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08.03.2012

17:10 Uhr

Europäische Zentralbank

Draghi weist Kritiker in die Schranken

Auf der Pressekonferenz hat EZB-Chef Draghi Kritik an seinem Kurs zurückgewiesen. Er hob den Erfolg der jüngsten Geldspritze für die Banken hervor und leistete sich einen Seitenhieb gegen Bundesbank-Chef Weidmann.

EZB Präsident Mario Draghi. dpa

EZB Präsident Mario Draghi.

Frankfurt/BerlinEZB-Chef Mario Draghi hat deutsche Kritik an einer zu laxen Geldpolitik zurückgewiesen und vorerst keine weitere Zinssenkung in Aussicht gestellt. Die jüngsten Kreditlinien für die Banken im Umfang von mehr als einer Billion Euro seien „fraglos ein Erfolg“, sagte Draghi am Donnerstag nach der EZB-Ratssitzung, auf der die Notenbanker den Zinssatz auf dem historisch niedrigen Niveau von 1,0 Prozent beließen.

Zugleich sagte der Italiener mit einem Seitenhieb auf Bundesbankpräsident Jens Weidmann: „Wir sind alle Hüter der Stabilität. Es gibt nicht nur einen bestimmten Hüter. Wir sitzen alle im gleichen Boot und ich denke, es gibt nichts zu gewinnen, wenn man öffentlich außerhalb des EZB-Rats kämpft oder diskutiert.“ Weidmann hat in einem jüngst bekannt gewordenen Brandbrief an Draghi vor finanziellen Risiken durch die laxe Geldvergabe gewarnt.

Das Problem der „Target II“-Salden in der Euro-Zone

Schuldenkrise bedroht gesamtes Geldwesen

Glaubt man Ökonomen wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, rollt auf die Bundesbank wegen der Schuldenkrise ein Mega-Problem zu, das zu einem Zusammenbruch unseres gesamten Geldwesens führen könnte. Dabei geht es um die
sogenannten „Target“-Forderungen der deutschen Zentralbank gegenüber den Zentralbanken Portugals, Italiens, Irlands, Griechenlands und Spaniens - also der Länder, die im Fokus der Schuldenkrise stehen. Worin genau besteht das Problem und welche Lösungsansätze werden zurzeit diskutiert?

Was ist Target?

Target ist das Zahlungsverkehrssystem der europäischen Zentralbanken, über das die Geschäftsbanken grenzüberschreitende Zahlungen abwickeln. Am einfachsten lässt sich seine Funktion an einem Beispiel erklären: Ein griechischer Lebensmittelhersteller kauft bei einem deutschen Unternehmen eine Verpackungsmaschine. Den Kaufpreis leitet der griechische Käufer (Importeur) über seine Geschäftsbank, die griechische Notenbank, die Bundesbank und eine deutsche Bank an den Verkäufer (Exporteur) weiter.

Wo liegt das Problem?

Eigentlich ist jetzt alles gut: Der griechische Importeur hat die Verpackungsmaschine, der deutsche Exporteur sein Geld. Das Problem entsteht hinter der Kulisse: Die Bundesbank hat den Betrag an die deutsche Geschäftsbank und damit letztlich an den Exporteur ausgezahlt und nun ihrerseits eine Forderung an die griechische Zentralbank. Aber was ist diese Forderung wert? Denn was wäre, wenn Griechenland aus der Euro-Zone ausscheiden würde?

In früheren Zeiten des Goldstandards hätte die griechische Seite der Bundesbank nun Gold gutgeschrieben - der Saldo wäre ausgeglichen. Heute besteht die Forderung nur auf dem Papier. In normalen Zeiten wäre das Problem nicht so gravierend, weil die Geschäfte in beide Richtungen liefen. Wegen ihrer tiefen Krise importieren die Problem-Länder aber mehr als sie exportieren.

Die Dimension

So lange die Euro-Zone existiert, sind die Unterschiede in der Zahlungsbilanz an sich kein großes Drama. Der denkbare Euro-Austritt Griechenlands oder gar ein Zerfall des gemeinsamen Währungsraums und die schieren Summen, um die es geht, stellen aber nach Meinung vieler Experten mittlerweile ein enormes Risiko dar: Die „Target“-Forderungen der Bundesbank haben sich bis Juni 2012 auf fast 727 Milliarden Euro summiert. Bei einem Zusammenbruch des Euro-Systems bliebe die Bundesbank auf diesen Forderungen sitzen - und damit letztlich die deutschen Steuerzahler.

Welche Lösungen gibt es?

Die USA haben ein ähnliches Zahlungsverkehrssystem namens Fedwire, in dem die Differenzen zwischen den regionalen Filialen der US-Notenbank Fed ausgeglichen werden: Die Ungleichgewichte werden einmal im Jahr durch Wertpapiere korrigiert, die in den Beständen der Fed-Niederlassungen liegen. Das ließe sich auch in Europa so machen. Hier stellt sich aber die Frage nach der Güte der Wertpapiere, die in den Bilanzen der Zentralbanken stehen.

Denn mittlerweile akzeptieren die Euro-Notenbanken wegen der Schuldenkrise Papiere von fraglicher Qualität, die die Banken bei ihnen als Sicherheiten für Kredite hinterlegen. So reicht derzeit sogar aus, wenn eine Bank im Gegenzug für Zentralbank-Geld, einzelne Unternehmenskredite an die Notenbank verpfändet.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann fordert deshalb eine Rückkehr zu den höheren Qualitätsanforderungen der Zentralbanken an hinterlegte Papiere, die vor der Finanzkrise gegolten hatten.

Auf der Ratssitzung war die Änderung des Leitzinses laut Draghi kein Thema. Dies dürfte nach Ansicht der meisten Experten auch bis weit in 2013 hinein so bleiben. Denn die EZB erwartet, dass die Inflationsrate 2012 höher liegen wird als ihr lieb sein kann und sie daher keinen Spielraum mehr für eine Senkung haben dürfte. „Die Aussagen von Herrn Draghi unterstützen unsere Annahmen, dass die EZB auf Sicht fährt und in der nächsten Zeit nicht an der Zinsschraube drehen wird.

Darauf lassen auch die Kommentare zur Inflation schließen“, sagte Helaba-Ökonom Ralf Umlauf. Laut dem EZB-Chef wird die Inflationsrate noch einige Monate über zwei Prozent liegen, bevor die Zielmarke von knapp
zwei Prozent wieder in Sicht kommt.

Milliarden für die Banken fließen zurück zur EZB

Übernachteinlagen auf Rekordstand

Nach der zweiten Geldspritze der EZB an die Banken sind die Übernachteinlagen bei der EZB erneut drastisch gestiegen. Drei Tage nach der Ausgabe des Tranchen an die Banken legten sie um 300 Milliarden Euro auf 776,9 Milliarden Euro zu, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte. Das war ein Rekordstand. Der Anstieg entspricht in etwa der zusätzlichen Liquidität, die die EZB mit ihrer zweiten großen Geldspritze binnen drei Monaten in den Bankensektor gepumpt hatte.

Was sind die eintägigen EZB-Einlagen?

Mit den Übernacht-Einlagen kann die Notenbank die umlaufende Geldmenge feinsteuern. Für gewöhnlich nehmen die Banken das kaum wahr, weil die Verzinsung vergleichsweise schlecht ist. Vielmehr leihen sie sich das Geld lieber gegenseitig auf dem sogenannten Interbankenmarkt aus. Dieser Handel ist seit der Finanz- und Schuldenkrise aber gestört. Die Angst ist, das verliehene Geld zu verlieren. Vor allem südeuropäischen Banken, die stark in Staatsanleihen angeschlagener Länder investiert haben, schlägt hohes Misstrauen entgegen.

Was ist die Ursache für den Ansprung der Einlagen?

Für den drastischen Sprung dürfte die jüngste Geldspritze der EZB verantwortlich sein. Die Notenbank verlieh den Geldhäusern die Rekordsumme von knapp 530 Milliarden Euro für drei Jahre. Damit will sie einer Kreditklemme vorbeugen, die wegen der Schuldenkrise im Euroraum befürchtet wird.

Schulden mindern Liquidität

Die zusätzliche Liquidität, die die Banken erhalten, liegt aber niedriger. Denn zeitgleich zu der großen Geldspritze waren andere Geschäfte mit der Notenbank ausgelaufen. Experten veranschlagen den Effekt unter dem Schnitt auf rund 310 Milliarden Euro. Und dieser Betrag entspricht in etwa dem Anstieg der Bankeinlagen vom Freitag.

Wieso fließt die Geldspritze zurück zur EZB?

Offensichtlich benötigen viele Banken das zusätzliche EZB-Geld nicht sofort. Vielmehr leihen sie es sich für spätere Geschäfte. Ein Beispiel: Auch Banken haben eigene Anleihen ausgegeben. Und wenn diese fällig werden, müssen die Schulden bedient und zurückgezahlt werden. Mit dem frischen Zentralbankgeld schaffen sich die Banken also ein Sicherheitspolster.

Mit Blick auf die Milliardentender der EZB hatten Kritiker auch vor steigenden Inflationsrisiken durch die Geldflut gewarnt, die Blasen an den Rohstoff- und Immobilienmärkten begünstigen könnten. Im Führungsgremium der EZB hatte sich zuletzt wegen der gelockerten Geldvergabe-Bedingungen der EZB ein Richtungsstreit abgezeichnet: Bundesbankchef Weidmann dringt insbesondere auf eine Verschärfung der Anforderungen für die Sicherheiten, die Banken für das ultragünstige Zentralbankgeld bieten müssen.

Die EZB hat den Banken seit Dezember mit zwei langfristigen Kreditlinien mehr als eine Billion Euro zum Leitzins zukommen lassen. Allein beim letzen Tender dieser Art waren rund 530 Milliarden Euro abgerufen worden. 460 der 800 Banken, die sich mit Geld eingedeckt hatten, kamen laut Draghi aus Deutschland. Allerdings stehen die deutschen Häuser dabei Medienberichten zufolge für nicht einmal zehn Prozent der abgerufenen Summe. Den Löwenanteil hatten die Institute aus den klammen Süd-Ländern der Euro-Zone in Anspruch genommen.

Kommentare (36)

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Kritiker

08.03.2012, 17:18 Uhr

Inflationszielmarke von 2 % ???? Zum Totlachen sind auch die aktuellen ,7 % Inflation. Durch eine hedonische Berechnung (sie wurde unter Bill Clinton in den USA eingeführt) und wird zum größten Teil in ähnlicher Form fast überall verwendet hat man die Inflationszahlen schön gesenkt - durch eine Änderung der Berechnung. Googelt mal unter hedonsiche Berechnung - da seht ihr, wie ihr für dumm verkauft werdet. Und dazu noch ein fragwürdiger Warenkorb, in dem zu teuer gewordene Produkte durch billigere ersetzt werden. Ein Barrel Rohöl kostete 2002 noch 20 Dollar. Das Öl (Brent) kostet 10 Jahr später 125 Dollar. Aber die Inflation steigt ja nie. Hie wrd getrickst und gefälscht, dass es nur so kracht. Wie übrigens bei der offiziellen Arbeitslosenstatistik auch.

Deswegen ahben wir doc alle immer weniger im Geldbeutel. Nach der alten erechnung (vor Clinton) ist die Inflatio immer ca. 2-4 Prozent höher, was auch der Wahrheit entsprechen dürfte !!

Kritiker

08.03.2012, 17:26 Uhr

pardon - natürlich 2,7 Prozent Inflation

oeflingen

08.03.2012, 17:26 Uhr

Wen wundert's? Als Südeuropäer trägt Draghi natürlich das Inflations"gen" in sich!

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