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02.05.2013

10:28 Uhr

EZB entscheidet am Mittag

„Zinssenkungen verpuffen“

VonHolger Schmieding

Die EZB dürfte die Zinsen heute noch weiter drücken. Die Märkte rechnen fest mit mehr billigem Geld. Doch was würde das bringen? Fast gar nichts, meint Ökonom Holger Schmieding - und fordert ganz andere Maßnahmen.

Der Ökonom Holger Schmieding sieht keinen Nutzen in weiteren Zinssenkungen.

Der Ökonom Holger Schmieding sieht keinen Nutzen in weiteren Zinssenkungen.

HamburgSo billig war das Geld noch nie. Selbst Italien zahlt für kurzlaufende Staatsanleihen heute niedrigere Zinsen als je zuvor. Eine erneute Leitzinssenkung hätte kaum einen Nutzen. Besser wäre es, die Europäische Zentralbank würde gezielt und energisch gegen die Kreditklemme für mittelständische Unternehmen an der Euro-Peripherie vorgehen.

Allerdings würde ein noch niedriger Leitzins auch keinen großen Schaden anrichten. Weder in Deutschland noch andernorts in der Eurozone drohen uns auf absehbare Zeit ein nennenswerter Geldwertschwund oder eine gefährliche Blase an den Vermögensmärkten. Deshalb gibt es auch keinen Grund, allzu lautstark gegen den sich abzeichnenden Zinsschritt der EZB zu protestieren.

In der besonderen Situation der Eurozone spielt die genaue Höhe des EZB-Leitzinses keine große Rolle. Dies zeigt sich im Rückblick auf die vergangenen zwei Jahre. Im Sommer 2011 löste der Beschluss über einen griechischen Schuldenschnitt eine massive Kapitalflucht aus Spanien und Italien nach Kerneuropa und in die Schweiz aus. In den anschließenden Finanzmarktturbulenzen ging selbst die deutsche Konjunktur in die Knie. Von der Hochkonjunktur der ersten Jahreshälfte 2011 rutschte Deutschland bis zum Herbst 2012 an den Rand einer Rezession.

EZB unter Zugzwang: Draghi am Zins-Drücker

EZB unter Zugzwang

Draghi am Zins-Drücker

Die wirtschaftlichen Aussichten für die Euro-Zone sind mies. Selbst der vermeintliche Riese Deutschland schwächelt. Ökonomen drängen EZB-Chef Draghi zu einer weiteren Zinssenkung. Es wäre eine Verzweiflungstat.

Obwohl die EZB ihren Leitzins auf nur noch 0,75 Prozent senkte und zudem Anfang 2012 die Banken mit Dreijahresliquidität flutete, verpuffte diese traditionelle Geldpolitik nahezu wirkungslos. An der Peripherie lähmten die grassierende Kapitalflucht sowie die scharfe Sparpolitik die Wirtschaft. Und obwohl in Deutschland Unternehmen sich außerordentlich günstig finanzieren konnten, gingen auch hier die Investitionen zurück. Die Unternehmen hatten angesichts der Euro-Turbulenzen zu viel Angst vor der Zukunft, um das günstige Kreditangebot zu nutzen.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Im Juli 2012 hat die EZB mit einem überfälligen Machtwort klargestellt, dass sie keinen Selbstmord begehen wird, sondern stattdessen alle Reformstaaten im Euro halten wird, die sich den letztlich vom Deutschen Bundestag gesetzten Bedingungen fügen. Seitdem hat sich die Lage erheblich beruhigt. Dies war der entscheidende geldpolitische Schritt, den die Eurozone brauchte.

Kommentare (45)

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Account gelöscht!

02.05.2013, 10:44 Uhr

Jeder Depp weiss doch jetzt schon wie es kommt. Die EZB senkt heute Mittag die Zinsen weil sie eh nichts anderes machen kann, also muss sie nun IRGENDWAS was damit etwas gemacht wurde....Danach klettern die Werte wieder ins PLUS (oh welch Wunder) und im Casino in dem fast jeder schon die Ergebnisse kennt, werden Gewinne eingestrichen.

Dieses Spiel geht so lange weiter bis der unkontrollierte Knall kommt und wenn das passiert, gnade dem deutschen Bürger Gott wenn unsere Parteindiktatur dann auch noch aktiv handeln muss.

Dieses Spiel ist längst aus...es nimmt lediglich jeder nur noch mit was er mitnehmen kann um vor dem Knall noch die Kurve zu bekommen...das ist doch Fakt.

Sparverzeifler

02.05.2013, 10:54 Uhr

Leider muss auch ich im Casino spielen, da ich keinerlei Möglichkeit einer sicheren und flexiblen Geldanlage mit Zinsen habe, die wenigstens die Inflation abfedern. Für Leute, die ihre Altersvorsorge privat betreiben müssen, ist ein Tagesgeldkonto mit einem Nettozinsatz über der Inflation enorm wichtig. Ich werde hier in Anlagen getrieben, die mir nicht geheuer sind und die ich eigentlich nicht will. Am Ende haben wir dann keine verschuldeten Staaten mehr, sondern verschuldete Bürger und Armut.

Account gelöscht!

02.05.2013, 11:00 Uhr

Schmieding redet ganz bewusst an den tatsächlichen Problemen vorbei: "Kreditklemme" ist eine völlige Irreführung. Das eigentliche Problem ist die (wieder einmal, wie 08/09) drohende Deflationierung der Weltwirtschaft.
Aber die Ursache hierfür ist eben gerade nicht der Mangel an Kredit sondern ein fataler, realwirtschaftlicher Umstand: Gewaltige, globale Überkapazitäten, denen immer weniger Einkommen und Kaufkraft gegenüberstehen !
Und es sind in der Hauptsache die Verbraucher, die (global gesehen) immer weniger Einkommen UND immer weniger Bonität haben. Folge: Preis- und Kundenschwund.
Dieser Prozess ist langsam und schleichend, hat aber in den letzten Monaten Fahrt aufgenommen.
Schmieding empfiehlt einfach noch mehr Tricks und große, kleine Betrügereien der NB, um:...noch mehr Überkapazitäten aufzubauen. Schwach !
Die seit 30 Jahren herrschende Irrlehre des Neokeynesianismus mit ihren ständigen Zinssenkungen, Reflationierung, Financial Repression, QE, Kredite ohne EK, Immoblasen, Aktienblasen, etc. pp beginnt, ihr wahres, (selbst)mörderisches Gesicht zu zeigen.
Unsere Kinder werden uns bald sehr unangenehme Fragen stellen...

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