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26.08.2015

15:33 Uhr

EZB-Chefvolkswirt

Inflationsziel in Gefahr

Das Inflationsziel der europäischen Währungshüter sei stärker gefährdet als bisher gedacht, meint EZB-Chefvolkswirt Peter Praet. Er will das Wertpapier-Kaufprogramm der Zentralbank falls nötig ausweiten.

„Die jüngsten Entwicklungen in der Weltwirtschaft und auf den Rohstoff-Märkten haben das Abwärtsrisiko erhöht.“ dapd

Peter Praet

„Die jüngsten Entwicklungen in der Weltwirtschaft und auf den Rohstoff-Märkten haben das Abwärtsrisiko erhöht.“

MannheimDie Europäische Zentralbank (EZB) ist nach Einschätzung ihres Chefvolkswirts bereit, bei Bedarf die Feuerkraft des ohnehin schon großangelegten Anleihe-Kaufprogramms noch zu erhöhen. „Es sollten keine Missverständnisse darüber aufkommen, dass der EZB-Rat willens und auch fähig ist, falls nötig zu handeln“, sagte Peter Praet am Mittwoch am Rande einer Veranstaltung in Mannheim zu Journalisten. Nach seiner Einschätzung hat sich zuletzt die Gefahr erhöht, das die EZB ihr mittelfristiges Inflationsziel von knapp zwei Prozent verfehlen könnte. Dieser Wert wird als ideal für die Wirtschaftsentwicklung angesehen.

Die EZB pumpt seit März Woche für Woche Milliarden in das Finanzsystem, um die Konjunktur im Währungsraum anzukurbeln und die aus ihrer Sicht zu niedrige Inflation nach oben zu treiben. Der große Schub blieb bislang aber aus: Im Juli lag die Teuerung nur bei 0,2 Prozent.

Das Wertpapier-Kaufprogramm soll bis September 2016 laufen und eine Größenordnung von insgesamt 1,14 Billionen Euro haben. Es sei aber hinreichend flexibel, sagte Praet. Das betreffe Umfang, Zusammensetzung und die Dauer. Zuletzt hatte es erste Stimmen unter Analysten und Volkswirten gegeben, die es wegen der nach wie vor niedrigen Teuerungsrate für möglich halten, dass die EZB die Geldschwemme ausweiten könnte. „Die jüngsten Entwicklungen in der Weltwirtschaft und auf den Rohstoff-Märkten haben das Abwärtsrisiko erhöht, einen nachhaltigen Inflationspfad in Richtung zwei Prozent zu erreichen“, so Praet.

Die Macht und die Mittel der EZB

Ziele

Die Europäische Zentralbank (EZB) soll Preisstabilität wahren, die Wirtschaftspolitik unterstützen und Finanzstabilität sichern.

Leitzinsanpassung

Leitzinsanpassungen sind das traditionelle Mittel, um die Wirtschaft und die Arbeitsnachfrage zu dämpfen oder zu stimulieren, und so die Lohnentwicklung und die Inflation stabil zu halten.

Negativzinsen

Negativzinsen von 0,1 Prozent berechnet die EZB den Banken für deren Guthaben bei der Notenbank. Jede Bank will ihre überzähligen Guthaben zu einer anderen Bank schieben, indem sie Wertpapiere kauft oder Kredite vergibt.

Langfristkredite

Langfristkredite vergibt die EZB seit Ende 2011 und ergänzt damit die normalen kurzfristigen Kredite. Das hilft den Banken bei der Finanzierung, da Bankanleihen teurer und für manche gar nicht mehr zu haben waren.

Pfandbriefe

Pfandbriefe und Kreditverbriefungen kauft die EZB den Banken seit Herbst 2014 ab. Auch das hilft bei der Refinanzierung und sorgt für mehr Bankguthaben bei der EZB, was die Bereitschaft zur Kreditvergabe erhöhen soll.

Käufe von Staatsanleihen

Käufe von Staatsanleihen als Mittel der Geldpolitik setzte die EZB erstmals 2010 ein, um die Renditen von Anleihen der Peripherieländer zu drücken, die damals kräftig nach oben schossen. Das gelang mit dem relativ kleinen Programm nur bedingt. Im September 2012 ersetzte die EZB dieses SMP-Programm durch das OMT-Programm. Sie erklärte sich dabei unter Bedingungen bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Bisher kam das Programm nicht zum Einsatz. Seit März 2015 erwirbt sie mit einem erweiterten Kaufprogramm im großen Stil Staatsanleihen. Der Gegenwert landet als Bankguthaben bei den Verkäufern, zum Beispiel Fonds, und als überschüssiges Guthaben auf den Zentralbankkonten der Banken. Das treibt vor allem die Kurse von Vermögenswerten wie Aktien, Anleihen und Immobilien in die Höhe. Indirekt soll das die Wirtschaft ankurbeln.

Notkredite

Notkredite (ELA) können nationale Zentralbanken des Euro-Raums ihren heimischen Banken gewähren, wenn diese nicht mehr genug gute Sicherheiten für normale EZB-Kredite haben. Die EZB muss diese ELA-Kredite genehmigen. Untersagt sie sie, etwa wenn Griechenland sich nicht mit den Gläubigern einigen kann, haben die Banken keinen Zugang zu Euro-Guthaben und Euro-Bargeld mehr, was zur Schließung und letztlich zum erzwungenen Austritt aus der Währungsunion führen kann.

Die Preise für Rohöl der Sorten Brent und WTI sind seit Juni jeweils um rund ein Drittel eingebrochen. Zu den Gründen zählen Experten unter anderem die Erwartung, das die Konjunktureintrübung in China anhält. Sollte die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft nachhaltig ins Stottern geraten, hätte das starke Auswirkungen auch auf Europa. Praet zufolge schwächt sich die Konjunktur in den Schwellenländern ab. Jüngste Daten würden das bestätigen. Die Auswirken auf Europa seien bislang zwar begrenzt. „Aber wir haben ein externes Umfeld, das herausfordernder ist.“

Von

rtr

Kommentare (2)

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Herr Werner Wilhelm

26.08.2015, 14:45 Uhr

Wir benötigen keine Zielinflationsrate größer Null mehr. Das war dazu gedacht den Zentralbanken einen Spielraum für die Geldpolitik zu lassen. Nachdem die Geldpolitik nun weltweit (und nicht nur vorübergehend) am Ende ist wird dies obsolet.

Wir steuern in eine neue Ära der Nullzinsen und Nullinflation. Ich finde das ist keine schlechte Entwicklung, wenn man einsieht, dass nun das Zeitalter der staatlichen Konjunkturprogramme auf Pump gekommen ist um jährlich das benötigte Wirtschaftswachstum knapp über der Produktivitätsentwicklung zu induzieren. Und wenn man Keynes ernst nimmt, dass sollte man dies, wie von ihm gefordert, durch Steuern an der richtigen Stelle gegenfinanzieren.

Herr Stephan Fischer

27.08.2015, 08:32 Uhr

Deflation ist nicht das Problem! Es gibt über die vergangenen 140 Jahre keinen statistischen Zusammenhang zwischen sinkenden Verbraucherpreisen und einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung. Sehr wohl gibt es einen statistisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen platzenden Aktien- und Immobilienblasen und einer wirtschaftlichen Abschwächung. Durch die Niedrigzinsen und die Anleihekäufe der EZB werden die gefährlichen Blasen noch gefördert.

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