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07.09.2016

10:54 Uhr

Kampf um Marktanteile

Bald null Gebühren für Indexfonds?

VonIngo Narat

Auf dem Fondsmarkt finden Indexprodukte reißenden Absatz. Auch bei Privatanlegern gewinnen sie zunehmend an Beliebtheit. Die Billigheimer könnten sogar noch günstiger werden, glauben manche Experten.

Die Gebühren sinken bereits. dpa

Fondsstandort Frankfurt

Die Gebühren sinken bereits.

FrankfurtDas Mittelalter lässt grüßen. In der dunklen Ära galt die Null als Werk des Teufels. Sie war eben keine Zahl, sondern das blanke und unheimliche Nichts. Heute ist der Nullzins allerdings Alltag. Und die Marke könnte auch anderswo in der Finanzwelt populär werden, nicht nur bei den Zinsen. Das glauben zumindest die Fondsexperten von S&P Dow Jones Indices. In einer Studie heißt es: Die Gebühren für Fonds dürften sinken. Bei den Indexprodukten könnten einige Anbieter sie sogar auf null drücken. Mit einem solchen Preismodell könnte um Marktanteile gekämpft werden.

Die Experten berufen sich auf einen allgemeinen Trend. Die laufenden Jahresgebühren für Indexfonds bewegen sich tendenziell nach unten. Das liegt an den erwarteten sinkenden Wertpapiererträgen, den kräftig gefallenen Anleiherenditen und wachsendem Kostendruck bei den Großinvestoren. Ihnen gelingt es teilweise erfolgreich, die Fondsanbieter bei den geforderten Gebühren unter Druck zu setzen.

Besonders ausgeprägt ist die neue Billig-Welt bei den Indexfonds. Auch wenn die Produkte bei Privatanlegern an Beliebtheit gewinnen: Der Markt wird von Investments der Versicherungen und Pensionskassen dominiert. Für die Vermögensverwalter fallen kaum Kosten für Fondsmanager und Analysen an. Sie folgen im Depot blind der Struktur einer vorgegebenen Messlatte wie dem Dax. Der Aufwand ist recht gering. Deshalb sind auch die Gebühren für die Anleger tief. Ein scharfer Preiswettbewerb hat bereits eingesetzt. Marktführer Blackrock beispielsweise senkte vor zwei Jahren seine Gebühren für Produkte auf populäre Indexfonds noch einmal deutlich.

Blackrock übernahm beide Produkte

Exchange Traded Funds oder kurz ETFs starteten ihren Siegeszug in Europa Anfang des Jahrtausends. Es ging los mit zwei Produkten auf den Dow Jones Euro Stoxx 50 und den Dow Jones Stoxx 50, die damals von der US-Großbank Merrill Lynch für 0,45 Prozent Jahresgebühr angeboten wurden. Beide Produkte hat später Blackrock übernommen, der größte Vermögensverwalter der Welt und eine Größe auf dem ETF-Markt. Heute kosten beide Fonds 0,15 Prozent Gebühr pro Jahr. Sehr preiswerte ETFs auf den Dax gibt es bereits für 0,08 Prozent Jahresbeitrag. Beim US-Index S&P 500 sind es teilweise sogar nur 0,05 Prozent.

Je anspruchsvoller die gewählte Messlatte, desto höher ist aber die Gebühr. Depots auf den Weltaktienindex von MSCI fordern teilweise 0,30 Prozent (Auswahl siehe Grafik). Bei Indizes für Branchen oder solchen, die bestimmte Strategien abbilden, muss der Anleger mehr auf den Tisch legen. ETFs für Anleihe-Messlatten sind tendenziell etwas teurer als Aktienangebote.

Die Null-Gebühren-Prognose der Fachleute beim Indexanbieter S&P zielt auf  Produkte für populäre Indizes. Wenn ein Anbieter bereits Gelder auf einer Indexbasis betreue, dann könne er  die Nullgebühr probieren, heißt es. Intern seien damit dann keine höheren Kosten verbunden. Die Idee dabei: Die passive Anlage gibt es umsonst, man versucht dann mit den Kunden über andere Produkte mit höheren Margen zusätzlich Geschäft zu machen.

Matthias Hübner: „Null wäre radikal“

Das könnte dann eine aktiv gemanagte Strategie sein, die ohnehin deutlich höhere Gebühren hat als ein passives Indexprodukt. Es kann aber auch eine Spielart zwischen diesen beiden Welten sein, die sehr populär geworden sind. Die Rede ist von Indexstrategien, bei denen die Messlatte nach bestimmten Kriterien regelmäßig angepasst wird. Im Börsenslang heißt das „Smart Beta“ und ist teurer. Solche Produkte kosten schnell mehr als 0,50 Prozent Gebühr. „Diese Produkte zu verkaufen, darauf hoffen manche Anbieter“, glaubt Jan Altmann, Gründer der Beratungsfirma 4assetmanagement.

Bei Beratern und in der Branche wird die These zurückhaltend aufgenommen. „Null wäre radikal“, urteilt beispielsweise Matthias Hübner, Asset-Management-Experte beim Beratungsunternehmen Oliver Wyman. „Ein Lockvogelangebot mit dem Ziel, dem Kunden dann auch teurere Produkte verkaufen zu können, ist sehr problematisch“, ergänzt er. Institutionelle Investoren würden einen solchen Schritt durchschauen.

Die Null ist kein unerforschtes Terrain

„Außerdem kann man sich mit Kampfkonditionen kannibalisieren“, ergänzt Hübner. Kunden könnten von Produkten mit hohen Margen zu den Billigheimer-Varianten wechseln. Deutsche Anbieter würden  seiner Meinung nach davor zurückschrecken. 

Ali Masarwah, Analyst bei der Fondsratingagentur Morningstar, erinnert angesichts der Preisdebatten an eine Selbstverständlichkeit: „Ein Fondshaus ist ja kein Wohlfahrtsverein, irgendwoher müssen die Einnahmen kommen.“

Die Null ist aber kein unerforschtes Terrain. Vor sieben Jahren traute sich das die Anlagesparte der Deutschen Bank. „Das war eher eine Marketingidee, wir wollten Aufmerksamkeit erzeugen“, sagt Eric Wiegand, zuständig für die ETF-Strategie bei der Deutschen Asset Management. Die Bank strich beim eigenen Produkt auf den Euro Stoxx 50 die laufende Gebühr von 0,15 Prozent.  Wiegand räumt ein: „Kostenlos ist grundsätzlich kein nachhaltiges Geschäftsmodell, denn man muss es intern quersubventionieren.“ Heute kostet der entsprechende ETF 0,09 Prozent.

Hübner gibt deutschem Markt eine Gnadenfrist

Das Experiment mit der Null endete also schon einmal als Marketinggag. Dennoch bleibt das Thema auf dem Tisch. „Der Trend zum passiven Investieren führt zwangsläufig auch zu Preisdiskussionen“, sagt Wiegand. Tiefere ETF-Gebühren hält er zumindest langfristig für denkbar: Mit höheren Volumina stiegen die Einnahmen, aber nicht unbedingt die Kosten im Hause des Anbieters. Der große Kostenblock seien die Aufwendungen für Indexgebühren, Rechtsanwälte, Steuerprüfer, die Aufwendungen für regulatorische Anforderungen. Und dieser Block sei recht stabil.

Berater Hübner gibt dem deutschen Markt noch eine Gnadenfrist. „Innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre erwarte ich hier keinen flächendeckenden Preiskampf.“ Doch auf längere Sicht sei das möglich.

Er fühlt sich von Ereignissen im ETF-Heimatmarkt USA inspiriert. Dort tobt bereits eine Preisschlacht. Der schärfste Angreifer dort geht in Deutschland aber noch nicht aggressiv vor. Es geht um das große Fondshaus Vanguard. So urteilt Hübner: „Wenn einer vorpreschen würde, müssten die anderen reagieren.“ 

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