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16.04.2015

19:10 Uhr

EZB-Chef Draghi

Der bestgeschützte Mann Europas

VonJan Mallien

Großer Zaun, Betonsperren und eine lange Sicherheitszone: Der neue Sitz von EZB-Chef Mario Draghi gleicht einer Festung. Dennoch gelangte die 21-jährige Josephine Witt ins Gebäude. Der Fall wirft Fragen auf.  

Mario Draghi wird stets von Leibwächtern begleitet. AFP

Personenschutz

Mario Draghi wird stets von Leibwächtern begleitet.

FrankfurtMario Draghis Büro ist von außen so gut geschützt, wie wohl kein anderes in Europa. Vor der neuen EZB-Zentrale im Frankfurter Ostend sind Betonsperren eingelassen, die so aussehen, als müssten sie Panzern standhalten. Es gibt einen großen Zaun und eine lange Sicherheitszone. Besucher müssen normalerweise Checks wie am Flughafen durchlaufen. Ein Sicherheitsdienst prüft sie mit einem Metalldetektor. Taschen, Laptops und andere Habseligkeiten laufen durch einen Röntgenscanner. Manchmal dauert das Prozedere so lange, dass sich lange Schlangen bilden.

Dennoch hat die 21-jährige Josephine Witt offenbar eine Sicherheitslücke gefunden. Auf der gestrigen EZB-Pressekonferenz sprang sie auf das Podium, bewarf Draghi mit Konfetti und schrie: „Stoppt die EZB-Diktatur!“ Dann schleppten Sicherheitsleute sie vom Podium.

Der EZB-Neubau in Zahlen

Höhe

Der Neubau der EZB besteht aus zwei Türmen mit einer Höhe von 185 und 165 Metern auf 45 bzw. 43 Geschossen. Zusammen mit der Antenne kommt das Gebäude so auf eine Gesamthöhe von rund 201 Metern. Damit ist der EZB-Neubau das siebthöchste Hochhaus Frankfurts.

Verbindungen

Insgesamt zehn Brücken befinden sich im Gebäude. Auf den Geschossen 3, 15, 27 und 38 unterteilen Verbindungsebenen die beiden Türme. Diese Ebenen sollen den Mitarbeitern als informeller Treffpunkt dienen, die über Aufzüge erreichbar sind.

Arbeitsplätze

Derzeit arbeiten rund 2600 Angestellte im EZB-Gebäude. Bei dem Neubau hat die Notenbank vorgesorgt und Schreibtische für zusätzliche 300 Mitarbeiter eingerichtet. Insgesamt können in der EZB-eigenen Tiefgarage auf zwei Ebenen rund 630 Fahrzeuge parken.

Park

Auf einem Grundstück von 120.000 Quadratmetern hat die EZB einen Park nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten errichten lassen. Auf der hügeligen Landschaft wurden insgesamt 700 Bäume mindestens 25 verschiedener Arten gepflanzt. Dabei haben die Landschaftsgärtner darauf geachtet, dass Parkbesucher die verschiedenen Jahreszeiten auch an den unterschiedlichen Laubfarben „miterleben“ können.

Energiekonzept

Für die Spülung der WC-Anlagen und die Bewässerung des Parks sammelt die EZB Regenwasser in einer 500 Kubikmeter großen Zisterne. Geheizt wird mit Geothermie. Durch „intelligente Jalousien“, die im Zusammenspiel mit automatischen Dimmern für eine selbstständige Beleuchtung sorgen, will die Notenbank Energiekosten sparen.

Großmarkthalle

Die ehemalige Großmarkthalle soll die halböffentlichen Funktionen des Gebäudes fassen: die Kantine und Konferenzräume. Zusätzlich hat die EZB hier eine Gedenkstätte eingerichtet für die von den Nazis von hier aus deportierten Juden in Frankfurt. Ganze 73 Kilometer Backsteinfugen mussten hierfür restauriert werden.

Kosten

850 Millionen Euro hatte man für den Neubau 2005 ursprünglich veranschlagt. Doch ausgerechnet ihre eigene Arbeit kam den Währungshütern in die Quere: Auch weil Kosten für Baumaterialien durch Inflation anstiegen, wurden es letztendlich 1,3 Milliarden Euro.

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter bekannte sich Witt zu dem Vorfall. Gegenüber der Onlineausgabe des britischen „Guardian“ sagte sie, sie sei schockiert darüber, wie einfach es gewesen sei, in das EZB-Gebäude zu kommen. Sie habe sich als Journalistin der Nachrichtenseite Vice Media ausgegeben, für die sie aber nicht arbeite. „Ich habe den normalen Registrierungsprozess mitgemacht“, erklärt Witt gegenüber dem „Guardian“. Dann sei sie wie am Flughafen kontrolliert worden und habe ihren Personalausweis vorgezeigt. Ob sie auch einen Presseausweis brauchte, sagt sie nicht. Ihre Tasche sei untersucht worden. Sie habe darin nur Papier gehabt. „Ich dachte, das sei für Journalisten nicht unüblich.“

Die Aktion wirft Fragen über die Sicherheitsvorkehrungen bei der EZB auf. Normalerweise bekommen Journalisten für die EZB-Pressekonferenz per E-Mail eine Einladung. Darin steht ein Passwort, mit dem sie sich registrieren können. Wer keine Einladung bekommt, kann aber bei der Pressestelle anrufen und spontan um eine Registrierung bitten. Nach der Anmeldung sind für den Zugang zum Gebäude offiziell ein Presseausweis und der Personalausweis erforderlich.

Diese Hürde ist bisher relativ niedrig. Auf vielen Presseausweisen steht nicht, für welches Medium der jeweilige Journalist arbeitet. Wer sich also registriert, kann mit irgendeinem Presseausweis Einlass bekommen. Die EZB will den Fall nun aufarbeiten. Über mögliche Konsequenzen will sie sich zunächst nicht äußern. Die EZB steckt in einem Dilemma. Erst kürzlich war sie heftig kritisiert worden, weil sie zur Eröffnungsfeier ihres neuen Sitzes nur wenige Journalisten zugelassen hatte. Dieses Vorgehen hatte sie mit Sicherheitsbedenken begründet.

Konfettiregen für EZB-Chef

Video von Draghi-Attacke

Konfettiregen für EZB-Chef: Video von Draghi-Attacke

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Kommentare (5)

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Sergio Puntila

16.04.2015, 19:20 Uhr

Draghi hat Angst vor konfettiwerfenden jungen Frauen?
Oha

Frau Eleanore Webster

16.04.2015, 19:31 Uhr

aber recht schoen bunt muessen sie sein.

Herr Daniel Huber

16.04.2015, 20:03 Uhr

Der Staat muss sich vor seinen Bürgern schützen!
Deshalb allerorts Personenschutz, Sicherheitswahn und Angstneurosen.
Iss klar, 80 Millionen potenzielle Terroristen muss man fläöchendeckend ausspionieren und überwachen, deshalb jetzt wieder die Vorratsdatenspeicherung und weitere Ausspäh- und Überwachungsmassnahmen.
Deutschland hat wenigstens noch echte Meinungsfreiheit, bin gespannt, wann sie diese letzte Errungenschaft auch noch einkassieren, der IS Terror ist ja allgegenwärtig und sicher ein guter Vorwand, die Überwachung der Bürger weiter zu verschärfen.

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