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04.12.2014

12:32 Uhr

EZB-Debatte über Anleihekäufe

Wie viel Geld druckt Draghi?

VonJan Mallien, Jörg Hackhausen

Die EZB hat hohe Erwartungen geweckt. Die meisten Ökonomen rechnen damit, dass sie bald Staatsanleihen kauft. Doch vor der heutigen Sitzung sind entscheidende Details noch offen.  

Geldproduktion: Vieles spricht dafür, dass Mario Draghi noch mal die Druckmaschinen anwirft. Getty Images

Geldproduktion: Vieles spricht dafür, dass Mario Draghi noch mal die Druckmaschinen anwirft.

DüsseldorfDer Rat der Europäischen Zentralbank tagt heute erstmals in der neuen Zentrale in Frankfurt - es könnte gleich eine historische Sitzung werden. Im Vorfeld haben mehrere einflussreiche Notenbanker die Erwartung geweckt, dass die EZB noch mehr Geld drucken wird, indem sie Anleihen ihrer Mitgliedsstaaten aufkauft. Deshalb lautet die Frage nicht mehr, ob die EZB handelt. Es geht nur noch um das Wann und Wie viel.

Die meisten Ökonomen haben eine klare Erwartung an die Notenbank: „Die EZB muss handeln, um ihr Mandat der Preisstabilität zu erfüllen,“ sagt EZB-Analyst Christian Schulz von der Berenberg Bank.

Laut Mandat ist die EZB einzig dem Ziel der Preisstabilität verpflichtet. Dieses sieht sie als erfüllt an, wenn die Inflation bei knapp zwei Prozent liegt. Doch dieser Wert liegt im Moment in weiter Ferne. Im Dezember könnte die Inflationsrate nach Schätzungen von Ökonomen bis an die Nullgrenze sinken, im kommenden Jahr sogar ins Minus.

Es besteht die Gefahr, dass der Euroraum in eine Abwärtsspirale sinkender Preise gerät, die den Abbau von Schulden erschwert, die Kauflust der Verbraucher beeinträchtigt und Investitionen der Unternehmen hemmt.

Spekulationen um EZB-Anleihenkäufe

Legt die EZB nach?

Europas Währungshüter haben den Zins abgeschafft und Strafgebühren für Bankeinlagen eingeführt. Sie fluten die Märkte mit billigem Geld und kaufen umstrittene Kreditpakete. Trotzdem ist die Inflation im Euroraum gefährlich niedrig und die Konjunktur lahmt. Legt die EZB bald nach? Als schärfstes Schwert gelten breit angelegte Anleihenkäufe - doch die sind umstritten.

Quelle: dpa

Was ist eine quantitative Lockerung?

Bei „Quantitativer Lockerung“ („Quantitative Easing“, QE) drucken sich Zentralbanken quasi selbst Geld, um damit in großem Stil Wertpapiere zu kaufen. Über den Erwerb von Unternehmens- oder Staatsanleihen sollen langfristige Zinsen gesenkt werden. Zudem wird zusätzliches Geld ins Bankensystem geschleust, das die Institute wieder anderweitig - etwa in Form neuer Kredite - verwenden können. Das soll die Konjunktur in Schwung bringen. Die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“. Verkäufer der Anleihen sind beispielsweise Banken.

Warum denkt die EZB über Anleihenkäufe nach?

Weil die Inflation im Euroraum bedenklich niedrig bleibt - trotz der extrem lockeren Geldpolitik der Notenbank. Seit Monaten liegt die Teuerung im Euroraum deutlich unter der EZB-Zielmarke von knapp 2,0 Prozent. Im November sank sie auf 0,3 Prozent. Was Verbraucher freut, macht die EZB nervös: Sie fürchtet das Abrutschen in eine Deflation - eine Spirale aus rückläufigen Preisen und schrumpfender Wirtschaft.

Was sagt Draghi?

Draghi betont immer wieder die Entschlossenheit der EZB, sich mit allen denkbaren Mitteln gegen einen Preisverfall zu stemmen. Erst kürzlich versprach er: „Wir werden tun, was wir müssen, um die Inflation und die Inflationserwartungen so schnell wie möglich anzuheben.“ Das wurde am Markt als Ankündigung für QE verstanden. „Breit angelegte Anleihekäufe der Notenbank sind wohl nur noch eine Frage der Zeit“, meint Commerzbank-Ökonom Christoph Weil.

Quantitative Easing in Europa - ein Spezialfall

Die EZB muss Geldpolitik für bald 19 höchst unterschiedliche Volkswirtschaften machen. Würde sie sich für den Kauf von Staatsanleihen entscheiden, sähe sie sich 19 Ausgebern solcher Papiere mit sehr unterschiedlichen Zinssätzen gegenüber. Gleichzeitig seien die gemeinsamen Kompetenzen in der Fiskalpolitik begrenzt, erklärt die deutsche EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger.

Sieht Draghi kein Problem?

Auch Draghi räumt ein, dass QE im Euroraum komplizierter wäre als etwa in den USA. Zum einen wirke QE sich in den USA unmittelbar aus, weil Unternehmen sich überwiegend am Kapitalmarkt finanzierten. Im Euroraum finanzierten sie sich hingegen vor allem über Bankkredite. Zum anderen müsste die EZB Anleihen aller Länder kaufen, nicht nur die der Krisenstaaten.

Weitere Kritik an Anleihenkäufen

Die kommt auf, weil die EZB Staaten nicht mit der Notenpresse finanzieren darf. Zwar würde die Notenbank bei einer „quantitativen Lockerung“ anders als beim Anleihekaufprogramm OMT nicht nur Wertpapiere einzelner Krisenländer kaufen. Doch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann warnt: „Dadurch, dass wir nicht nur Anleihen einzelner Mitgliedstaaten kaufen, sondern Anleihen aller Staaten, wird das Problem der monetären Staatsfinanzierung (...) nicht automatisch beseitigt.“

Warum lehnt die Bundesbank die Ankäufe ab?

Weidmann befürchtet, dass solche Käufe die Reformmüdigkeit in einigen Ländern verstärken könnten. Er argumentiert: Wenn Staaten darauf bauen können, dass das Eurosystem die Zinsen durch den Ankauf von Staatsanleihen deckelt, könnte dies zu einer stärkeren Verschuldung dieser Länder führen. Denn sie müssten dann nicht mehr für die Folgen einer verfehlten Finanz- und Wirtschaftspolitik haften.

Welche positiven Effekte könnten die Ankäufe haben?

Ökonom Carsten Brzeski von der ING-Diba bezweifelt, dass QE ein Allheilmittel für die Krise im Euroraum wäre: „Wir glauben, dass der Effekt von Unternehmens- oder Staatsanleihenkäufen auf die Wirtschaft unsicher ist. Sicher ist nur, dass der Euro weiter fallen würde.“

EZB-Chef Mario Draghi hat sehr deutlich gemacht, dass er einer solchen Entwicklung nicht tatenlos zusehen wird. „Wir werden tun, was wir tun müssen“, sagte er am 21. November in Frankfurt. Dabei hat er bereits eine Zielmarke gesetzt. So kündigte Draghi im September an, die Bilanzsumme der EZB auf das Volumen von Anfang 2012 ausweiten zu wollen.

Im Moment summieren sich die Vermögenswerte im Euroraum auf etwa zwei Billionen Euro - vor zweieinhalb Jahren waren es noch etwa drei Billionen Euro. Sprich: Die EZB muss eine Billion Euro in die Wirtschaft pumpen. Ob sie das mit den bereits angekündigten Maßnahmen - dem Ankauf von Kreditverbriefungen und Pfandbriefen - schafft, ist jedoch ungewiss.

Kommentare (5)

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Herr Thomas Albers

04.12.2014, 12:45 Uhr

"Die meisten Ökonomen haben eine klare Erwartung an die Notenbank: „Die EZB muss handeln, um ihr Mandat der Preisstabilität zu erfüllen,“ sagt EZB-Analyst Christian Schulz von der Berenberg Bank."

Das Problem ist, dass Staatsanleiheikäufe hier gar nichts bewirken werden. Hätten Lockerungen einen entscheidenden Einfluss gehabt, dann hätten wir den Effekt längstens bemerken müssen. Das ist nicht der Fall. Draghi soll gegen etwas ankämpfen, was gar nicht in seinem Einflussbereich liegt - er geht mit Methoden, die in Extremsituationen wie 2008 nützlich sind, gegen Symptome aus strukturellen Defiziten und hoher Verschuldung (...) vor...

Herr Thomas Albers

04.12.2014, 12:49 Uhr

"Es besteht die Gefahr, dass der Euroraum in eine Abwärtsspirale sinkender Preise gerät, die den Abbau von Schulden erschwert, die Kauflust der Verbraucher beeinträchtigt und Investitionen der Unternehmen hemmt."

Ich glaube nicht, dass das überhaupt auf breiter Front diese Gefahr droht - niemand rechnet ernsthaft mit fallenden Preisen. Diese Gefahr ist nur vorgeschobenes Argument um Maßnahmen zu begründen, die vorwiegend der (kurzfristigen!) Finanzstabilität dienen, den Regierungen Zeit kaufen und zu einem gewissen Teil Mitgliedsländer wieder wettberwerbsfähig machen (sollen). Das liegt natürlich nicht unbedingt innerhalb des Mandats der EZB.

Herr Helmut Metz

04.12.2014, 13:13 Uhr

"Inflation ist immer und überall ein MONETÄRES Phänomen." (Milton Friedman)
Letztendlich ist es also gleichgültig, ob es zur Güterpreis- oder Assetpreis-Inflation kommt.
Der Grund, weshalb die Vermögenspreise explodieren und eben nicht die Güterpreise, ist ganz alleine der, dass sich der größte Teil der Überschussliquidität in den Händen des Finanz- und Bankensektors befindet und ein immer kleiner werdender Teil in den Händen des Bürgertums, sodass eine allgemeine Inflation der Güter- und Dienstleistungspreise überhaupt nicht generiert werden kann. Daran sehen Sie auch, wer die AUSSCHLIESSLICHEN Nutznießer der "Zentralbankmaßnahmen" sind.
Deflation ist dagegen immer ein STRUKTURELLES Phänomen, dass man mit monetären Maßnahmen nicht bekämpfen sondern auf lange Sicht nur noch verschlimmern kann.
Die lange Sicht interessiert Keynesianer aber bekanntermaßen nicht im Geringsten, da wir auf lange Sicht ja sowieso alle tot sind...

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