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08.12.2016

16:36 Uhr

EZB-Entscheid

Draghi will bis Dezember 2017 Anleihen kaufen

Die EZB verlängert ihr Anleihekaufprogramm noch weiter als erwartet. Zusätzliche 540 Milliarden Euro pumpen die Währungshüter in die Märkte, um Konjunktur und Inflation anzukurbeln. Ein Zwei-Billionen-Euro-Unterfangen.

EZB-Sitzung im Fokus

Experte zu Anleihekäufen: „Der Markt erwartet 80 Milliarden Euro pro Monat“

EZB-Sitzung im Fokus: Experte zu Anleihekäufen: „Der Markt erwartet 80 Milliarden Euro pro Monat“

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FrankfurtDie Europäische Zentralbank flutet die Bankenbranche – und damit die Aktienmärkte – noch länger mit billigem Geld. Die Euro-Wächter kündigten am Donnerstag an, ihr bislang auf 1,74 Billionen Euro angelegtes Anleihen-Kaufprogramm zur Stützung der Konjunktur um neun Monate bis mindestens Ende Dezember 2017 zu verlängern. Das ist länger als die meisten Volkswirte erwartet hatten. Das monatliche Volumen von derzeit 80 Milliarden Euro soll dabei aber ab April 2017 auf 60 Milliarden gesenkt werden. Damit kommen weitere Geldsalven in Höhe von 540 Milliarden Euro hinzu. Das Gesamtprogramm schwillt damit auf gigantische 2,28 Billionen Euro an.

Die EZB kündigte zugleich an, die monatlichen Käufe könnten wieder aufgestockt werden, sollte die Inflationsentwicklung hinter den Erwartungen zurückbleiben. EZB-Präsident Mario Draghi betonte ein mal mehr die Handlungswillen seiner Institution. Auf Nachfrage eines Journalisten sagt der Italiener, dass eine Aufstockung jederzeit möglich sei, wenn die Situation dies erfordere. Was er unterstrichen haben wollte: „Ein Tapering ist nicht in Sicht.“

Mit dem sogenannten Tapering ist der Ausstieg aus der unkonventionellen, expansiven Geldpolitik gemeint, die selbst als quantitative Lockerung – englisch: quantitative easing, abgekürzt QE – bezeichnet wird. Ein solcher Ausstieg sei nicht mal diskutiert geschweige denn durchgespielt worden. Die EZB will Draghi zufolge vermitteln, dass sie noch lange an den Märkten mitmischen wird. „Eine nachhaltige Präsenz ist auch die Nachricht der heutigen Entscheidung“, so der 69-jährige Italiener. Die Wirtschaft der Euro-Zone sei noch nicht über den Berg, eine Ausweitung der Käufe daher jederzeit wieder möglich.

Ökonomen zur EZB-Entscheidung

Clemens Fuest, ifo-Präsident

Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn es besser gewesen wäre, den Umfang der Käufe Monat für Monat noch stärker zu verringern. Denn nach Einschätzung des ifo Instituts wird die Euro-Inflationsrate bis März auf eine Jahresrate von 1,5 Prozent steigen und bis zum Jahresende auf 1,6 Prozent. Das ist nahe dran an den knapp unter zwei Prozent, die die EZB anstrebt. Das Argument der EZB für die Anleihekäufe trägt also 2017 nicht mehr. Damit treten bei den Anleihekäufen der EZB die negativen Nebenwirkungen in den Vordergrund.

Jörg Zeuner, Kfw-Chefvolkswirt

Mit dem heutigen Beschluss ist der EZB ein vorsichtiger Einstieg in den Ausstieg aus dem Wertpapierkaufprogramm gelungen. Das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone ist robust und wird durch eine kontinuierliche Verbesserung am Arbeitsmarkt über den privaten Konsum gestützt. Die Inflationsrate zieht an und die Inflationserwartungen sind nach ihrem Tiefpunkt im September wieder auf dem Weg nach oben. Diese Entwicklung sollte sich im kommenden Jahr fortsetzen und der EZB ermöglichen, das Wertpapierankaufprogramm allmählich weiter zu drosseln. Hierbei wird auch ein weiterhin starker US-Dollar hilfreich sein.

Viola Julien, Helaba

Die EZB hat das Programm über den März 2017 ausgeweitet, die angekündigte Rückführung der Anleihekäufe um 20 Milliarden Euro kam allerdings überraschend. Zwar wurde ebenfalls gesagt, dass das Programm bei Bedarf wieder ausgeweitet werden kann. Marktteilnehmer hatten aber auf unveränderte Volumina gesetzt.

Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

Die Option war bekannt: weniger, aber dafür länger zu kaufen. Aber die meisten haben damit nicht gerechnet. Die EZB stößt irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2017 an die Obergrenze des Kaufprogramms. Dann wird sie in einigen Ländern wie Deutschland und Italien ein Drittel der Staatsanleihen halten. Sie hat diese Grenze vor Augen und ist deshalb zu dem alten Kaufvolumen von 60 Milliarden Euro zurückgegangen. Zumal der Markt derzeit alles wegsteckt, etwa das Italien-Referendum.

Das ist nicht das Ende der lockeren Geldpolitik. Das ist kein Einstieg in den Ausstieg. Die lockere Geldpolitik wird nicht einfach beendet, denn die Staatsschuldenkrise ist noch nicht gelöst. Die EZB bleibt am Haken der Politik, auch wenn sie heute etwas mehr Unabhängigkeit signalisieren wollte.

Der Italiener hatte wiederholt betont, die Euro-Notenbank werde die sehr erhebliche geldpolitische Konjunkturhilfe bewahren, die zur Erreichung ihres Inflationsziels nötig sei. Die EZB strebt knapp zwei Prozent Teuerung als Idealniveau für die Wirtschaft an. Doch davon ist sie immer noch weit entfernt: Im November waren die Verbraucherpreise lediglich um 0,6 Prozent angezogen inzwischen verfehlen die Euro-Wächter ihr Inflationsziel bereits seit Frühjahr 2013. Ihre hausinternen Volkswirte rechnen erst 2019 mit einem Wert von 1,7 Prozent, also näher an der angepeilten Marke.

Auf der letzten Ratssitzung des Jahres beließen die obersten Währungshüter des Euro den Leitzinse wie erwartet bei 0,0 Prozent. Auch der Einlagenzins, der fällig wird, wenn Banken ihr Geld bei der Zentralbank parken, blieb unverändert auf minus 0,4 Prozent. Mit der inzwischen zum Strafzins mutierten Rate, wollen die Zentralbanker die Kreditvergabe im Euro-Raum stimulieren, genauso, wie es auch das Ziel aller anderen Maßnahmen der aktuellen Geldpolitik ist. Im Mittelpunkt der heutigen Sitzung stand das Anleihekaufprogramm, was im März 2015 aufgelegt wurde und mit der Verlängerung auf eine Mindestlaufzeit von zwei Jahren und neun Monaten kommt. Die heutigen Schritte waren größtenteils erwartet worden.

Länger, aber langsamer – das klinge nach einem typischen EZB-Kompromiss, kommentierte der Chefvolkswirt der Nordea-Bank, Holger Sandte. Die EZB bleibe auf dem Gaspedal. „Das Zurückfahren der Anleihenkäufe wird ein langer Prozess, Zinserhöhungen deuten sich noch lange nicht an.“ Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer zufolge zeigen die Beschlüsse noch nicht das Ende der großen Geldflut an. „Das ist kein Einstieg in den Ausstieg. Die lockere Geldpolitik wird nicht einfach beendet, denn die Staatsschuldenkrise ist noch nicht gelöst“, so der Experte.

Kommentare (6)

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Herr Thomas Behrends

08.12.2016, 14:08 Uhr

Die europäische Wirtschaft muss substantiell derart marode sein, dass supra-nationale Institutionen Staats- und Unternehmensanleihen, also Schrottpapiere, aufkaufen müssen.

Herr Draghi, dies ist der falsche Weg!

Eine geordnete Insolvenz einzelner Staaten und Unternehmen ist allemal besser.

Alles Andere führt nur zu Abhängigkeiten und Wettbewerbsverzerrungen ...

Herr Fritz Yoski

08.12.2016, 14:22 Uhr

Mit den maroden Banken in Italien und einer drohenden Staatsplaeite muss er die monatliche Summe von 80 Milliarden Euro erhoehen. Natuerlich weiss er das selbst, nur sagen darf er es nicht.

Herr horst langner

08.12.2016, 14:22 Uhr

Herr Draghi, haben Sie schon mal mit bekommen, dass diese Maßnahmen überhaupt nichts bringen. für mich ist der Mann die völlig verkehrte Wshl.

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