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12.09.2011

15:00 Uhr

EZB-Krise

Starks Abgang stürzt Europa ins Ungewisse

VonDavid Marsh

Die deutsche Notenbank-Chronik ist reich an spektakulären Abgängen. Der Rücktritt Jürgen Starks gehört zu den dramatischsten, und womöglich zu den folgenschwersten. Ein Essay.

Jürgen Stark hinterlässt nach seinem Abgang eine große Lücke. Reuters

Jürgen Stark hinterlässt nach seinem Abgang eine große Lücke.

Die Geschichte eines Landes spiegelt sich in der Geschichte seines Geldwesens wie auch in der persönlichen Dramaturgie seiner währungspolitischen Leitfiguren. Von Rudolf von Havenstein im Inflationsjahr 1923 bis hin zu Karl Otto Pöhl 1991, die Abdankungen des „Hitler-Magiers“ Hjalmar Schacht 1930 und 1939 inklusive. So unterschiedlich sie sein mögen, die Verabschiedungen der Notenbanker gehen auf frappierende Weise mit Notsituationen und geopolitischen Erschütterungen einher. Sie markieren Meilensteine epochalen Ausmaßes.

Nun fügt sich Jürgen Stark, der seit 2006 amtierende Chefökonom der Notenbank, in diese Konstellation. Auch er war ausreichend stark, um den Zeitpunkt seines Abtritts selber zu bestimmen, aber bei weitem nicht stark genug, um im monetär-finanziellen Bereich Befürchtetes abzuwenden.

Zu einem äußerst sensiblen Zeitpunkt, wo auf mehreren Fronten die existenzielle Krise der Wirtschafts- und Währungsunion eine neue Zuspitzung erfährt, stellt die Amtsniederlegung Starks eine Zäsur dar, deren Auswirkungen sich weit über die deutschen Grenzen hinaus erstrecken. Das Zeitalter der ursprünglich konzipierten, im Sinne der alten D-Mark gestalteten, das Erbe der Deutschen Bundesbank wahrenden Währungsunion scheint nun vorbei zu sein. Wenn kein Wunder geschieht, wird eine neue Ära der Ungewissheit und der Unberechenbarkeit folgen.

Als Vertreter der größten und solidesten europäischen Volkswirtschaft, als Vertreter der wichtigsten Gläubigernation, vor allem als Vertreter des Landes, in dessen währungspolitischem Antlitz vor zwölfeinhalb Jahren das einheitliche europäische Geld überhaupt erst geschmiedet wurde, kam und kommt Stark im sechsköpfigen EZB-Direktorium eine überdimensionierte Stellung als faktische Nummer zwei hinter dem Präsidenten Jean-Claude Trichet zu.

Im Alleingang kann und darf Stark die Weichen für die europäische Geld- und Währungspolitik nicht stellen - genauso wenig wie andere im Vorstand oder im 23-köpfigen Rat der Zentralbank. Aber seine souveräne Entscheidung, gerade jetzt die Riege der Weichensteller zu verlassen, deutet darauf hin, dass Deutschland und Europa währungspolitisch Neuland betreten. Möglicherweise mündet der Rücktritt nun zum vierten Mal seit den 20er-Jahren auf verhängnisvolle Weise in eine Neuformierung des deutschen Geldwesens.

Kommentare (10)

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POPPER

12.09.2011, 17:47 Uhr

Das ist doch schlicht und ergreifend lächerlich. Herr Stark ist und war nie ein guter Ökonom. Wer so das Ganze auf die Abwehr von Inflation verkürzt, lässt sehr zu wünschen übrig. Ein monetaristischer Überzeugungstäter, der hinter jeder Ecke Inflation vermutet kann getrost abtreten. Den Gipfel finanzpolitischer Inkompetenz leistete sich Stark im Juli 2008, damals hat er sehendes Auges im Vorfeld der Finanzkrise Inflations-Alarm geschlagen und für eine fatale Zinserhöhung gesorgt. Das jedenfalls bleibt uns in Zukunft erspart. Ein Zentralbanker, der seine Aufgabe einzig und alleine in der Inflationsabwehr sieht, ist kein „Hüter der Stabilität“, wie es deutsche Medien in zahlreichen Nachrufen behaupten, sondern ein destabilisierender Faktor. Der Abgang Starks wäre somit eigentlich ein Grund zu jubeln – umso unverständlicher mutet in diesem Zusammenhang das Heldenepos vom tapferen Stabilitätsgaranten an, das in den Medien an diesem Wochenende gesponnen wurde.

Adolf

12.09.2011, 17:56 Uhr

Ein Kampf scheint ausgebrochen zu sein, die Antieuro haben ihre Chance gewittert. Jetzt legen sie los.
Die Verteidigung organisiert sich langsam, zu langsam wie mir scheint.
Die Deutsche Industrie und Kapitaladel handeln vereint und nach einem präzisen Schema. Für sie ist der Kampf um die Herrschaft über Europa noch nicht beendet, sie haben den Krieg verloren aber Deutschland ist wieder da. Jetzt versuchen sie es mit Geld.
Von Integrationswillen keine Spur, das entspricht nicht der deutschen Mentalität. Die EU war nur Mittel zum Zweck. Endlich scheint das Ziel nah, Europa wird zu einer deutschen Wirtschaftsinteressenzone mit horizontale Arbeitsteilung, wobei, selbstverständlich, die Deutsche die Creme de la Creme wären und die Südländer die billige Arbeitskräfte, nach der Lehre der Herrenrasse. Also mögen die Griechen die Löhne noch weiter sinken, schon verdienen sie nur ungefähr soviel wie ein Hartz IV-er, wenn sie überhaupt Arbeit haben, es ist immer noch zu viel, entspricht nicht der Produktivität.

Account gelöscht!

12.09.2011, 18:33 Uhr

Starks Abgang ist der Kontrapunkt einer schizophrenen Euroideologie, die derzeit ihr absehbares Ende findet. Die EZB hat sich als Währungsorgan durch die wiederholten illegalen Aufkäufe von Staatsanleihen und das Target2-Desaster selbst aus dem Kreis der Rechtstaatlichkeit verabschiedet. Sie hat jegliche Solidität und Autorität in der Finanzwelt und bei den empörten Bürgern verloren und setzt sich durch ihr Tun der Gefahr späterer Strafverfolgung aus. Kein Banker genießt die Imunität, die Politiker derzeit ungestraft zu Ungeheuerlichkeiten greifen lässt. Banker laufen Gefahr, in einer späteren rechtstaatlichen Aufarbeitung der Geschehnisse bitteren Konsequenzen ausgesetzt zu sein. Die Mächtigen ahnen das Kommende und verabschieden sich rechtzeitig.

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