Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.05.2016

15:38 Uhr

Europäische Zentralbank

Kein Ende der lockeren Geldpolitik in Aussicht

Nach der Einschätzung mehrerer Volkswirte wird die Europäische Zentralbank vorerst an ihrer ultra-lockeren Geldpolitik festhalten. Zuletzt hatte die EZB ein Programm zum Kauf von Firmenanleihen beschlossen.

Draghi & Co hatten zuletzt unter anderem ein Programm zum Kauf von Firmenanleihen beschlossen. Dieses soll im Juni beginnen. dpa

EZB-Präsident Mario Draghi

Draghi & Co hatten zuletzt unter anderem ein Programm zum Kauf von Firmenanleihen beschlossen. Dieses soll im Juni beginnen.

FrankfurtDie Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) werden voraussichtlich von ihrer ultra-lockeren Geldpolitik vorerst nicht abweichen. Volkswirten zufolge wird EZB-Präsident Mario Draghi nach der Ratssitzung am Donnerstag in Wien wahrscheinlich darauf verweisen, dass die Euro-Wächter erst im März ein umfangreiches Maßnahmenbündel auf den Weg gebracht haben.

„Da sich die EZB derzeit auf die Umsetzung der im März beschlossenen Maßnahmen konzentriert, wird der Rat auf seiner Sitzung am Donnerstag wohl stillhalten“, schätzt Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert. Der Leitzins dürfte aller Voraussicht nach auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent bleiben.

Draghi & Co hatten zuletzt unter anderem ein Programm zum Kauf von Firmenanleihen beschlossen. Dieses soll im Juni beginnen. Notenbank-Insider erwarten einen langsamen Start. Das gesamte Wertpapier-Kaufprogramm, das neben Staatsanleihen auch Hypotheken-Papiere und Pfandbriefe umfasst, ist inzwischen auf 1,74 Billionen Euro angelegt und soll noch bis Ende März 2017 laufen.

Mit den in Deutschland umstrittenen Käufen wollen die Euro-Wächter Banken dazu bewegen, weniger in Anleihen zu investieren und stattdessen mehr Kredite an die Wirtschaft auszureichen. Das würde die Konjunktur stützen und die Inflation anheizen, die aus EZB-Sicht weiter viel zu niedrig ist.

So waren die Preise im April sogar um 0,2 Prozent gefallen. EZB-Ziel ist aber eine Teuerung von knapp zwei Prozent – für die Notenbank der Idealwert für die Wirtschaft. Doch mittlerweile entspannt sich die Lage merklich.

Grund ist der Ölpreis: Rohöl der Marke Brent knackte unlängst erstmals seit sieben Monaten wieder die Marke von 50 Dollar je Fass. Das dürfte sich auch in den neuen Inflations- und Wachstumsprognosen der Notenbank-Volkswirte widerspiegeln, die die EZB am Donnerstag veröffentlichen will.

Best of Mario Draghi

3.11.2011

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung. Das ist es.“

(Draghi bei seiner ersten Pressekonferenz nach seinem Amtsantritt am 3.11.2011 in Frankfurt)

26.7.2012

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

(Draghi am 26.7.2012 in London)

3.4.2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

(Draghi nach der Sitzung des EZB-Rates am 3.4.2014 in Frankfurt)

26.5.2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

(Draghi am 26.5.2014 bei einer EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra)

5.6.2014

„Das ist ein bedeutendes Maßnahmenpaket. Sind wir schon am Ende? Nein. Wir sind hiermit nicht am Ende, solange wir uns im Rahmen unseres Mandates bewegen.“

(Draghi am 5.6.2014 in Frankfurt nachdem die Notenbank ein ganzes Bündel von Maßnahmen gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche im Euroraum beschlossen hat)

4.9.2014

„Wir mussten etwas tun, das ist unsere Pflicht.“

(Draghi am 4.9.2014 in Frankfurt zum EZB-Beschluss, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe zu kaufen)

22.1.2015

„Ich könnte ein paar Witze dazu erzählen. Aber ich lese einfach noch mal das Eingangsstatement vor. Denn das ist alles, was wir heute sagen können. Und ich vermeide Witze in dieser Sache lieber.“

(Draghi am 22.1.2015 auf die Frage eines Journalisten: „War's das jetzt? War's das - oder können die Leute erwarten, dass die Geldpolitik demnächst noch verschärft wird?“)

3.9.2015

„Wir haben den Willen und die Fähigkeit zu reagieren, falls dies notwendig ist.“

(Draghi am 3.9.2015 zu einer möglichen Ausweitung des Anleihenkaufprogramms)

9.3.2017

„Unsere Geldpolitik war erfolgreich.“

(Draghi am 9.3.2017 zum Anstieg der Inflation auf zwei Prozent)

9.3.2017

„Es gibt nicht mehr das Gefühl, dass das Risiko einer Deflation drängend ist.“

(Draghi am 9.3.2017 zum Erfolg seiner expansiven Geldpolitik)

„Die Wirtschaftsabteilungen der Notenbanken des Eurosystems müssen Seufzer der Erleichterung über die Prognosen ausstoßen“, so Volkswirt Anatoli Annenkov von der Großbank Societe Generale. Sie hätten diesmal die seltene Gelegenheit, glaubhaft eine höhere Inflation vorauszusagen. Noch im März hatten die EZB-Experten ihre Wirtschaftsprognosen deutlich gesenkt.

Die Investmentbank Morgan Stanley geht trotz des erwarteten Silberstreifs aber nicht davon aus, dass die EZB damit von ihrer grundsätzlichen Lagebeurteilung abrückt. „Wir erwarten keine wesentlichen Veränderungen der geldpolitischen Haltung oder des geldpolitischen Ausblicks“, schreiben die Experten.

Manche Beobachter fragen sich allerdings bereits, wie die EZB reagieren wird, wenn die Inflation allmählich wieder anzieht. „Wenn die Inflation in Richtung zwei Prozent ansteigt, wird es schwierig sein, das gegenwärtige Niveau der geldpolitischen Lockerung beizubehalten“, schätzt Ökonom Annenkov. Manche Ratsmitglieder wie etwa Bundesbank-Chef Jens Weidmann fordern bereits seit längerem, dass die EZB ihre Geldschleusen nur so lange sperrangelweit offen halten sollte wie unbedingt nötig.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×