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08.11.2016

12:48 Uhr

EZB-Geldpolitik

Die Zweifel wachsen

Wird die EZB ihre extrem lockere Geldpolitik fortsetzen? Die meisten Experten erwarten trotz gestiegener Inflationsrate kein Ende der Geldschwemme. Allerdings lässt die Äußerung eines prominenten EZB-Mitglieds aufhorchen.

„Mit der Zeit wird der Nutzen geringer und die Risiken größer.“ Reuters

EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger

„Mit der Zeit wird der Nutzen geringer und die Risiken größer.“

MünchenKritiker von Mario Draghis Geldpolitik gibt es wahrlich genug: Ökonomen, Investoren, Banken, Versicherer und nicht zuletzt Sparer zählen zu denjenigen, die die extrem lockere Geldpolitik des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) mittlerweile für nicht mehr sinnvoll halten.

Jetzt ist eine gewichtige Stimme hinzugekommen: Auf einer Veranstaltung der Bundesbank in München hat sich Sabine Lautenschläger – EZB-Direktorin und damit Mitglied des engsten Kollegenkreises um Draghi – gegen eine weitere Lockerung der Geldpolitik im Euro-Raum ausgesprochen. Sie sei „sehr skeptisch“, was weitere Zinssenkungen oder zusätzliche expansive geldpolitische Maßnahmen angehe, sagte Lautenschläger. „Mit der Zeit wird der Nutzen geringer und die Risiken dieser Maßnahmen größer.“ Lautenschläger ist auch stellvertretende Vorsitzende der EZB-Bankenaufsicht.

Es greife aber zu kurz, allein die EZB für die niedrigen Zinsen verantwortlich zu machen, sagte die Notenbank-Direktorin. „Das ist ein bisschen so, als würde man den Zahnarzt dafür verantwortlich machen, dass er eine Wurzelbehandlung durchführen muss.“ Lautenschläger zufolge spiegeln Zinssätze die wirtschaftliche Lage wider. Und diese werde von Faktoren außerhalb der Geldpolitik beeinflusst, wie etwa von der Steuer- und Finanzpolitik sowie von Strukturreformen.

Sie sei die erste, die dafür sein werde, aus der Niedrigzinspolitik auszusteigen, sollte sich die Notenbank wieder auf einem anhaltenden Pfad in Richtung ihres Inflationsziels bewegen. Aber dies sei „zur Zeit noch nicht der Fall“, sagte Lautenschläger. Die EZB strebt knapp zwei Prozent Inflation als Idealwert für die Wirtschaft im Euro-Raum an.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Immerhin aber scheint sich das Gespenst der Deflation, mit dem Draghi seine experimentelle Notenbankpolitik der vergangenen Jahre immer rechtfertigte, nach und nach zu verflüchtigen. Im Oktober stieg die jährliche Inflationsrate im Euro-Raum ersten amtlichen Schätzungen zufolge auf 0,5 Prozent nach 0,4 Prozent im Monat zuvor. Das ist zwar immer noch weit entfernt vom EZB-Ziel – doch hatten die Preisveränderung in den Vormonaten zeitweise sogar im negativen Bereich gelegen. Für Anfang 2017 rechnen sogar viele Analysten vor allem dank des gestiegenen Ölpreises mit Werten deutlich oberhalb von einem Prozent.

Und: Der Euro-Raum ist dabei kein Einzelfall – auch in den USA, Großbritannien und Teilen Asiens steigt die Inflationsrate wieder. So rechnet die US-Bank JPMorgan damit, dass die globale Inflation bis Mitte nächsten Jahres auf 2,5 Prozent steigt – von unter zwei Prozent in diesem Jahr.

Kommentare (13)

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Herr Paul de Bros

08.11.2016, 13:22 Uhr

Wer sagt, dass die Niedrigzinsen den Erwerb von Eigentum "günstig" machen, der belügt sich selbst. Es wird effektiv viel teurer. Und eine Ansparung auf ein Darlehen ist sinnlos, da praktisch keine Verzinsung mehr gewährt wird. Das Angebot an Wohnungen/Häusern wiederum bricht zusammen trotz gewaltiger Kauf/Verkaufpreise, da für das geflossene Geld auch kein Ertrag mehr zu erzielen ist. (Da kann man das Haus auch behalten). Man treibt somit alle , die Besitz erlangen wollen, in die faktisch lebenslange Verschuldung.

Herr Paul de Bros

08.11.2016, 13:27 Uhr

Tatsächlich ist das Problem, dass viele deutlich zu wenig Geld haben, und andere zu viel. Kredit bekommt ja nur der, der auch ein hohes Einkommen hat. Vor etlichen Jahren war mal am Einkaufszentrum so ein "Provisionsdrücker" tätig, der den Leuten Kreditkarten aufschwatzen wollte. Meine Erwiderung, ich bräuchte nicht mehr Kredit, sondern mehr Einkommen, ließ ihn ziemlich bedröppelt darstehen. Aber das ist die Realität: die Immobilienpreise steigen ja nur, weil manche Leute meinen, sie würden eines Tages noch viel mehr dafür erlösen. Die Mehrheit der Bevölkerung hat, allen statistischen Tricks zum Trotz, immer weniger für den Konsum übrig.

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Wenn irgendetwas den Kapitalismus vor einer baldigen Katastrophe bewahren kann, dann die Rückkehr zum Keynesianismus. Das ist auch nur eine Notlösung. Auf Dauer ist der Kapitalismus nur noch destruktiv. Eben weil es Grenzen der Akkumulation gibt. Denn wenn alles „Kapital“ wird, gibt es nichts mehr zu beißen. Denn eines lernen die Ökonomie- und Wirtschaftsexperten dieser Welt nie: Geld kann man nicht essen!

Herr Thomas Behrends

08.11.2016, 13:29 Uhr

@ Herr Paul de Bros08.11.2016, 13:22 Uhr

Vollkommen richtig; die Preise des Immobilienmarkts werden nur künstlich hochgehalten bzw. von raffgierigen Immo-Maklern aus Eigennutz (höhere Provisionen) nach oben gepushed. Und das sowohl im gewerblichen als auch im Wohnimmobilien-Markt.

Mit einem tatsächlichen Wertanstieg hat das beileibe nicht zu tun.

Es wird z.T. renovierungs- und sanierungsbedürftiger Schrott angeboten und zu allem Überfluss auch gekauft.

Leute strengt Euer Gehirn an und verweigert diesen miesen Machenschaften die Gefolgschaft. Viele Leute wären besser in ihrer zentralen Wohnung als Mieter geblieben ...

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