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10.06.2017

14:19 Uhr

Exonomics

Warum Deflation gut ist

VonFrank Wiebe

Das klassische Wachstumsmodell ist überholt, findet Amin Toufani. Laut dem Chefstrategen der Singularity University im Silicon Valley lässt sich Deflation in Zukunft gar nicht verhindern – was nicht schlecht sein muss.

Toufani ist Chefstratege der Singularity University, einer Institution im Silicon Valley, die sich mit allem beschäftigt, was neu ist und nach Technik und Zukunft klingt. Reuters

Amin Toufani

Toufani ist Chefstratege der Singularity University, einer Institution im Silicon Valley, die sich mit allem beschäftigt, was neu ist und nach Technik und Zukunft klingt.

New York CityNotenbanken rund um die Welt mühen sich ab, zwei Prozent Inflation zu erreichen. Nichts fürchten sie mehr, als in Deflation abzurutschen, in eine Phase sinkender Preise. Denn Deflation ist meist mit schwachem Wachstum verbunden, häufig auch mit einem schlecht funktionierenden Arbeitsmarkt. Die Sparer freilich, allen voran die deutschen, nehmen den Währungshütern übel, dass sie die Zinsen extrem drücken, um ihr Ziel zu erreichen. Ihnen könnte Deflation ganz recht sein, weil dann ihre Guthaben im Wert steigen würden.

Amin Toufani ist kein deutscher Sparer, aber er sagt: „Deflation ist gut.“ Er ist Chefstratege der Singularity University, einer Institution im Silicon Valley, die sich mit allem beschäftigt, was neu ist und nach Technik und Zukunft klingt. Neben „singulären“, schlagartigen Veränderungen, spielen dabei exponentielle, sich verstärkende Trends eine große Rolle.

Toufani glaubt, dass die Notenbanken sich auf Dauer vergeblich abmühen werden, gegen den technischen Trend anzukämpfen, der vieles billiger macht. Informationen zum Beispiel, einst ein wertvolles Gut, sind heute zu einem großen Teil gratis verfügbar. Smartphones vereinen eine Unzahl von Funktionen, die früher einzeln gekauft werden mussten.

Man kann Toufanis Argumentation auch drehen und sagen, dass es eigentlich schon längst eine versteckte Deflation gibt, weil vieles, was extrem billig geworden ist, nicht in der offiziellen Statistik erfasst wird. Denkt man diesen Ansatz zu Ende, dann wären auch Wachstum und Produktion höher, die seit Jahren seltsam schwach aussieht, weit besser als offiziell gemessen.

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Aus Sicht von Toufani ist das klassische Wachstumskonzept überholt. Wenn es künftig selbst fahrende Autos gibt, werden sehr viel weniger Unfälle passieren. „Verkehrsunfälle stehen für rund drei Prozent des Bruttoinlandprodukts“, sagt er. Wenn es kracht, Autos zerstört und Menschen verletzt werden, hat das ja teure Folgen, die als Wirtschaftsleistungen verbucht werden. Ähnlich argumentieren schon lange Umweltschützer, dass Zerstörung im Endeffekt oft als „Leistung“ erfasst wird und damit höher bewertet wird als ein wirksamer Schutz für die Umwelt.

Dazu kommt, sagt Toufani, dass künftig weniger Leute eigene Autos besitzen, und dass viele Berufskraftfahrer arbeitslos werden. Das alles, findet er, ist ein Fortschritt für die Menschen, aber reißt Lücken ins Wirtschaftswachstum. Er fügt hinzu: „Die meisten Politiker sind noch gar nicht darauf vorbereitet.“ Daraus spricht eine weit verbreitete Einstellung im Silicon Valley: Neue Unternehmen schaffen eine neue Welt, und um die Kollateral-Schäden soll sich die Politik kümmern.

Toufani nennt seine Ökonomie der Zukunft, die er auf dem Kongress „Exponential Finance“ in New York vorgestellt hat, „Exononmics“ – in Anspielung auf exponentielle Trends. Neben den klassischen Mikro- und Makro-Bereichen kennt er auch „Nano-Exonomics“. Damit meint er die Ökonomie von kleinsten Zahlungsvorgängen, die durch technische Entwicklungen wie die Blockchain erleichtert werden. Als Beispiel nennt er den Fall, dass künftig ein selbstfahrendes Auto, das auf schnelles Tempo programmiert ist, einem anderen Wagen mit einem automatisch arbeitenden „Smart-Contract“ ein paar Bitcoins überweist, damit dieser den Weg auf der Überholspur frei macht.

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Toufani spricht noch weitere Besonderheiten an. In der neoklassischen Ökonomie spielen Grenzkosten eine große Rolle: die Kosten, um gerade noch ein Produkt mehr herzustellen oder einen Kunden mehr zu bedienen. Nach dieser Lehre richtet sich der Preis am Ende nach den Grenzkosten. 

Im Zeitalter der unbegrenzten Kopierbarkeit von Inhalten, auch von Software, sind diese Grenzkosten nahe Null. Daher lassen sich manche Produkte nur noch verschenken – in der Hoffnung, im Gegenzug etwas anderes gratis zu bekommen, das ebenfalls keine Grenzkosten hat. So funktioniert zum Beispiel Google: Informationen gegen Daten.

Toufani sagt, dass mit Inhalten deswegen nur schwer Geld zu verdienen ist, mit Service etwas besser, noch besser mit Plattformen wie Google und Facebook, und am besten mit ganzen Ökosystemen bestehend aus verschiedenen Plattformen. Ein Beispiel hierfür ist WeChat aus China, eine App, über die unter anderem kommuniziert und bezahlt werden kann. Auch wenn man über Details von Toufanis Konzept streiten mag: Dass sich die Ökonomie der schönen neuen Welt noch besser anpassen muss, ist kaum zu bestreiten.

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