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26.07.2014

08:42 Uhr

Euro-Krise

Draghis magische Worte

VonJan Mallien

Vor genau zwei Jahren kündigte Mario Draghi an: „Die EZB wird alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten.“ Der Satz war die Wende in der Euro-Krise – und ein Bruch mit trügerischen Grundsätzen.

Vor zwei Jahren sorgte EZB-Chef Draghi mit seiner Londoner Rede für eine Wende in der Euro-Krise. dpa

Vor zwei Jahren sorgte EZB-Chef Draghi mit seiner Londoner Rede für eine Wende in der Euro-Krise.

DüsseldorfWer heute daran zweifelt, ob es den Euro nächstes Jahr noch gibt, erntet allenfalls ein müdes lächeln. Die Euro-Krise spielt in der öffentlichen Debatte keine große Rolle mehr. Selbst als die wichtigste portugiesische Bank Espirito Santo jüngst ins Straucheln geriet, interessierte das die Finanzmärkte kaum. Vor zwei Jahren war das noch ganz anders. Im Sommer 2012 gab der Star-Investor George Soros dem Euro noch ganze drei Monate – und warnte vor einem verlorenen Jahrzehnt für den Kontinent.

Zu diesem Zeitpunkt schien die Situation in der Euro-Zone außer Kontrolle zu geraten. Spanien musste für seine Anleihen mehr als sieben Prozent Zinsen zahlen. Bei diesen Aufschlägen waren Griechenland, Irland und Portugal bereits unter den Rettungsschirm geflüchtet. Wenn Spanien das auch getan hätte, wäre als nächstes Italien ins Visier geraten – ein Land mit mehr als zwei Billionen Euro Staatsschulden. Eine Rettung Spaniens und Italiens aber wäre mit den Mitteln aus dem Rettungsschirm nicht zu stemmen gewesen. 

Mario Draghis Krisenkurs in Zitaten

Amtsantritt am 3.November 2011 in Frankfurt

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung.“

26. Juli 2012 in London

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

EZB-Sitzung am 4. Juli 2013

„Der EZB-Rat erwartet, dass die Zinssätze der EZB für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder darunter bleiben werden.“

Nach der Leitzinssenkung am 7. November 2013

„Wenn wir Deflation verstehen als einen weit verbreiteten Verfall von Preisen in vielen Warengruppen und in mehreren Ländern – das sehen wir nicht.“

Gespräch mit Altkanzler Schmidt am 7. November 2013

„Ich bin sehr bewegt von Helmut Schmidts Worten und sollte dafür wirklich dankbar sein. Komplimente sind Mangelware in diesen Tagen.“

EZB-Sitzung am 3. April 2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

EZB-Sitzung am 8. Mai 2014

„Der EZB-Rat fühlt sich wohl damit, beim nächsten Mal zu handeln.“

EZB-Konferenz am 26. Mai 2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

Allen war zu diesem Zeitpunkt klar: Irgendetwas musste passieren. Mit zwei Sätzen auf einer Investorenkonferenz in London leitet EZB-Chef Draghi am 26. Juli 2012 die Wende ein: „Innerhalb ihres Mandats wird die EZB alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir – es wird ausreichen.“ Draghi verrät an diesem Tag noch nicht einmal, was genau er vor hat. Doch seine Worte schlagen an den Börsen in Frankfurt, Paris und London ein wie eine Bombe: Der Euro legt sofort kräftig zu, die Aktienkurse steigen und die Zinsen für Staatsanleihen der Krisenländer Italien und Spanien fallen drastisch.

Während die Eurozone insgesamt vor zwei Jahren noch in der Rezession steckte, wachsen Länder wie Griechenland und Spanien inzwischen wieder. Davon profitiert auch Deutschland mit einer höheren Wachstumsrate und geringeren Kosten für die Euro-Rettungspakete. Draghis Intervention stellt einen Bruch mit drei alten Grundsätzen dar, die sich in der Krise als trügerisch erwiesen haben:

 

1.       Anleihemärkte sind effizient

Im Ökonomie-Lehrbuch ist die Sache simpel: Die Zinsen für eine Anleihe spiegeln das damit verbundene Risiko wieder, ähnlich wie bei einer KfZ-Versicherung. Nach dieser Logik sollte die EZB nicht in den Markt eingreifen, da sie sonst die Risikobewertung verzerrt. Schließlich ist der Spardruck umso größer, je höher der Zins.    

Diese Vorstellung setzt allerdings voraus, dass Investoren perfekt informiert und rational sind. Doch das ist eine reine Wunschvorstellung. Vor der Euro-Krise mussten Länder wie Griechenland oder Spanien für ihre Staatsanleihen kaum höhere Zinsen zahlen als Deutschland. Die Investoren ignorierten konsequent die Risiken dieser Länder.

In der Krise dann stiegen die Zinsen immer weiter, obwohl die betroffenen Länder massive Spar- und Reformanstrengungen unternahmen. Kurzum: Erst waren die Zinsen viel zu niedrig, dann viel zu hoch. Deshalb taugt der Markt nur bedingt als Steuerungsinstrument.  

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