Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.03.2012

11:27 Uhr

Europäische Zentralbank

Weidmann befeuert Debatte über geldpolitischen Kurs

VonChristian Vits, Olaf Storbeck

Leise wollte Jens Weidmann für Stabilitätspolitik werben. Doch mit einem Warnbrief an Draghi sorgte er erneut für Ärger. Bei der EZB-Sitzung heute steht der Bundesbanker genauso isoliert da wie sein Vorgänger Axel Weber.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann auf dem Jahresempfang der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Düsseldorf. dapd

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann auf dem Jahresempfang der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Düsseldorf.

Frankfurt/LondonDie Stimmung in der EZB ist vor der heutigen Ratssitzung angespannt. Grund ist diesmal nicht die Lage an den Märkten - sie hat sich im Vergleich zu den Vormonaten beruhigt. Dafür treibt ein anderes Problem die Zentralbanker um. Mit seinem jüngsten Brief an EZB-Chef Mario Draghi hat Bundesbank-Präsident Jens Weidmann einen Grundsatzstreit entfacht - und viele andere Ratsmitglieder vor den Kopf gestoßen. Der Brief, der in die Öffentlichkeit gelangt ist, trifft, wie das Handelsblatt aus Notenbankkreisen erfuhr, "bei vielen EZB-Ratsmitgliedern auf Unverständnis".

Vergangene Woche war bekannt geworden, dass sich der 43-jährige Bundesbank-Chef schriftlich an den EZB-Präsidenten gewandt hatte: Er möge doch die Anforderungen, die die EZB an die Sicherheiten stellt, die sie von Geschäftsbanken für Kredite fordert, wieder erhöhen.

Milliarden für die Banken fließen zurück zur EZB

Übernachteinlagen auf Rekordstand

Nach der zweiten Geldspritze der EZB an die Banken sind die Übernachteinlagen bei der EZB erneut drastisch gestiegen. Drei Tage nach der Ausgabe des Tranchen an die Banken legten sie um 300 Milliarden Euro auf 776,9 Milliarden Euro zu, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte. Das war ein Rekordstand. Der Anstieg entspricht in etwa der zusätzlichen Liquidität, die die EZB mit ihrer zweiten großen Geldspritze binnen drei Monaten in den Bankensektor gepumpt hatte.

Was sind die eintägigen EZB-Einlagen?

Mit den Übernacht-Einlagen kann die Notenbank die umlaufende Geldmenge feinsteuern. Für gewöhnlich nehmen die Banken das kaum wahr, weil die Verzinsung vergleichsweise schlecht ist. Vielmehr leihen sie sich das Geld lieber gegenseitig auf dem sogenannten Interbankenmarkt aus. Dieser Handel ist seit der Finanz- und Schuldenkrise aber gestört. Die Angst ist, das verliehene Geld zu verlieren. Vor allem südeuropäischen Banken, die stark in Staatsanleihen angeschlagener Länder investiert haben, schlägt hohes Misstrauen entgegen.

Was ist die Ursache für den Ansprung der Einlagen?

Für den drastischen Sprung dürfte die jüngste Geldspritze der EZB verantwortlich sein. Die Notenbank verlieh den Geldhäusern die Rekordsumme von knapp 530 Milliarden Euro für drei Jahre. Damit will sie einer Kreditklemme vorbeugen, die wegen der Schuldenkrise im Euroraum befürchtet wird.

Schulden mindern Liquidität

Die zusätzliche Liquidität, die die Banken erhalten, liegt aber niedriger. Denn zeitgleich zu der großen Geldspritze waren andere Geschäfte mit der Notenbank ausgelaufen. Experten veranschlagen den Effekt unter dem Schnitt auf rund 310 Milliarden Euro. Und dieser Betrag entspricht in etwa dem Anstieg der Bankeinlagen vom Freitag.

Wieso fließt die Geldspritze zurück zur EZB?

Offensichtlich benötigen viele Banken das zusätzliche EZB-Geld nicht sofort. Vielmehr leihen sie es sich für spätere Geschäfte. Ein Beispiel: Auch Banken haben eigene Anleihen ausgegeben. Und wenn diese fällig werden, müssen die Schulden bedient und zurückgezahlt werden. Mit dem frischen Zentralbankgeld schaffen sich die Banken also ein Sicherheitspolster.

Aus Sicht der Bundesbank ist vor allem problematisch, dass die Anforderungen an die Sicherheiten, die für Refinanzierungen mit billigem EZB-Geld hinterlegt werden müssen, im Verlauf der Finanzkrise deutlich gesenkt wurden. Sieben Notenbanken aus den Euro-Krisenländern ist es zudem erlaubt, auf eigenes Risiko Sicherheiten zu akzeptieren, die etwa in Deutschland für eine Refinanzierung bei der EZB nicht ausreichen würden. Die Mindestanforderungen an marktfähige Schuldtitel, die von den Regierungen Griechenlands, Portugals und Irlands begeben werden, wurden sogar gänzlich ausgesetzt.

In der EZB gab es angesichts der schriftlich an Draghi gerichteten Kritik viel Unverständnis. Im EZB-Rat hieß es, es sei unklug von Weidmann gewesen, im Alleingang auf den EZB-Chef zuzugehen, und nicht das Gremium selbst als Plattform für kritische Diskussionen zu nutzen.

„Dass es innerhalb des EZB-Rats erhebliche Diskussionen über den Kurs der Notenbank gibt, ist nicht neu. Überraschend ist aber, dass sie jetzt so offen ausgetragen werden“, urteilt Jens Sondergaard, Europa-Volkswirt bei der japanischen Investmentbank Nomura. „Man muss sich fragen: Sind die Beziehungen schon so zerrüttet, dass Weidmann sich gezwungen sieht, einen Brief zu schreiben?“

Bundesbank: Bloß keine Inflation

Bundesbank

Bloß keine Inflation

Wenn es um die Stabilität des Geldes geht, kennt die Bundesbank kein Pardon. Stets hat sie dem Ziel der Geldwertstabilität alles andere untergeordnet. Ihre Nachfolgerin - die EZB - hat dafür wenig Verständnis.

Nicht nur Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, sondern die gesamte deutsche Stabilitätskultur der Bundesbank ist in die Defensive geraten. Nie zuvor wurden die Tugenden der deutschen Geldpolitik - keine Staatsfinanzierung, strikte politische Unabhängigkeit und ein unbedingter Vorrang der Inflationsbekämpfung - derart offen angefeindet. Keine Zahl illustriert den Konflikt - Geldschwemme versus Geldwertstabilität - besser als jene, die die EZB am Dienstag veröffentlichte: Ihre eigene Bilanzsumme habe jetzt "erstmals die Grenze von drei Billionen Euro überschritten" - das sind umgerechnet 700 Milliarden Euro mehr als die Bilanzsumme der US-Notenbank Fed.

EZB-Chef Mario Draghi hält die Risiken, die sich in dieser enormen Ausweitung der Bilanz widerspiegeln, für "gut gemanagt". Weidmann dagegen betont "die Risiken der Liquiditätsbereitstellung". Die Aussage Draghis versteht er als noch einzulösende "Verpflichtung".

US-Notenbank: Furchtlose Pragmatiker

US-Notenbank

Furchtlose Pragmatiker

Angelsächsische Notenbanker haben keine große Angst vor Inflation - und auch nicht vor hohen Staatsschulden. Mit ihrer pragmatischen Art unterscheiden sie sich deutlich von der Tradition der Bundesbank.

Kommentare (24)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

gerhard

08.03.2012, 11:58 Uhr

„Dass es innerhalb des EZB-Rats erhebliche Diskussionen über den Kurs der Notenbank gibt, ist nicht neu. Überraschend ist aber, dass sie jetzt so offen ausgetragen werden“, urteilt Jens Sondergaard, Europa-Volkswirt (Zitat).
Offenheit ist immer gut. Nur man hat – was die EZB betrifft, den“ Bock zum Gärtner“ gemacht. Ein Bock liest aber keine Briefe , die an ihn gerichtet sind. Den EZB Garten muss man schon grundsätzlicher von der Politik aus –wieder säubern. Der Zustand jetzt führt den Euro mit Sicherheit in den Abgrund. Nur wir? - fallen mit !
Aber wir haben 1945 gemeistert – schlimmer kann es ja nun auch nicht werden.

Funin

08.03.2012, 12:06 Uhr

Schuld sind natürlich auch die deutschen Verbrecher, die zugelassen haben dass Deutschland als größter Zahler nur die gleiche Stiime im EZB-Rat hat wie z.B. Malta.

Daher ist Deutschland gegen die Südländer-Mafia ohne Chancen solange Deutschland hier nicht revoltiert, was aber bei Merkel & Co völlig ausgeschlossen ist.
Diese Dame gibt ja selbst am Ende IMMER nach, der deutsche Steuerzahler ist ja sooo geduldig.

Mazi

08.03.2012, 12:09 Uhr

Weidmann steht nicht isoliert da. Das mag für die EZB zutreffen, aber Weidmann kann gewiss sein, dass das deutsche Volk hinter ihm steht.

Es gibt einige Themen, die in EZB, ESM und letztlich in Berlin gerade zu rücken sind. Das Volk braucht ein Sprachrohr und einen kompetenten Vertreter in all diesen durchaus komplizierten Angelegenheiten.

Weidmann ist quasi die letzte Bastion, die nicht fallen darf!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×