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09.09.2014

08:13 Uhr

Ex-Chefvolkswirt attackiert Draghi-Kurs

„Die EZB verzerrt fundamental die Marktbedingungen“

ExklusivDer frühere EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark warnt vor enormen Risiken der jüngsten geldpolitischen Entscheidungen. Die EZB nehme große Risiken auf ihre Bilanz. Für derartige Beschlüsse sei sie nicht legitimiert.

Jürgen Stark, Ex-Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. dpa

Jürgen Stark, Ex-Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank.

DüsseldorfDer ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark,  warnt vor den enormen Risiken der jüngsten geldpolitischen Entscheidungen. „Die Märkte werden  zu einem Zeitpunkt zusätzlich geflutet, in dem sowieso schon reichlich überschüssige Liquidität weltweit vorhanden ist“, schreibt Stark in einem Gastkommentar für das Handelsblatt (Dienstagsausgabe).

Diese Geldpolitik führe zu „fundamental verzerrten Marktbedingungen, etwa für Anleihen hoch verschuldeter Euro-Länder und Übertreibungen in anderen Finanzmarktsegmenten“.  „Die notwendige Korrektur, wann auch immer sie kommt, kann zu einer neuen schweren Krise führen“, schreibt Stark.

Die EZB hatte vergangenen Donnerstag beschlossen, den Leitzins um 0,1 Prozentpunkte auf 0,05 Prozent zu senken. Außerdem will die EZB ab Oktober den Banken mit Krediten besicherte Wertpapiere (ABS) abkaufen. „Die Nullzinsen werden  keinen einzigen Euro an zusätzlicher Kreditvergabe bewirken und diese Ineffektivität wird längerfristig unter anderem die Reputation der EZB noch mehr untergraben“, so Stark. Mit dem Ankauf von ABS – „welcher Qualität auch immer“ – nehme die EZB enorme Risiken auf ihre Bilanz und mache sich zu einer europäischen „bad bank“.

Stark sieht eine  komplett „veränderte Rolle der EZB“.  Die potenziellen Umverteilungseffekte seien  „enorm“. „Für Entscheidungen mit derart weitreichenden Folgen ist der EZB-Rat nicht demokratisch legitimiert“, warnt Stark.

Mario Draghis Krisenkurs in Zitaten

Amtsantritt am 3.November 2011 in Frankfurt

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung.“

26. Juli 2012 in London

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

EZB-Sitzung am 4. Juli 2013

„Der EZB-Rat erwartet, dass die Zinssätze der EZB für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder darunter bleiben werden.“

Nach der Leitzinssenkung am 7. November 2013

„Wenn wir Deflation verstehen als einen weit verbreiteten Verfall von Preisen in vielen Warengruppen und in mehreren Ländern – das sehen wir nicht.“

Gespräch mit Altkanzler Schmidt am 7. November 2013

„Ich bin sehr bewegt von Helmut Schmidts Worten und sollte dafür wirklich dankbar sein. Komplimente sind Mangelware in diesen Tagen.“

EZB-Sitzung am 3. April 2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

EZB-Sitzung am 8. Mai 2014

„Der EZB-Rat fühlt sich wohl damit, beim nächsten Mal zu handeln.“

EZB-Konferenz am 26. Mai 2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

Von

jmue

Kommentare (18)

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Herr Uwe Warschkow

08.09.2014, 18:39 Uhr

Es steht jedem frei,dagegen zu klagen.Draghi ist schon mit seinem OMT vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert.Die Kläger hätten gute Chancen auch hier (ABS,OE) zu obsiegen.Die EZB müsste dann uns von den OMT-,ABS- und QE Maßnahmen ausnehmen,die anderen Länder mehr schultern,Draghi wäre am Ende.

Herr Manfred Zimmer

08.09.2014, 18:39 Uhr

Wann stärkt endlich einmal ein Politiker Herrn Stark den Rücken, wenn er schon einmal das aussagt, was Politiker hätten schon lange sagen müssen.

Die Sache mit dem "alternativlosen" Gelaber in der Politik nimmt doch schon lange kein Bürger mehr ernst.

Wir brauchen händeringend Leute mit Format, die uns Bürger vertreten.

Herr Manfred Zimmer

08.09.2014, 18:44 Uhr

Ist es eigentlich eine Sache der Bürger die EZB zu überwachen oder ist es Sache derer, die EZB geschaffen haben?

Stark wird es wissen. „Für Entscheidungen mit derart weitreichenden Folgen ist der EZB-Rat nicht demokratisch legitimiert“, warnt Stark.

Das ist eine klare Ansage an die, deren Job es ist, endlich ihrer Aufgabe nachzukommen. Mir will doch niemand klarmachen, dass es zu einer Klage eines Bürgers kommen muss, hier Einhalt zu gebieten.

Dann stimmt aber am ganzen System etwas nicht! Dafür brauchen wir dann keinen Stresstest mehr. Das ist der Supergau und den kann man nicht testen.

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