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28.10.2015

11:55 Uhr

EZB-Präsident Draghi und der Euro

Schwach, schwächer, Euro

VonJessica Schwarzer

Die Aktienmärkte feierten Mario Draghis Worte zur zügellosen EZB-Geldpolitik, doch der Euro geriet unter Druck. Wie stark er noch fallen könnte, welche Branchen davon profitieren und wie Anleger sich aufstellen sollten.

Im Zuge der lockeren Geldpolitik der EZB gerät der Euro unter Druck. dpa

Euro

Im Zuge der lockeren Geldpolitik der EZB gerät der Euro unter Druck.

DüsseldorfDie Europäische Zentralbank (EZB) flutet die Märkte weiter mit billigem Geld, wahrscheinlich sogar länger als bisher geplant. Das ist seit vergangenem Donnerstag klar. EZB-Präsident Mario Draghi hat im Kampf gegen niedrige Inflation und zunehmende wirtschaftliche Risiken eine weitere geldpolitische Lockerung im Dezember in Aussicht gestellt. Zur Diskussion stehen eine Absenkung des Einlagesatzes und eine Ausweitung des Anleihekaufprogramms.

Die Euro-Zone leidet im Vergleich mit den USA weiterhin unter schwachem Wachstum und niedriger Binnennachfrage. „Entsprechend groß ist die Angst der EZB vor einer Deflation, denn dort verliert ihre Geldpolitik an Wirksamkeit“, sagt Max Schott von der Sand und Schott Vermögensverwaltung. Er erwartet deshalb eine weiter expansive Geldpolitik Europas, also niedrige Zinsen und weitere Liquiditätsmaßnahmen.

Dem Euro bekommt diese Politik gar nicht gut. Die Aussicht auf weitere Milliarden, mit denen die EZB die Märkte flutet, beflügelten zwar die Aktienkurse, doch der Euro geriet merklich unter Druck. Von deutlich über 1,13 rutschte er in den vergangenen Tagen auf aktuell nur noch 1,1030 Dollar ab. Im laufenden Jahr hat die europäische Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar mittlerweile fast neun Prozent eingebüßt, auf Sicht von einem Jahr sind es sogar fast 13 Prozent. Und die Rutschpartie könnte weitergehen.

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„Die Divergenz der Geldpolitik der großen Notenbanken spricht für einen tendenziell schwachen Euro“, sagt Schott. Die aktuell guten Wirtschaftsdaten aus den USA und Großbritannien würden den Druck auf die dortigen Notenbanken erhöhen, sich von der langjährigen Nullzinspolitik zu verabschieden. „Der US-Dollar und das britische Pfund sollten sich deshalb gegen den Euro positiv entwickeln“, ist der Anlageexperte überzeugt.

Auch Nils Petersen, Fondsmanager bei der Top Vermögensverwaltung, erwartet kurzfristig eine weitere Schwächung des Euro. „Wir sind aber keine Verfechter der Theorie, dass wir in Richtung der Parität zwischen Euro und Dollar kommen werden“, sagt er. „Das verbale Nachladen der EZB-Bazooka hat noch mal ein bisschen Schwung in die Abwertung gebracht, allerdings sollte dieses eher ein kurzfristiger Effekt sein.“ Mittelfristig hält er einen Euro-Dollar-Kurs zwischen 1,10 und 1,15 Dollar für ein „gesundes Verhältnis“.

Die Macht und die Mittel der EZB

Ziele

Die Europäische Zentralbank (EZB) soll Preisstabilität wahren, die Wirtschaftspolitik unterstützen und Finanzstabilität sichern.

Leitzinsanpassung

Leitzinsanpassungen sind das traditionelle Mittel, um die Wirtschaft und die Arbeitsnachfrage zu dämpfen oder zu stimulieren, und so die Lohnentwicklung und die Inflation stabil zu halten.

Negativzinsen

Negativzinsen von 0,1 Prozent berechnet die EZB den Banken für deren Guthaben bei der Notenbank. Jede Bank will ihre überzähligen Guthaben zu einer anderen Bank schieben, indem sie Wertpapiere kauft oder Kredite vergibt.

Langfristkredite

Langfristkredite vergibt die EZB seit Ende 2011 und ergänzt damit die normalen kurzfristigen Kredite. Das hilft den Banken bei der Finanzierung, da Bankanleihen teurer und für manche gar nicht mehr zu haben waren.

Pfandbriefe

Pfandbriefe und Kreditverbriefungen kauft die EZB den Banken seit Herbst 2014 ab. Auch das hilft bei der Refinanzierung und sorgt für mehr Bankguthaben bei der EZB, was die Bereitschaft zur Kreditvergabe erhöhen soll.

Käufe von Staatsanleihen

Käufe von Staatsanleihen als Mittel der Geldpolitik setzte die EZB erstmals 2010 ein, um die Renditen von Anleihen der Peripherieländer zu drücken, die damals kräftig nach oben schossen. Das gelang mit dem relativ kleinen Programm nur bedingt. Im September 2012 ersetzte die EZB dieses SMP-Programm durch das OMT-Programm. Sie erklärte sich dabei unter Bedingungen bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Bisher kam das Programm nicht zum Einsatz. Seit März 2015 erwirbt sie mit einem erweiterten Kaufprogramm im großen Stil Staatsanleihen. Der Gegenwert landet als Bankguthaben bei den Verkäufern, zum Beispiel Fonds, und als überschüssiges Guthaben auf den Zentralbankkonten der Banken. Das treibt vor allem die Kurse von Vermögenswerten wie Aktien, Anleihen und Immobilien in die Höhe. Indirekt soll das die Wirtschaft ankurbeln.

Notkredite

Notkredite (ELA) können nationale Zentralbanken des Euro-Raums ihren heimischen Banken gewähren, wenn diese nicht mehr genug gute Sicherheiten für normale EZB-Kredite haben. Die EZB muss diese ELA-Kredite genehmigen. Untersagt sie sie, etwa wenn Griechenland sich nicht mit den Gläubigern einigen kann, haben die Banken keinen Zugang zu Euro-Guthaben und Euro-Bargeld mehr, was zur Schließung und letztlich zum erzwungenen Austritt aus der Währungsunion führen kann.

Klaus Martini von Plückthun Asset kann dem schwachen Euro aber durchaus etwas abgewinnen. „In der aktuellen Situation, in der weltweit die volkswirtschaftlichen Wachstumsraten rückläufig sind, wünschen sich die meisten Länder zur Stimulierung ihrer Exportindustrie niedrigere Wechselkurse für ihre Währungen“, sagt er. Einige Beobachter würden deswegen auch einen Abwertungswettlauf befürchten.

Kommentare (27)

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Account gelöscht!

28.10.2015, 13:04 Uhr

Ein Glück haben wir den Euro. Dr, Zetzsche (oder ein anderer CEO einer großen exportorientierten deutschen Firma) würde sagen, ohne den Euro müsste ich 1/3 meiner Belegschaft zum Arbeitsamt stempeln schicken, da sie überflüssig sind. Denn eine starke Währung hat schlichtweg zur Folge, dass weniger zu tun ist da keine bzw. weniger Aufträge vorliegen. Ergo, werden weniger Lohnsklaven gebraucht. Alternativ ginge evtl. auch 50 % Lohnkürzungen.

Das die bittere Wahrheit für all die Trottelanhänger einer starken Währung bei einer extrem exportabhängigen Wirtschaft wie der Deutschen.

Herr Thomas Behrends

28.10.2015, 13:16 Uhr

@ Linus Freiherr von Stettin

Das ist nicht ganz richtig; die Bundesrepublik war auch in den 1970er Jahren wirtschaftlich stark und auf den internationalen Märkten trotz harter D-Mark erfolgreich.

Was wir heute erleben ist nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Fall des eisernen Vorhangs lediglich Ausbeutung (auch der Natur!) und großkapitalistische Raffgier !!!

Account gelöscht!

28.10.2015, 13:18 Uhr

Die schwache Währung mündet mittelfristig in eine erhöhte Inflation; bezahlt vom Sparer.
Diebstahl am Volk

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