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18.07.2016

16:21 Uhr

Europäische Zentralbank

Diese Unternehmensanleihen kauft Draghi

Erstmals hat die Europäische Zentralbank veröffentlicht, welche Firmenbonds sie kauft. Darunter sind börsennotierte Großkonzerne wie der Bierbrauer Anheuser-Busch Inbev und Siemens, aber auch eine große Überraschung.

Die Europäische Zentralbank kauft auch Anleihen des Bierbrauers Anheuser-Busch InBev, zu dem auch Budweiser gehört. AP

Budweiser

Die Europäische Zentralbank kauft auch Anleihen des Bierbrauers Anheuser-Busch InBev, zu dem auch Budweiser gehört.

DüsseldorfDie Unternehmensanleihekäufe der Europäischen Zentralbank sind erstmals veröffentlicht worden. Dazu gehören zahlreiche deutsche Großkonzerne wie BASF, BMW, Volkswagen und Siemens. Wie bereits spekuliert befinden sich zudem Anleihen des belgischen Bierbrauers Anheuser-Busch Inbev im Portfolio der EZB. Überraschend: Auch nicht börsennotierte Unternehmen wie die Robert Bosch GmbH wurden von der Notenbank gekauft, wie sich in der Auflistung der Bundesbank sehen lässt, die im Auftrag der EZB die deutschen Käufe getätigt hat.

Während die Bundesbank die Unternehmensnamen mit in ihre Auflistung geschrieben hat, veröffentlichten viele Notenbanken der anderen Eurostaaten lediglich Listen mit ISIN-Nummern. Insgesamt kauften die Notenbanken im Namen der EZB in der vergangenen Woche 1,95 Milliarden Euro an Firmenanleihen nach 1,68 Milliarden Euro in der Woche zuvor. Die EZB begann mit dem Ankauf von Firmenanleihen am 8. Juni, seitdem hat sie Papiere im Volumen von gut 10 Milliarden Euro erworben.

Die Staatsanleihen-Kaufprogramme der EZB: OMT und QE

Das „Outright-Monetary-Transactions“-Programm...

...wurde 2012 auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise beschlossen. „OMT“ steht für „Outright Monetary Transactions“, was übersetzt „direkte geldpolitische Geschäfte“ bedeutet.

(Quelle: Reuters)

Die Situation

Mit dem Programm sollen gezielt Staatsanleihen von angeschlagenen Euro-Ländern aufgekauft werden, um extreme Renditeausschläge bei den Papieren einzudämmen. Als es beschlossen wurde, waren mit Italien und Spanien die dritt- und viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone ins Fadenkreuz von Investoren geraten. Die Zinsaufschläge der Staatsanleihen schossen in die Höhe – den Staaten fiel es zunehmend schwerer, ihre Schulden zu bedienen. Die Länder drohten in eine gefährliche Schieflage zu geraten.

Das Ziel

Mit OMT-Käufen kann die EZB in genau solchen Situationen gezielt gegensteuern. Denn Investoren steht die Notenbank dann als mächtiger Gegenspieler mit prinzipiell unerschöpflicher Finanzkraft gegenüber. Voraussetzung für den Ankauf von Staatsanleihen im Rahmen von OMT ist jedoch, dass sich das betreffende Land einem Rettungsprogramm unterwirft.

Die Praxis

OMT wurde noch nie aktiviert. Es gilt dennoch neben dem berühmt gewordenen Versprechen von EZB-Chef Mario Draghi, die Notenbank werde alles tun („Whatever it takes“), um den Euro zu verteidigen, als stärkste Waffe im Kampf gegen die Schuldenkrise und Spekulationen gegen den Euro. Schon die Ankündigung, die EZB werde wenn erforderlich unbegrenzt Anleihen aufkaufen, beruhigte damals die Märkte.

Die Kritik

Kritiker werfen der EZB vor, mit OMT gezielt einzelne Krisenstaaten mit der Notenpresse indirekt zu finanzieren. Denn Staatsanleihenkäufe hätten unter anderem zur Folge, dass die Zinsaufschläge der betreffenden Bonds sinken, so dass die Länder ihre Schuldendienste leichter leisten können. Die Notenbank argumentiert, ihr gehe es darum, den Zusammenhalt des Währungsraums zu wahren und Verzerrungen auf den Märkten zu beheben. Deren Funktionieren ist für ihre Geldpolitik von größter Bedeutung, weil sie als erste auf Zinsänderungen und andere EZB-Schritte reagieren. Seien diese Märkte gestört, könne die Geldpolitik nicht wirken, argumentiert die Notenbank.

Das „Quantitative Easing“ dagegen...

...ist ein Abwehrgeschütz gegen eine Deflation. Seit März 2015 kauft die EZB zusammen mit den nationalen Notenbanken im Währungsraum im Rahmen eines anderen Programms – „QE“ genannt – Staatsanleihen der Euro-Länder auf. „QE“ steht dabei für „Quantitative Easing“, was ins Deutsche übersetzt quantitative Lockerung bedeutet.

Das Ziel von „QE“

QE soll die derzeit aus EZB-Sicht viel zu niedrige Inflation künstlich anheizen. So soll eine ruinöse Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen, nachlassendem Konsum und zurückgehenden Investitionen verhindert werden. Dies nennen Volkswirte „Deflation“. Dagegen gibt es kaum ein wirksames geldpolitisches Mittel. Das zeigt etwa der Blick auf Japan, wo die Wirtschaft gut ein Jahrzehnt lang in einer Deflation gefangen war.

Der Unterschied

QE wird als geldpolitisches Instrument für ganz andere Zwecke eingesetzt als OMT. Letztendlich ist bei QE die Wiederherstellung von Preisstabilität das Ziel, was die EZB als Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent definiert. Denn dann besteht ein ausreichender Sicherheitsabstand zu einer Deflation. Bis mindestens Ende März 2017 will die EZB im Rahmen dieses Programms Staatsanleihen und andere Wertpapiere – darunter seit kurzem auch Firmenanleihen – im Volumen von insgesamt 1,74 Billionen Euro erwerben. Pro Monat sind Wertpapierkäufe im Volumen von 80 Milliarden Euro geplant.

Die EZB kauft generell Anleihen, weil sie die Zinsen im Euro-Raum drücken und die Kreditvergabe beleben. Dies hat schon teils funktioniert. Insgesamt will die EZB so für Wachstum sorgen, damit die Preise im Währungsraum wieder in dem von der EZB angestrebten Maß von etwa zwei Prozent steigen. Da der Leitzins schon lange sehr niedrig ist und inzwischen bei null Prozent liegt, kauft die EZB seit März 2015 Anleihen aus dem Euro-Raum, um die Kapitalmarktzinsen weiter zu drücken. Dabei griff sie zunächst vor allem bei Staatspapieren zu, aber auch bei Anleihen von Förderinstituten, bei Pfandbriefen und bei verbrieften Wertpapieren. Laufen sollen die Käufe bis mindestens März 2017.

Firmenbonds kauft die EZB, weil sie damit die Refinanzierungskosten der Unternehmen direkt senken will. Dazu kommt: „Ohne die Ausweitung auf Unternehmensanleihen wären der EZB voraussichtlich bald die kaufbaren Bonds ausgegangen“, sagt Felix Freund, Fondsmanager bei Standard Life Investments. Seit April kaufen die Notenbanker um EZB-Chef Mario Draghi pro Monat Anleihen im Wert von insgesamt 80 Milliarden Euro und damit 20 Milliarden Euro mehr als zuvor. Analysten rechnen mit Firmenbondkäufen zwischen fünf und zehn Milliarden Euro pro Monat.

Die wichtigsten Fragen und Antworten: Warum die EZB Anleihen von Unternehmen kauft

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Premium Warum die EZB Anleihen von Unternehmen kauft

Die EZB kauft nun auch Firmenanleihen. Aber warum überhaupt? Macht sie den Markt nicht kaputt? Und welche Papiere kann die Notenbank erwerben? Welche hat sie bereits im Portfolio? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Die Notenbank orientiert sich dabei an einem eigenen hypothetischen Vergleichsindex, der geheim bleibt. Er richtet sich nach dem nominalen Wert aller ausstehenden Anleihen, die für das Kaufprogramm zulässig sind. „Die EZB schafft sich so eine Art börsengehandelten Indexfonds, kauft also breit den Markt“, sagt Fondsmanager Freund: „Mit dieser proportionalen Gewichtung will die Notenbank zu große Preisverzerrungen verhindern.“ Außerdem halte sie durch die breite Streuung das Ausfallrisiko im Portfolio gering.

Die EZB hat sechs nationale Notenbanken – darunter die Deutsche Bundesbank – mit den Käufen beauftragt und koordiniert deren Aktivitäten. Die zuständigen Händler bei den Notenbanken fragen – wie alle anderen Investoren – bei Banken im Handel nach Kursen und kaufen dann entsprechend. Auch bei neuen Unternehmensanleihen kann die EZB zugreifen. Sie richtet dann die Kaufaufträge an Investmentbanken, die neue Anleihen als Konsortialführer begleiten.

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