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28.01.2015

09:51 Uhr

Euro-Krise und EZB

Viel Geld hilft nicht viel

VonJan Mallien

Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel bringt es im Handelsblatt-Interview auf den Punkt: „Eine lockere Geldpolitik allein hat Länder noch nie wettbewerbsfähiger gemacht.“ Die EZB setzt trotzdem auf dieses Instrument.

Geld als Allheilmittel: Das funktioniert nicht, sagt Bundesbanker Nagel. dpa

Geld als Allheilmittel: Das funktioniert nicht, sagt Bundesbanker Nagel.

Die EZB hat am vergangenen Donnerstag massive Anleihekäufe (Quantitative Easing, QE) beschlossen. Sie ist laut Mandat der Preisstabilität verpflichtet und definiert diese bei einer Inflation von knapp zwei Prozent. Dieses Mandat hat sie klar verfehlt: Im Dezember lag die um den Ölpreis und Lebensmittelpreise bereinigte Kernrate in der Euro-Zone bei 0,7 Prozent. Musste die EZB da nicht handeln?
Joachim Nagel: Unser Inflationsziel ist mittelfristig ausgerichtet, das bedeutet, dass vorübergehend durchaus Abweichungen möglich sind. Die niedrige Inflationsrate ist vor allem Folge des stark gefallenen Ölpreises. Darauf muss die Geldpolitik nicht handeln, sofern es keine Zweitrundeneffekte gibt. Die aber sehen wir nicht, ebenso wenig wie eine sich selbst verstärkende deflationäre Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und Löhnen.

Aber auch die um den Ölpreis bereinigte Kerninflation lag im Dezember bei 0,7 Prozent - und damit 1,3 Prozentpunkte unter dem Ziel. Angenommen die Kernrate würde im selben Umfang nach oben abweichen und bei 3,3 Prozent liegen. Könnte man dann auch abwarten oder gibt es einen Unterschied zwischen Abweichungen nach oben oder unten?
Nein, da gibt es keinen Unterschied. Auch dabei sind vorübergehende Abweichungen durchaus möglich.

Im Vorstand der Bundesbank ist Joachim Nagel, 48, für Controlling, Rechnungswesen und Organisation zuständig – und für Märkte. dpa

Im Vorstand der Bundesbank ist Joachim Nagel, 48, für Controlling, Rechnungswesen und Organisation zuständig – und für Märkte.

Aber wäre nicht die Bundesbank die Erste, die bei einer Kerninflation von 3,3 Prozent sagen würde: Jetzt müssen wir handeln? 
Diese Frage kann man doch nicht losgelöst davon diskutieren, welche Mittel die Geldpolitik noch zur Verfügung hat, um die geldpolitischen Ziele zu erreichen. In normalen Zeiten ist das der Zins, den wir bei zu großem Preisdruck anheben und bei zu niedriger Inflation senken würden. Dieses Instrument ist aber jetzt ausgeschöpft. Anleihekäufe sind demgegenüber kein geldpolitisches Instrument wie jedes andere. Sie sind mit besonderen Risiken und Nebenwirkungen verbunden, gerade in einer Währungsunion. Außerdem ist ihre Wirksamkeit schwerer abschätzbar.

Warum?
Wir haben im Euro-Raum keine Erfahrung mit diesem Instrument, und die Erfahrungen anderer Notenbanken lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen. Denn die Finanzierung in Europa läuft stärker über die Banken als über den Kapitalmarkt. Und außerdem ist die aktuelle Situation in der Euro-Zone nicht mit der vergleichbar, in der die USA steckten, als sie ihre Anleihekäufe begannen.

Die zentralen Punkte der EZB-Anleihekäufe

Gesamtvolumen

Zunächst etwa 1,14 Billionen Euro

Laufzeit

Ab März bis mindestens Ende September 2016 und bis sich die Inflation nachhaltig angepasst hat an eine Rate von knapp 2,0 Prozent.

Was wird gekauft

unter anderem Staatsanleihen mit Investmentgrad (diese sind von mindestens guter Kreditwürdigkeit) mit einer Laufzeit von 2 bis 30 Jahren, Anleihen von EU-Institutionen und Unternehmensanleihen

Aufteilung der Käufe

Die Aufteilung der Anleihekäufe auf die einzelnen Euroländer richtet sich nach dem Landesanteil am EZB-Kapital (Bevölkerungsanzahl und Wirtschaftsleistung). Deswegen werden vor allem deutsche Bundesanleihen gekauft, gefolgt von französischen und italienischen Papieren.

Risikohaftung

Nur 20 Prozent der Anleihekäufe unterliegen einer gemeinsamen Risikohaftung. Dazu zählen die Anleihen von EU-Institutionen, auf die 12 Prozent der Käufe entfallen sollen.

Was ist der Unterschied?
Die USA haben die Kaufprogramme beschlossen, als es dort ein Marktversagen in verschiedenen Segmenten gab, zum Beispiel bei den Kreditverbriefungen. Entsprechend war das Zinsniveau deutlich höher. Dagegen sehe ich im Euro-Raum kein solches Marktversagen, und die Marktbedingungen für Staatspapiere im Euro-Raum sind schon jetzt so günstig wie nie zuvor. Niedrige Zinsen können die Politik dazu verleiten, unangenehme Reformen hinten anzustellen. Eine lockere Geldpolitik alleine hat aber Länder noch nie wettbewerbsfähiger gemacht. Hierzu sind Reformen notwendig.

Welche Alternativen zu QE hätte denn die EZB?
Hinter den derzeit sehr niedrigen Inflationsraten stecken wie gesagt nicht zuletzt die Energiepreise, und darüber hinaus erwarten die Prognosen, dass die Preise allmählich wieder stärker anziehen – eine Deflation ist weiter sehr unwahrscheinlich. In einer solchen Lage hätte ich es plausibel gefunden, die früheren Beschlüsse wirken zu lassen, anstatt mit neuen, derart weitgehenden Maßnahmen nachzulegen.

Kommentare (37)

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Herr Daniel Huber

28.01.2015, 10:36 Uhr

„Umso länger man ein untaugliches System wie die EU und den Euro weiterführt, umso schlimmer wird es, dass ist eben das Teuflische bei den meisten wirtschaftlichen Entwicklungen. Und bei Griechenland, Portugal, Spanien, Italien, wahrscheinlich auch Frankreich ist es ja genau gleich, dass kann nur durch einen Staatsbankrott gelöst werden, weil es gibt keine Alternative, dass ist das großartige Wort unserer Eurokraten, dass diese ja in geradezu demokratieverächtlicher Form immer verwenden, nämlich ALTERNATIVLOS mal angebracht. Ein Staatsbankrott für die meisten größeren Teilhaber der Eurozone ist alternativlos. Es hat einerseit etwas Erschreckendes, das Schöne daran ist, wie übrigens auch bei einem Privatbankrott, es hat auch etwas Befreiendes. Es ist Tabula rasa, es ist Neustart, es ist ok, es ging nicht mehr. Also wenn ich noch nicht einmal die Zinsen für meine aufgelaufenen Schulden aufbringen kann und mir noch niemand mehr Geld leiht dafür, dass ich wenigstens die Zinsen bezahlen kann, was ja auch schon pervers ist, diese Perversion findet ja durch die Eurozone statt, dann bist du pleite, dann musst du Pleite erklären und dann schauen wir weiter. Was hat die Eurozone gemacht stattdessen, sie hat Griechenland die Staatspapiere garantiert, dass heisst, sie hat allen Gläubigern gesagt, keine Angst, zurecht geht ihr davon aus, Griechenland ist keinen Cent mehr wert an nachgeschmissenem Geld, aber Hallo, die Europäische Zentralbank und die Eurozone als solche, dürfte doch als Schuldner noch valabel sein, also könnt ihr doch Griechenland weiter Geld leihen.“
(Zitat: René Zeyer)

Herr Christoph Weise

28.01.2015, 10:36 Uhr

Ein Neubeginn für Griechenland wäre möglich, wenn alle Altschulden nicht mehr bedient und eine eigene Währung eingeführt würde. Griechenland stände nach einem solchen Reset da, wie Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Insofern ist die Lage nicht so alternativlos, wie Herr Nagel sie darstellt.

Herr Thomas Albers

28.01.2015, 10:46 Uhr

"Ein Neubeginn für Griechenland wäre möglich"

Allerdings. Das Problem dabei ist: Der Neubeginn setzt unter diesen Umständen nicht im Industriezeitalter, sondern "davor" ein. Das kann man mit einem europäischen Staat nicht ernsthaft machen.

Der Schuldenschnitt ist keine Lösung - kann aber Teil einer tragfähigen selbstverantwortlichen Zukunft sein. Der Schuldenschnitt - nicht nur für Griechenland - ist sowieso unausweichlich, wenn man wieder vernünftige Aufschwünge sehen will.

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