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21.06.2013

13:24 Uhr

DWS-Fondsmanager

„Die Türkei ist mehr als Döner“

VonPeter Mandrella

Die Ausschreitungen in der Türkei erschüttern nicht nur das Land, sondern auch die Börse. DWS-Fondsmanager Sebastian Kahlfeld über das Risiko, das von Erdogan ausgeht. Und warum es sich trotzdem lohnt, zu investieren.

Sebastian Kahlfeld ist Fondsmanager der DWS.

Sebastian Kahlfeld ist Fondsmanager der DWS.

DüsseldorfHandelsblatt: Herr Kahlfeld, der türkische Aktienmarkt blieb von den gewaltvollen Protesten nicht ungerührt. Gestern fiel der Leitindex erneut, und das um mehr als fünf Prozent. Droht dem Aktienmarkt ein nachhaltiger Kurssturz?
Sebastian Kahlfeld: Ich denke, das politische Risiko ist im Markt eingepreist, jedenfalls solange sich die Lage nicht verschärft. 

 

Aber dass die Kurse derart schnell fallen würden, damit konnte niemand rechnen.
Das war in gewisser Weise ein Einbruch auf Raten. Eigentlich waren es zwei Abstürze: Zunächst sorgten die uneindeutigen Aussagen der Fed zur Geldpolitik für einen ersten Rücksetzer, dann kam die politische Situation hinzu – und die Kurse fielen um weitere 10 bis 15 Prozent.

 

Bedeutet die Lage in der Türkei, so prekär sie auch sein mag, mit niedrigen Kursen eine Einstiegschance?
Wir sind Langfristinvestoren und haben eine entsprechende Perspektive. Es ist immer schwer auf kurzfristige Entwicklungen zu wetten, das ist reine Spekulation und nichts anderes.

  

Die Protestwelle in der Türkei - So fing es an

27. Mai:

Bei einer Kundgebung gibt es Zusammenstöße mit der Polizei. Ein Protestcamp wird gewaltsam geräumt.

31. Mai:

Die Protestwelle erfasst mehrere Städte. In Istanbul marschieren Zehntausende zum Taksim-Platz und rufen: „Die Regierung soll zurücktreten!“. Bei einem Polizeieinsatz werden Dutzende verletzt.

1. Juni:

Nach schweren Zusammenstößen in Istanbul zieht sich die Polizei zurück. Zehntausende Demonstranten ziehen jubelnd durch die Straßen und fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Dieser räumt zwar Fehler ein, sagt aber, seine Regierung werde sich durch Straßenproteste nicht von ihrem Kurs abbringen lassen. In mehreren deutschen Städten kommen Tausende Demonstranten zu Solidaritätskundgebungen zusammen

2. Juni:

Bei Protesten gegen die islamisch-konservative Regierung werden in Ankara und weiteren türkischen Städten fast 1000 Menschen festgenommen. Im Internet kursieren Videos, auf denen friedliche Demonstranten von der Polizei misshandelt werden. Die Härte der Einsätze wird auch international kritisiert.

3. Juni:

In mehreren Städten liefern sich Demonstranten Straßenkämpfe mit der Polizei. In Izmir attackieren Protestierer ein Büro der Regierungspartei AKP mit Brandsätzen. Ungeachtet der Spannungen bricht Erdogan zu einer viertägigen Auslandsreise auf.

4. Juni:

In Istanbul kommt es in der vierten Nacht in Folge zu gewaltsamen Zusammenstößen. Bei den Protesten, die bereits 77 der 81 Provinzen erfasst haben, gibt es einen zweiten Toten. Mitglieder des Gewerkschaftsbundes KESK legen vorübergehend die Arbeit nieder.

5. Juni:

Die Zahl der Verletzten bei den anhaltenden Protesten ist nach Angaben des türkischen Ärzteverbandes TTB auf 4100 gestiegen.

6. Juni:

Bei den Protesten hat die Polizei laut Innenminister Muammer Güler in Istanbul und Ankara sieben Ausländer festgenommen. Den bisherigen Sachschaden beziffert er auf umgerechnet 28 Millionen Euro. Die Zahl der Toten erhöht sich auf vier.

7. Juni:

Erdogan fordert nach seiner Auslandsreise vor Tausenden Anhängern ein sofortiges Ende der Proteste. Die Demonstrationen hätten ihre demokratische Berechtigung verloren und seien zu Vandalismus geworden. Gegner Erdogans setzten ihre Proteste in mehreren Provinzen fort.

Was sind die Risiken?
Nach meiner Auffassung hängt die Situation zu großen Teilen von Premier Erdogan ab, der mit seiner Rhetorik die Sachlage bestimmt. Dass sich dies so entwickeln würde, hätte vor einem Monat niemand gedacht – und ist insofern verwunderlich, als dass Erdogan in der Vergangenheit mehr und mehr an Zustimmung gewonnen hat. In seiner mehr als zehnjährigen Amtszeit hat das Land einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, der viele, die jetzt gegen ihn auf der Straße protestieren, erst zu Wohlstand geführt hat. 

 

Was spricht für die Türkei aus Anlegersicht?
Ganz einfach: Die Wirtschaft brummt, das BIP hat sich in den vergangenen zwölf Jahren verdreifacht. In diesem Jahr ist von einem Wachstum zwischen drei und vier Prozent auszugehen. Radikale Schnitte sind nicht zu erwarten. Und die Abschwächung der Lira führt dazu, dass die Exporte nochmal attraktiver werden. Hinzu kommen die niedrigen Zinsen und die geringen Schulden. Alles in allem ist es eine Erfolgsstory – und das mehr oder weniger direkt vor unserer Haustür. Dafür wird das Land jedoch nach wie vor zu wenig beachtet. 

 

Kommentare (8)

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Markus

21.06.2013, 14:54 Uhr

Friedliche Demonstranten??? Wirklich? Wer hat 99 Buse, und dutzende Läden angezündet? Einen öffentlichen Park 20 Tage lang besetzt und eine Volksbefregung abgelehnt?

Wer hat die öffentlichen Straßen uns sogar Autobahne blockiert und das Büro von Erdogan mit 3000 Leuten angegrifen? Alles friedlich. Alles laizistiche, westliche, gute Jugendliche, die gerne Alkohol trinken! Und plus ist der Erdogan ein Diktator! Weiter so!

Markus

21.06.2013, 15:00 Uhr

Ja, warum investieren die Deutschen in China? Weil es sehr demokratisch ist. :-) Guter Witz!

Für die Menschenrechte muss man zuerst die NSU aufklären, liebe Freunde.

Viele Grüße

NazisRaus

21.06.2013, 15:10 Uhr

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