

Klagen lassen sich nicht verhindern, schließlich leben wir in einem Rechtsstaat.

Wie weit ist es noch bis zur Lösung der Schuldenkrise?

Wir gehen in Europa in Richtung Fiskalpakt, leider nicht Richtung EU-Vertrag. Stabiler wäre ein Euro-Land, das nicht nur Währungsunion ist, sondern in dem es – abseits des Kapitalmarkts – Mechanismen zum Ausgleich von Ersparnisungleichgewichten gäbe. Dass aber der Großteil der Maßnahmen für den Fiskalpakt steht, sollte uns nach 18 Monaten desolaten Krisenmanagements zufrieden stimmen. Jetzt geht es um die ebenfalls anspruchsvolle Implementierung der Maßnahmen.

Kann Griechenland es denn mit einem Schuldenschnitt von 50 bis 60 Prozent schaffen, in der Euro-Zone zu bleiben?

Die Kernfrage ist, ob Europa das jetzige Euro-Land erhalten will. Ein Austritt würde Griechenland ökonomisch mindestens 20 Jahre zurückkatapultieren. Das will niemand, am allerwenigsten die Griechen selbst. Sie besitzen aber nicht die Kraft, die ihnen gesetzten Ziele aus eigener Anstrengung zu erreichen. Und wir können Griechenland besser innerhalb der Euro-Zone helfen.

Können wir uns das leisten?

Griechenland ist zu klein, um die europäische Idee ernsthaft gefährden zu können. Politökonomisch ist es wichtig, das Land in der Gemeinschaft zu halten.

Kommentare (12)

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karlosdallos

01.02.2012, 16:08 Uhr

Bis Haretz4 in der oberen Mitte angekommen ist

(selbst die Mitarbeiter in den JobCentern haben zum Teil Hartz4 Angst)

hat es 10 Jahre gedauert.

Das, was heute entsteht (600 Euro für Lehrer)
braucht so lange nicht mehr bis hier.


Wenn diese 10 Jahre Krise rum sind ...


Account gelöscht!

01.02.2012, 16:26 Uhr

Chefanlagestratege
Herr Wöhrmann hat einen Chef.

butter_bei_die_fische

01.02.2012, 16:52 Uhr

ein jahrzehnt?
wie wärs mit einem Jahrhundert
oder gleich gar mit einem Jahrtausend.

Das kriegt der cheffastratego doch wohl auch noch hin.

Man mag ja Fach-eggsperten:L what ne experstise...

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