Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.12.2013

14:07 Uhr

EZB bleibt im Krisenmodus

Leitzins bleibt auf Rekordtief

Konjunkturschwäche und Mini-Preisauftrieb halten Europas Währungshüter im Krisenmodus. Neue Instrumente packen sie vorerst aber nicht aus. Zuletzt war auch über Strafzinsen für Banken spekuliert worden.

Vor dem EZB-Gebäude in Frankfurt: Die Europäische Zentralbank (EZB) belässt ihren Leitzins erwartungsgemäß bei rekordniedrigen 0,25 Prozent. dpa

Vor dem EZB-Gebäude in Frankfurt: Die Europäische Zentralbank (EZB) belässt ihren Leitzins erwartungsgemäß bei rekordniedrigen 0,25 Prozent.

Frankfurt/MainDie Europäische Zentralbank (EZB) hält unvermindert an ihrer lockeren Geldpolitik zur Krisenbekämpfung fest. Wie erwartet beschloss der EZB-Rat am Donnerstag, den Leitzins im Euroraum auf dem Rekordtief von 0,25 Prozent zu belassen, teilte die Notenbank in Frankfurt mit. Auch der Einlagensatz bleibt unangetastet bei 0 Prozent. Zuletzt war darüber spekuliert worden, dass die Notenbank erstmals einen Negativzins beschließen könnte - Banken also etwas dafür bezahlen müssten, ihr Geld bei der EZB zu parken, statt es weiterzuverleihen.

Den wichtigsten Zins zur Versorgung der Eurobanken mit Zentralbankgeld hatten die Währungshüter erst im November um 0,25 Prozentpunkte gesenkt – und dies mit dem mickrigen Preisauftrieb begründet. EZB-Präsident Mario Draghi hatte betont, er erwarte einen langen Zeitraum niedriger Inflation.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Nach der überraschenden Zinssenkung im Vormonat hatten die meisten Ökonomen vorerst keine weiteren Schritte erwartet – auch wenn die Konjunktur im Euroraum weiter schwächelt. Zumal auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ betont hatte: „Der Rat der EZB hat doch gerade erst die Geldpolitik weiter gelockert, da halte ich es nicht für sinnvoll, gleich schon die nächste Runde einzuläuten.“

EZB-Präsident Mario Draghi wird auf der ab 14.30 Uhr stattfindenden Pressekonferenz die Inflations- und Wachstumsprognosen der Notenbank vorstellen. Die Projektionen dürften die Debatte anheizen, ob die Währungshüter genug getan haben, um Deflation zu verhindern und die Konjunkturerholung im Euroraum zu stützen oder ob sie auf unkonventionellere Maßnahmen zurückgreifen soll.

„Sollte sich die Lage verschlimmern, ist der Rat bereit, gewillt und fähig zu handeln“, sagt Richard Barwell, leitender Ökonom bei Royal Bank of Scotland Group Plc in London. Zwar würden „verschiedene unkonventionelle Maßnahmen erörtert, die der Rat auch bereit ist einzusetzen“, dennoch werde Draghi signalisieren, „dass es keinen Grund zur Panik gibt.“

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

otto15

05.12.2013, 14:58 Uhr

Eigentlich schade, ich denke es ist an der Zeit, sozialistisches Gedankengut zu aktivieren. In der DDR gab es das schon, Sparguthaben von Westlern wurden korrekt geführt, Jahr für Jahr erhielt man einen Auszug, aus dem die durch Bearbeitungsgebühren sinkenden Guthaben ausgewiesen wurden. Zinsen gab es natürlich nicht - diese Auswüchse des ausbeuterischen kapitalistischen Systems!
Unser italienischer Freund D. hat das "ökonomische Lexikon" (des Sozialismus ,jeder VWL'er hat da mal hineingeschaut) gut verinnerlicht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×