Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.03.2017

16:59 Uhr

Europäische Zentralbank

Draghi bleibt trotz Kritik bei Nullzinspolitik

Die EZB will trotz der deutschen Kritik und der anziehenden Inflation ihre ultralockere Geldpolitik beibehalten. EZB-Chef Draghi sieht die Deflationsgefahr als gebannt, will die Geldschleusen daher nicht weiter öffnen.

Der Rat der Europäischen Zentralbank legt die Geldpolitik der Eurozone fest. dpa

EZB-Zentrale in Frankfurt

Der Rat der Europäischen Zentralbank legt die Geldpolitik der Eurozone fest.

Düsseldorf/FrankfurtDie Europäische Zentralbank (EZB) hat erwartungsgemäß ihre Leitzinsen nicht angetastet. Der Schlüsselsatz für die Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld bleibe bei 0,0 Prozent, teilten die Währungshüter am Donnerstag in Frankfurt mit. Auf diesem Rekordtief liegt er bereits seit März 2016. Auch die Strafzinsen für Banken, wenn diese über Nacht überschüssige Liquidität bei der EZB parken, wurden nicht angetastet. Der sogenannte Einlagensatz bleibt bei minus 0,4 Prozent.

Auch an den insbesondere in Deutschland umstrittenen Anleihenkäufen machten die Euro-Wächter keine Abstriche. Sie sollen bis mindestens Ende 2017 laufen und dann ein Volumen von 2,28 Billionen Euro erreichen. Die EZB bekräftigte zudem, die Schlüsselsätze würden weit über die Zeit des Anleihen-Kaufprogramms hinaus auf dem aktuellen Niveau oder sogar noch niedriger liegen. EZB-Präsident Mario Draghi wiederholte in seinen Eingangsbemerkungen auf der Pressekonferenz allerdings nicht mehr den Satz, dass die EZB notfalls alle verfügbaren Instrumente nutzen werde.

„Ein sehr erhebliches Ausmaß an geldpolitischer Unterstützung wird immer noch benötigt“, sagte Draghi. Zwar legten Stimmungsbarometer nahe, dass die wirtschaftliche Erholung der Euro-Zone an Schwung gewinne. Schleppende Reformen bremsten jedoch. Und die Kerninflation sei noch immer zu niedrig. In dieser werden die schwankungsanfälligen Öl- und Lebensmittelpreise ausgeklammert.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Zuletzt hatten gestiegene Inflationszahlen in der Eurozone, insbesondere in Deutschland, den Druck auf die Notenbanker erhöht, ihre extrem expansive Geldpolitik zurückzufahren. Die Verbraucherpreise waren im Februar in Deutschland um 2,2 Prozent angestiegen. Auch die Preise im Euro-Raum zogen im Februar im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 2,0 Prozent an, wie das Statistikamt Eurostat Ende vergangener Woche mitteilte. Dieser Wert wurde zuletzt im Januar 2013 erreicht. Damit liegt die Inflation im Euroraum über dem Ziel, das sich die Europäische Zentralbank gesetzt hat. Dieses sieht eine Preissteigerung von annähernd zwei Prozent vor. Als Preistreiber wirkten vor allem die Energie- und Lebensmittelpreise.

Nach Einschätzung der Währungshüter werden die Verbraucherpreise im Euroraum weiter deutlich schneller anziehen als zuletzt erwartet. Für das laufende Jahr rechnet die Notenbank nun mit einer Teuerungsrate von 1,7 Prozent. Im Dezember war sie noch von 1,3 Prozent ausgegangen. Auch die mittelfristigen Aussichten für die Konjunktur beurteilt die EZB etwas optimistischer. Die Kerninflation – ohne die schwankenden Energie- und Lebensmittelpreise – ist aus Sicht der Notenbank mit 0,9 Prozent allerdings immer noch zu niedrig.

Die Märkte reagierten positiv auf die Entscheidung. Der deutsche Leitindex Dax bewegte sich nach der Pressekonferenz von Mario Draghi nach oben und gewann in der Spitze 100 Punkte gegenüber dem Handelsstart. Später verlor er einen Teil des Gewinns wieder. Auch der europäische Leitindex Eurostoxx 50 legte zu. Der Kurs des Euro ist nach der Entscheidung gestiegen. Ein Euro wurde am Nachmittag bei 1,0578 US-Dollar gehandelt, ein Plus von 0,36 Prozent.

Europäische Bankaktien haben von optimistischen Äußerungen von EZB-Chef Mario Draghi zur Lage in der Branche profitiert. Draghi hatte gesagt, dass es keine Diskussion über weitere supergünstige Langfristkredite für Banken (TLTRO) gegeben habe – Ausdruck eines sich aufhellenden Klimas. Das gab Finanztiteln Auftrieb: Der europäische Sektorindex legte 2,3 Prozent zu. „Einige Investoren hatten im Vorfeld auf weitere Langfristtender spekuliert. Dass diese als Notfallinstrumente verstandenen Maßnahmen nun erstmal ausbleiben, wird positiv gesehen“, sagte Commerzbank-Analystin Thu Lan Nguyen. Mit den Geldspritzen will die EZB Anreize schaffen, dass Geldhäuser das günstige Geld in Form von Krediten an Firmen und Haushalte weiterreichen. Das letzte der vier Geschäfte soll Ende März abgewickelt werden.

Ex-EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing: „Das Postfaktische hat die Notenbanken erreicht“

Ex-EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing

Premium „Das Postfaktische hat die Notenbanken erreicht“

Viele fordern, dass die EZB die Zinsen erhöht. Nicht so Otmar Issing. Der frühere Chefvolkswirt spricht im Interview über die schwierige Vermittlung der Geldpolitik, den Dauerpatienten Italien und den Preis für Schinken.

Aus Deutschland kamen dennoch kritische Stimmen. „Die EZB hat erneut die Chance verpasst, den Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik einzuleiten“, kommentierte die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte sich vor dem Zinsbeschluss bereits für einen Ausstieg aus der ultra-lockeren Geldpolitik ausgesprochen: „Je länger die Niedrigzinsphase andauert, umso größer werden die Belastungen. Deshalb werbe ich für einen rechtzeitigen Einstieg in den Ausstieg“, ergänzte der CDU-Politiker mit Blick auf die seit Jahren ultra-lockere Geldpolitik. Das werde schwer genug. „Es ist wirklich Zeit, dass die Europäische Zentralbank umsteuert“, sagte auch der Präsident des Verbandes der Genossenschaftsbanken, Uwe Fröhlich.

Aus Sicht des Ifo-Präsidenten Clemens Fuest wäre es besser gewesen, die Anleihenkäufe ab Mai weiter zu senken. Das Münchner Institut schlägt konkret vor, dass die EZB ihre umstrittenen Anleihenkäufe schrittweise zurückfährt. Derzeit kauft sie monatlich Papiere im Wert von 80 Milliarden Euro, will den Umfang aber ab April auf 60 Milliarden reduzieren. Laut Ifo-Präsident Clemens Fuest ist es angebracht, die Summe bis Herbst auf null zu reduzieren. „Die EZB sollte nun den Fuß vom Gaspedal nehmen.“

Die Währungshüter haben an diesem Donnerstag in der Frankfurter EZB-Zentrale beraten. Die Leitzinsen liegen seit längerem schon auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Zudem ist bislang ein Umfang von mehr als zwei Billionen Euro für die Anleihenkäufe eingeplant. Beide Maßnahmen sollen die Konjunkturerholung in der Euro-Zone stützen und die lange sehr niedrige Inflation nach oben treiben. Experten hatten aber nicht damit gerechnet, dass EZB-Chef Mario Draghi schon jetzt die Geldpolitik strafft – wie es in den USA die Notenbank Fed tut.

Kommentare (13)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Hans-Jörg Griesinger

09.03.2017, 14:21 Uhr

Ist es mit dem angeblichen „Konjunkturhoch im Euroraum“ dann doch nicht so weit hin, oder?

Ich schreibe es immer wieder, D muß raus aus der Eurowährung und die D-Mark wieder einführen. Das ist der einzig gangbare Weg, um Europa zukünftig vor Konflikten und militärischen Auseinandersetzungen zu bewahren.
Wir geben den Euro auf, bleiben aber in einer EWG.
Wir werten unsere neue D-Mark auf, die anderen werten im Euro ab.
Bei uns steigt durch höhere Kaufkraftstärke der Neuwährung die Binnennachfrage und der Inlandskonsum und die Exportüberschüsse sinken. Die Importquote steigt an.
Öl und Energie wird billiger, Importe werden billiger, Exporte verteuern sich.
Da wir aber in vielen Bereichen Weltmarktführer sind, und überall unser „Made in Germany“ nachgefragt und auch gekauft wird, sollten wir eine Aufwertung unserer neuen D-Mark verkraften können.
Nur durch eine deutsche Euroaufgabe ist Europa noch zu retten!



Rainer von Horn

09.03.2017, 14:29 Uhr

Gott sei Dank ist die Inflation ja noch moderat, da bleibt Italien liquide.

Herr Hans-Jörg Griesinger

09.03.2017, 14:38 Uhr

Unsere exorbitant hohen Exportüberschüsse (Target 2 Saldo aktuell bei über 800 Mrd. Euro) sinken, unsere Importquote steigt durch zuznehmende Binnennachfrage und steigendem Konsumverhalten durch die neue D-Mark an.
Durch eine höhere Importquote kann das Ausland wieder an uns verkaufen und wir stärken somit die Pleitestaaten, deren Wirtschaft sich wieder erholt.
Zudem können diese Staaten wieder wachsen und auch ihren Schuldendienst bei uns bedienen. Das wäre für alle am Ende eine win-win Situation.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×