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04.06.2011

08:22 Uhr

Essay

Griechenland sollte Deutschland eine Warnung sein

VonKarsten Schröder

Die EU muss den politischen Willen zeigen, die Währungsunion zum Erfolg zu führen. Dass ein solcher Kraftakt gelingen kann, hat die deutsche Einheit bereits gezeigt. Ein Essay vom Hedge-Fonds-Manager Karsten Schröder.

Griechische Protestler während einer Demonstration gegen die Sparpläne der Regierung in Athen. Quelle: Reuters

Griechische Protestler während einer Demonstration gegen die Sparpläne der Regierung in Athen.

Im März 2010 machte ich in einem Fernsehinterview den Vorschlag, dass Griechenland die Euro-Zone verlassen möge. Obwohl ich damit weder der Erste noch der Einzige war, galt die Aussage damals als durchaus provokant. Seitdem sind 15 Monate vergangen, und die Situation hat sich noch weiter verschärft. Wir sprechen heute nicht mehr nur von Griechenland, sondern von einer Gruppe von Staaten, die mit einer Vielzahl von Abkürzungen gruppiert werden, PIGS, Club Med, usw. Grundsätzlich handelt es sich also um die Länder am südlichen Rand der Euro-Zone plus Irland.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass derartige Begriffe einen abwertenden Unterton haben. Ist dies fair, und deckt sich dies wirklich mit den Tatsachen?

Europa hat, und dies gilt für die meisten Mitgliedstaaten der Gemeinschaft, ein eklatantes Schuldenproblem, ausgelöst durch eine verantwortungslose Politik der letzten Dekaden. Die Regierungen denken oft nur in Wahlperioden und bringen die nötigen Schritte und Reformen nicht auf den Weg. Schlussendlich hat dies zu verschiedenen Phänomenen in den einzelnen Ländern geführt – es eint sie jedoch die Problematik einer zunehmenden und schwerer in den Griff zu bekommenden Staatsverschuldung.

Zugleich ist es bedauerlich, dass gewisse politische Strömungen diese Entwicklungen ausnutzen, um mit populistischen Methoden Ängste zu schüren und das große Projekt der europäischen Einigung infrage zu stellen. Wir alle brauchen ein starkes, geeintes Europa und eine stabile europäische Währung, um in der immer stärker globalisierten Welt mit den aufstrebenden Wirtschaftregionen im Fernen Osten unsere starke ökonomische Stellung behaupten zu können.

Dieses Ziel gilt es zu verfolgen und nicht aus den Augen zu verlieren. Dennoch darf man sich aber auch nicht den Realitäten verschließen.

Die europäische Währung ist 2002 in Bargeldform eingeführt worden. Das große Projekt Euro wurde den Menschen ohne eine hinreichende Erklärung aller Implikationen „verkauft“. Eine gemeinsame Währung bedeutet in der Konsequenz eine Aufgabe nationaler Souveränität in vielen wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen. Es kann nicht etwas zusammengeführt werden, was zunächst einmal nicht zusammenpasst. Der Währungsunion hätte eine strenge Harmonisierung von Arbeitsmarkt-, Steuer-, Sozial-, Renten-, Finanz- und Haushaltspolitik vorhergehen müssen. Die Unterschiede waren und sind zu gravierend.

Kommentare (31)

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Account gelöscht!

04.06.2011, 09:35 Uhr

Herr Schröder, großes Lob für Ihren Kommentar. Bin fast mit allen Ausführungen einverstanden, was Sie auch meinen bisherigen Kommentaren entnehmen können.

Unsere Verschuldungskrise in Europa wurde erst durch die Einführung des Euros ermöglicht, wie Sie bereits kommentierten. Der Euro ist also Ursache des Verschuldungsproblems.

Doch mit Ihrer Schlussfolgerung bin ich nicht einverstanden, dass vor allem wir in DE als Exportland davon profitierten. Theoretisch ja – praktisch nein. Kein Widerspruch, sondern das Ergebnis der Mängel/Fehler bei der Einführung des Euros, vor dessen Folgen genügend Fachleute warnten und diese ja auch in Ihrem Kommentar aufgezeigt wurden.

Ihrer Aussage könnte ich zustimmen, wenn die Schuldenländer auch ihre Kredite zurückführen könnten. Doch genau hier scheiden sich die Geister, dass wir nicht die Gewinner, sondern die Verlierer des Euros sind.
Die PIIG(G)S haben sich gigantisch verschuldet, um einen Schein-Wohlstand zu ermöglichen. Jetzt müssen wir auch noch die Kredite zurückzahlen, die denen gewährt wurden, damit die sich unsere Exportartikel leisten konnten. Also haben wir unsere Exportartikel an die PIIG(F)S verschenkt.
Wo ist da die Pointe? Hätten wir die Träume auf 4 Rädern Made in Germany gleich an uns selbst verschenkt, wäre das Ergebnis exakt das selbe.

Auch ein Schuldenerlass ist keine Lösung, da die PIIG(F)S nach Beendigung des Kreditrausches kein Geschäftsmodell mehr haben, die Steuereinnahmen wegbrechen und die Ausgaben explodieren. Die Probleme werden damit nicht gelöst, sondern nur immer weiter hinausgeschoben, bis ... bis die Sparguthaben der Deutschen komplett innerhalb der EU verteilt wurden. Spätestens dann ist Schluss mit lustig, dann sind auch wir pleite.

„Unter der Prämisse eines Schuldenerlasses muss man bedenken, ob die Länder so zu reformieren sind, dass sie eine stetige Abwertung ihrer Währungen nicht mehr nötig haben, um eine wettbewerbsfähige Wirtschaft aufzubauen.“

Account gelöscht!

04.06.2011, 09:35 Uhr

Teil II
Was also schon vor Einführung des Euros nicht funktionierte, soll jetzt machbar gemacht werden? Unter wesentlich ungünstigeren Bedingungen? Daran glaube ich zuletzt.

Jeder Tag der ungenutzt vergeht, also immer nur noch ein neues Rettungspaket auf die alten draufgesetzt wird, verschlimmert die Situation und macht den Weg für eine für alle tragbare Lösung immer schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich.

„Eine Schuldenkrise bekämpft man sicherlich nicht durch die Vergabe neuer Kredite“.
Aber genau dies machten alle westliche Industriestaaten innerhalb der letzten 3 Jahre mit ca. 30 Billionen Dollar neuer Schulden, um die größte Krise der Neuzeit zu bekämpfen, die durch Verschuldung entstanden ist. Wie töricht!!

Toll, dass Sie auch auf die Verwerfungen des Solidarpaktes innerhalb Deutschlands erwähnen.
Mit den unendlichen Milliarden hatte man jegliche Kreativität bereits im Keim erstickt, weil sich alle an die Geldgeschenke klammerten, bzw. wie man diese illegal in die eigenen Taschen umleiten kann, anstatt durch Know-how und Weiterbildung einen selbsttragenden Aufschwung zu ermöglichen.
Mit 1600 Milliarden Euro hätte man ganz Afrika zu Wohlstand und Vollbeschäftigung verhelfen können, doch für die DDR reicht es immer noch nicht. Eine Frage der Mentalität. Geschenktes Geld ausgeben ist lange nicht so anstrengend, als es selbst verdienen zu müssen.
„Warum es in den Neuen Bundesländern nie einen wirtschaftlichen Aufschwung geben wird, trotz 100 Milliarden Euro jährlich“, schrieb ich bereits Ende 2005 eine Broschüre darüber.
http://siggi40.magix.net/public/13_jahre_ddr.html

Nicht Griechenland sollte Deutschland eine Warnung sein, sondern Deutschland sollte Deutschland eine Warnung sein. Das passt noch besser.

Wir sehen erst 5% der Krise und die anderen 95% schneller als uns lieb sind.

WFriedrich

04.06.2011, 09:49 Uhr

Karsten Schröder gelang insgesamt eine umfassende Beschreibung von Ursachen und Wirkungen. Noch klarer hätte der destruktive Beitrag von Banken beschrieben werden können. Deren Kreditvergaben waren niemals Leichtsinn, sondern Kalkül. Dieses Kalkül gründete auf die Gewissheit, dass private Ausfallrisiken seitens der Regierungen dem eigenen Volk, d.h. der Gemeinschaft der Steuerzahler aufgehalst werden würden. Leider wurden dieses fehlsteuernden Rahmenbedingungen bis dato nicht beseitigt. Tatsächlich könnte die Überwindung der europäischen Schuldenkrise einen so großen oder größeren Kraftakt erfordern als der Aufbau Ostdeutschlands. Als Vorbild taugt er aber nicht, weil die Finanzierung ausschließlich durch Neuverschuldung gesichert worden ist. Mittels zeitweiliger Sonderwirtschaftszonen könnten Wettbewerbsvorteile zwecks Überwindens der Produktivitätsrückstände geschaffen werden. Ob dafür die Solidarität in Europa vorhanden ist, wird sich erst erweisen müssen. Irland hatte sich bekanntlich für niedrigste gewerbliche Steuern entschieden und dafür massive Kritik geerntet. Lt. jüngster Berichte scheint sich Irland aber zu konsolidieren.

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