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02.03.2012

10:45 Uhr

Euro-Krise

Der einsame Kampf der Bundesbank

VonJan Mallien

Bundesbank-Chef Weidmann hat eindringlich vor den Risiken im Eurosystem gewarnt. Er hält sofortige Schritte für notwendig, um die Sicherheit zu erhöhen. Doch in der EZB steht er mit seinen Forderungen ziemlich alleine.

Bundesbank-Präsident, Jens Weidmann. dapd

Bundesbank-Präsident, Jens Weidmann.

Unzufriedene Bundesbank-Präsidenten verleihen ihren Forderungen an die Europäische Zentralbank gerne über die Medien Nachdruck. Das war schon unter Axel Weber so. Nachdem dieser sich einst auf der Sitzung des EZB-Rats mit seiner Ablehnung von Staatsanleihekäufen nicht durchsetzen konnte, gab er am nächsten Tag einer Zeitung ein Interview. In diesem kritisierte er heftig den Anleihekauf-Beschluss des EZB-Rats.

Webers Nachfolger Jens Weidmann ist diplomatischer - aber auch er gibt Interviews und schreibt Briefe, die dann zufällig an die Öffentlichkeit gelangen. So wie jetzt zum Beispiel. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete jüngst ausführlich über den Inhalt eines Briefes von Weidmann an EZB-Präsident Mario Draghi. In dem Schreiben warnt Weidmann vor den wachsenden Risiken im Eurosystem.

Dass Weidmann genau wie Weber den Weg an die Öffentlichkeit einschlägt, hat einen guten Grund: Er hat das gleiche Problem wie Weber. Die Bundesbank steht mit ihren geldpolitischen Grundsätzen in der EZB ziemlich alleine da. Das zeigte sich zuletzt bei der Ernennung des neuen EZB-Chefvolkswirts. Das Rennen um den Schlüsselposten machte nicht der deutsche Kandidat Jörg Asmussen, sondern der Belgier Peter Praet.

Zudem sieht sich Weidmann wie Weber mit einer deutschen Bevölkerung konfrontiert, die dem Kurs der EZB äußerst kritisch gegenübersteht. In keinem anderen Euro-Land ist die Angst vor Inflation so ausgeprägt wie in Deutschland.

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

In seinem Brief an Draghi geht es um Sicherheitsvorgaben an Banken, die sich bei der EZB Geld besorgen. Weidmann fordert strengere Regeln. Sprich: Eine Rückkehr zu den Sicherheitsanforderungen, die vor der Finanzkrise galten.

Zuletzt hatte die EZB ihre Sicherheitsanforderungen für Notenbankkredite mehrfach gelockert. Im Dezember legte sie beispielsweise fest, dass die nationalen Notenbanken des Eurosystems selbst bestimmen können, welche Sicherheiten sie für Notenbankkredite akzeptieren.

Milliarden für die Banken fließen zurück zur EZB

Übernachteinlagen auf Rekordstand

Nach der zweiten Geldspritze der EZB an die Banken sind die Übernachteinlagen bei der EZB erneut drastisch gestiegen. Drei Tage nach der Ausgabe des Tranchen an die Banken legten sie um 300 Milliarden Euro auf 776,9 Milliarden Euro zu, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte. Das war ein Rekordstand. Der Anstieg entspricht in etwa der zusätzlichen Liquidität, die die EZB mit ihrer zweiten großen Geldspritze binnen drei Monaten in den Bankensektor gepumpt hatte.

Was sind die eintägigen EZB-Einlagen?

Mit den Übernacht-Einlagen kann die Notenbank die umlaufende Geldmenge feinsteuern. Für gewöhnlich nehmen die Banken das kaum wahr, weil die Verzinsung vergleichsweise schlecht ist. Vielmehr leihen sie sich das Geld lieber gegenseitig auf dem sogenannten Interbankenmarkt aus. Dieser Handel ist seit der Finanz- und Schuldenkrise aber gestört. Die Angst ist, das verliehene Geld zu verlieren. Vor allem südeuropäischen Banken, die stark in Staatsanleihen angeschlagener Länder investiert haben, schlägt hohes Misstrauen entgegen.

Was ist die Ursache für den Ansprung der Einlagen?

Für den drastischen Sprung dürfte die jüngste Geldspritze der EZB verantwortlich sein. Die Notenbank verlieh den Geldhäusern die Rekordsumme von knapp 530 Milliarden Euro für drei Jahre. Damit will sie einer Kreditklemme vorbeugen, die wegen der Schuldenkrise im Euroraum befürchtet wird.

Schulden mindern Liquidität

Die zusätzliche Liquidität, die die Banken erhalten, liegt aber niedriger. Denn zeitgleich zu der großen Geldspritze waren andere Geschäfte mit der Notenbank ausgelaufen. Experten veranschlagen den Effekt unter dem Schnitt auf rund 310 Milliarden Euro. Und dieser Betrag entspricht in etwa dem Anstieg der Bankeinlagen vom Freitag.

Wieso fließt die Geldspritze zurück zur EZB?

Offensichtlich benötigen viele Banken das zusätzliche EZB-Geld nicht sofort. Vielmehr leihen sie es sich für spätere Geschäfte. Ein Beispiel: Auch Banken haben eigene Anleihen ausgegeben. Und wenn diese fällig werden, müssen die Schulden bedient und zurückgezahlt werden. Mit dem frischen Zentralbankgeld schaffen sich die Banken also ein Sicherheitspolster.

Dass sich Weidmann mit seiner Forderung durchsetzen kann, ist trotz Brief eher unwahrscheinlich. Unter einer Verschärfung der Sicherheitsanforderungen würden vor allem die Banken in den Peripherieländern leiden. Ihr Problem ist, dass sie keine besseren Sicherheiten haben. Deshalb hätte eine Verschärfung der Sicherheitsanforderungen die Folge, dass sie weniger Notenbankgeld abrufen könnten.

Weidmann geht in seinem Brief auch auf die Forderungen der EZB aus dem Zahlungsverkehrssystem Target ein, berichtet die FAZ. Über das Target-System wickeln die Geschäftsbanken der Eurozone grenzüberschreitende Zahlungen ab. Kauft zum Beispiel eine griechische Firma Waren in Deutschland, leitet ihre Geschäftsbank den Kaufpreis über die griechische und die deutsche Zentralbank an die Bank des Exporteurs weiter. Bei der Bundesbank entsteht dabei eine Forderung gegenüber der EZB, bei der Notenbank in Athen eine Verbindlichkeit. Negative Target-Salden entstehen aber nicht nur durch Defizite im Außenhandel.

Kommentare (41)

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Voltaire

02.03.2012, 10:58 Uhr

Ach ja, wieder mal der Weidmann.

Er ist doch nichts anderes als ein von MERKELS Gnaden eingesetzter Junkie, welcher als Präsident der Deutschen Bundesbank "die ihm übertragenen Aufgaben" seit seiner Amtseinführung im Frühjahr letzten Jahres zu "IHRER vollsten Zufriedenheit" erledigt hat.

Die Bayern bezeichnen so einen als "Gschaftlhuber".

smarty_32

02.03.2012, 11:09 Uhr

Man könnte auch sagen ein Lakai Merkels.
Was will den er durchsetzen, was einen (anerkannten) Herr Weber oder Stark nicht vermochten?
Es kommt wie es kommen muss: Die Bundesbank wird die EZB Forderungen abschreiben muessen. Es ist doch utopisch zu glauben, dass diese Summen Länder bezahlen werden, welche im chronischen Defizit feststecken. Die Währungsunion und die europäische Union ist gescheitert!
Zurück zur EWG udn einer echten,effektiven gemeinsamen Außenpolitik. Darum geht es nicht von großen Blöcken untereinander ausgespielt zu werden. Es bleibt die Frage: Wird Frankreich seinen Nationalegoismus überwinden können?
Ich sage Nein.

malvin

02.03.2012, 11:11 Uhr

Man sieht klar, dass Europa und der Euro anti-demokratisch sind. Deutschland ist überall unterrepärsentiert, und zudem ist in Europa eine deutsche Wählerstimme nur halb so viel wert wie eine polnische oder luxemburgische. DAS kann nur schief gehen.
Warum ist Lagard Chefin der IWF und nicht ein Deutscher, Warum ist Draghi EZ-Chef und warum kein Deutscher? Warum ist Baroso am EU-Ruder und kein Deutscher, warum ist Rompuy Ratspräsi und kein Deutscher. Es gibt GAR keine Institution, die von eienm Detuschen geführt wird!!!
Es bleibt uns nur noch eines, und das ist der innnpolitische Widerstand innerhalb Deutschlands!!!! ES gibt auch andere Parteien als SPD, GR, CDU/CSU und FDP. Man muss Merkel und Co, die ja verfassungswidrig unsere Steuergelder veruntreuen, einfach einen Denkzettel verpassen, anders gehts nicht mehr!!!

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