Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.11.2014

12:32 Uhr

EZB-Ratssitzung

Den Finger am Abzug

VonJan Mallien

Die EZB liebäugelt mit groß angelegten Anleihekäufen. Das flaue Wachstum und die schwache Preisentwicklung liefern dafür Argumente. Viele Ökonomen erwarten, dass Draghi handelt. Doch diesmal droht heftiger Gegenwind.

EZB-Chef Mario Draghi: Kommt der nächste Schuss? Heute tagt der Zentralbankrat. AP

EZB-Chef Mario Draghi: Kommt der nächste Schuss? Heute tagt der Zentralbankrat.

DüsseldorfMario Draghi hat den Hunger der Finanzmärkte nur kurz gestillt. Die Ankündigung des Chefs der Europäischen Zentralbank (EZB), die Bilanzsumme seines Instituts um eine Billion Euro auszuweiten, ist mittlerweile verpufft. Mit dem Geld aus der Druckpresse will die EZB  Pfandbriefe und Kreditverbriefungen kaufen. Doch viele Analysten rechnen bald schon mit dem nächsten Schritt. „Wir halten breit angelegte Staatsanleihekäufe der EZB für wahrscheinlich“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.  

Diesmal allerdings dürfte ein solcher Schritt im EZB-Rat wesentlich umstrittener sein als in der Vergangenheit. Bei seiner Entscheidung, im Notfall unbegrenzt Anleihen der Krisenländer zu kaufen, hatte Draghi im Sommer 2012 noch fast den kompletten EZB-Rat hinter sich – nur Bundesbank-Chef Jens Weidmann stimmte dagegen. Inzwischen hat sich die Frontstellung verschoben. Am Dienstag sorgte ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters für Aufsehen, wonach es im 24-köpfigen EZB-Rat massive Irritationen über Draghis Führungsstil und Kommunikation gibt. Im Artikel war von einer „Palastrevolution“ die Rede.

Kritik soll es vor allem an Draghis Äußerungen über die Ausweitung der Bilanz der EZB um eine Billion Euro geben. Reuters zitiert einen Notenbanker mit dem Satz: „Wir hatten uns darauf geeinigt, dass wir keine Hausnummern nennen. Deshalb irritierte sein Hinweis auf die Größe der Bilanz zu Anfang 2012 zahlreiche Kollegen.“

Ein langjähriges Ratsmitglied, das nicht namentlich genannt werden will, soll sich über Draghis Führungsstil beschwert haben: „Mario ist verschwiegener, wenig kollegial. Die Gouverneure der nationalen Notenbanken fühlen sich manchmal ausgeschlossen, tappen im Dunklen." Außerdem soll Bundesbank-Chef Weidmann klar gemacht haben, dass er weitere Maßnahmen wie Anleihekäufe nicht mitträgt. „Wir wissen jetzt, dass Jens nicht mitmachen wird, sollten wir weitergehen“, wird ein Notenbanker zitiert.

Mario Draghis Krisenkurs in Zitaten

Amtsantritt am 3.November 2011 in Frankfurt

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung.“

26. Juli 2012 in London

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

EZB-Sitzung am 4. Juli 2013

„Der EZB-Rat erwartet, dass die Zinssätze der EZB für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder darunter bleiben werden.“

Nach der Leitzinssenkung am 7. November 2013

„Wenn wir Deflation verstehen als einen weit verbreiteten Verfall von Preisen in vielen Warengruppen und in mehreren Ländern – das sehen wir nicht.“

Gespräch mit Altkanzler Schmidt am 7. November 2013

„Ich bin sehr bewegt von Helmut Schmidts Worten und sollte dafür wirklich dankbar sein. Komplimente sind Mangelware in diesen Tagen.“

EZB-Sitzung am 3. April 2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

EZB-Sitzung am 8. Mai 2014

„Der EZB-Rat fühlt sich wohl damit, beim nächsten Mal zu handeln.“

EZB-Konferenz am 26. Mai 2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

Die Reuters-Meldung sorgte am Dienstag zunächst für einen Dämpfer an den Märkten. Am Freitag hatten die Börsen noch gefeiert: Der überraschende Beschluss der japanischen Notenbank, ihre Wertpapierkäufe auf jährlich 80 Billionen Yen auszuweiten (572 Milliarden Euro) , hatte die Fantasie beflügelt, dass die EZB ebenfalls bald nachlegen könnte. Die Frage ist allerdings, ob Draghi eine solche Entscheidung im Zweifel auch mit einer knappen Mehrheit im EZB-Rat durchdrücken würde.

Schon jetzt schlägt ihm gerade in Deutschland heftiger Gegenwind entgegen. Für den Chef des Münchner Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn wird die EZB schon durch den geplanten Kauf von Kreditverbriefungen vollends zur „Bad Bank Europas“.

Kommentare (15)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Informierter Bürger

06.11.2014, 12:45 Uhr

Die weltweiten Notenbanker drehen völlig durch!

Die Notenbanker rund um den Globus kennen keine Grenzen mehr. Die japanische Notenbank hat angekündigt, noch viel mehr Geld zu drucken. Die Kollegen aus Norwegen haben die Zinsen auf Null gesenkt und gleichzeitig betont, notfalls noch viel mehr tun zu können. Da will die EZB natürlich nicht hinten anstehen und gibt selbst immer mehr Gas.

Wenn jemand Ende 2009 vorhergesagt hätte, was die Notenbanker der Welt in den folgenden fünf Jahren alles tun würden, um die Schuldensause am Laufen zu halten, wäre er für verrückt erklärt worden. Als Normaldenker kann man dem Treiben der weltweiten Notenbanker heutzutage nur noch kopfschüttelnd zuschauen. Zuletzt hat die japanische Notenbank angekündigt, dass sie künftig noch viel mehr Geld drucken wird. Sie wird monatlich für acht bis zwölf Billionen Yen (70 bis 105 Mrd. Dollar) Staatsanleihen kaufen. Damit kauft sie sämtliche Anleihen von zehn Billionen Yen, die der Staat derzeit jeden Monat emittiert. Noch nie zuvor sind Staatsausgaben so offensichtlich aus der Notenpresse finanziert worden. Damit kann das Spiel in Japan am Laufen gehalten werden, obwohl laut der Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Staatsschulden Japans im laufenden Jahr auf horrende 242 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen sollen. Für den Irrweg zahlen die Japaner allerdings einen hohen Preis – den Verfall des Yen. Je weiter es mit ihm abwärts geht, umso weiter sinkt die Kaufkraft der Japaner. Dennoch hat die Notenbank angekündigt, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um den Yen weiter zu schwächen.

Herr Informierter Bürger

06.11.2014, 12:46 Uhr

Verrückter Vorschlag: Deutsche Steuern sollen Italien retten!

im O'Neill, früher Investment-Chef bei Goldman Sachs, hat einen Vorschlag zur Euro-Rettung, der wie ein schlechter Scherz klingt. Deutsche sollen ihre Sparsamkeit mit Extra-Steuern bezahlen, die direkt nach Italien und Spanien fließen. Ist der irre?

"Ich habe eine verrückte Idee" - wenigstens ist Jim O'Neill in einem Beitag für den Brüsseler Think Tank Bruegel so ehrlich, seine folgenden Worte mit dieser Warnung einzuleiten. Der frühere Investment Chef der Großbank Goldman Sachs ist ein erfolgreicher Manager. Vor 13 Jahren erfand er den Begriff "BRIC-Staaten", um die aufkeimenden Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China zu klassifizieren. Doch wie er jetzt die Wirtschaft Südeuropas und den Euro retten will, kann hierzulande nur mit heftigem Kopfschütteln kommentiert werden.

Nun würde es die Inflation der Eurozone stark anheben, wenn die Inflation im stärksten Wirtschaftsraum, also Deutschland, entsprechend stiege. Das tut sie aber nicht. So schlägt O'Neill vor, die Deutsche dafür zur Kasse zu bitten. Sie sollen eine Ausgleichssteuer für ihre niedrige Inflation zahlen - je niedriger die Teuerungsrate, desto höher die Steuer. Das Geld solle direkt in die Schuldenstaaten Südeuropas fließen. Zudem könnte Italien etwa auch deutsche Urlauber extra besteuern - Hauptsache, der Kapitalfluss von Deutschland nach Italien/Spanien/Frankreich läuft.

Herr Uwe Warschkow

06.11.2014, 12:53 Uhr

Das Medianvermögen ist aber in Italien höher,als in Deutschland.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×