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02.06.2016

10:40 Uhr

EZB-Ratssitzung

Draghi kauft Anleihen von Telekom & Co.

VonJan Mallien, Andrea Cünnen

Die EZB beginnt diesen Monat mit dem Kauf von Unternehmensanleihen. Auf seiner heutigen Pressekonferenz könnte EZB-Chef Draghi letzte Details nennen. Doch das ist nur eines seiner wichtigsten Themen.

EZB-Zinspolitik

„Draghi macht einen hervorragenden Job“

EZB-Zinspolitik: „Draghi macht einen hervorragenden Job“

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FrankfurtDer Einkaufszettel von Mario Draghi ist bereits lang - doch er wird noch länger. Schon jetzt kauft die Europäische Zentralbank Staatsanleihen, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe der verschiedenen Euro-Länder. Ab Juni kommen auch noch Anleihen zahlreicher Unternehmen hinzu. Zum Beispiel kann sie Zinspapiere von Daimler, Deutscher Telekom oder Bayer kaufen.

Auf seiner heutigen Pressekonferenz in Wien könnte EZB-Chef Draghi letzte Details zu den Modalitäten der Käufe nennen. Doch dies ist nicht das einzige Thema, dass die Euro-Notenbanker derzeit umtreibt. Auch mit Griechenland und der Inflation im Euroraum und einem möglichen EU-Austritt Großbritanniens werden sie sich wohl befassen. Die wichtigsten Themen im Überblick:

1. Unternehmensanleihen

Los geht es mit den Käufen von Unternehmensanleihen im Juni, wobei das Datum nicht feststeht. Die Notenbank will auf Euro lautende Anleihen von Unternehmen kaufen, die von mindestens einer der  Ratingagentur Standard & Poor’s, Moody’s, Fitch oder DBRS das Gütesiegel Investment-Grade für gute Bonität haben. Im Umkehrschluss heißt das aber, dass die Notenbanker auch Bonds von Unternehmen auf ihre Bilanz nehmen können, die einige Ratingagenturen als wenig kreditwürdige Ramschanleihen einstufen. Zu den Unternehmen mit solchen „Split-Ratings“ gehören zum Beispiel Fresenius und Fresenius Medical Care, Energias de Portual, Telecom Italia oder Remy Cointreau.

Auch ansonsten lässt sich die EZB bei den Kriterien großen Spielraum. So darf sie nicht nur Anleihen von Unternehmen aus der Euro-Zone kaufen, sondern auch von Unternehmen die Töchter im Euro-Raum haben und hier wirtschaftlich relevant sind. Zudem müssen die Unternehmen zu den Firmen gehören, deren Kredite Banken als Sicherheit bei der EZB einreichen können. Damit finden sich auch Anleihen von Unternehmen aus Großbritannien wie Vodafone oder Rolls Royce auf der Liste.

Mögliche US-Unternehmen, deren Bonds die EZB kaufen könnte, sind der Baumaschinenhersteller Caterpillar oder Coca Cola. Die Laufzeit der Papiere soll zwischen sechs Monaten und 31 Jahren liegen. Offen ist, wieviel Anleihen die EZB kauft. Investoren und Banken gehen von monatlich fünf bis zehn Milliarden Euro aus. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Notenbankkreise könnte die EZB jedoch deutlich langsamer starten und zunächst nur rund eine Milliarde Euro an Firmenbonds kaufen. Dies würde den Bondmarkt laut Analysten belasten und zu fallenden Kursen und steigenden Renditen führen, da sich Investoren bereits auf die EZB als großen Käufer eingestellt haben.

Beschlüsse der EZB am 10. März 2016

Niedrigerer Leitzins

Die EZB senkt den Leitzins von 0,05 auf 0,00 Prozent. Der Schritt selbst hat wenig direkte Auswirkungen. Hierbei geht es vor allem um das damit verbundene Signal, dass die EZB entschlossen handelt.

Höherer Strafzins

Die EZB senkt den Einlagenzins im Euro-Raum von minus 0,3 auf 0,4 Prozent. Das heißt: Banken, die über Nacht Geld bei der EZB parken, zahlen dafür eine noch höhere Strafe. Damit will die Notenbank die Geldhäuser dazu animieren, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei ihr zu horten. Je höher die Strafe, desto stärker der Anreiz, so das Kalkül. Allerdings belastet dies den labilen Bankensektor. Deshalb war im Vorfeld der Ratssitzung auch über eine Staffelung des Einlagezinses diskutiert worden, ähnlich wie in der Schweiz. Dabei würde der negative Einlagenzins erst dann greifen, wenn die bei der Notenbank geparkte Liquidität einer Bank eine bestimmte Obergrenze überschreitet.
Draghi hat sich aber gegen ein solches Modfell entschieden. Dies sei in einer Währungsunion mit sehr unterschiedlichen Banken nur schwer umzusetzen, sagte er.

Mehr Anleihenkäufe

Die EZB weitet das Volumen ihrer monatlichen Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro aus. Dadurch erhöht sich Gesamtvolumen bis März 2017 um 240 Milliarden auf 1,74 Billionen Euro. Anleihekäufe seien ein Signal, das der Markt versteht, hatte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding im Vorfeld gesagt.

Dieser Schritt galt aber als durchaus umstritten. Für die Deutsche Bundesbank, die eine weitere Lockerung der Geldpolitik kritisch sieht, ist diese Pille schwerer zu schlucken, als die Senkung des Einlagenzinses. Draghi sagte jedoch, der EZB-Rat habe die Maßnahmen mit einer „überwältigenden Mehrheit“ beschlossen. Durch das höhere Volumen stößt die EZB bei ihren Käufen schneller an Grenzen: Ihren selbst auferlegten Regeln zufolge darf sie keine Bonds kaufen, deren Zinsen unter dem Einlagesatz liegen (jetzt minus 0,4 Prozent). Und sie darf auch nicht mehr als 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes erwerben.

Bei Anleihen von internationalen Organisationen oder Entwicklungsbanken wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) weitet sie dieses Limit nun auf 50 Prozent der ausstehenden Anleihen aus.

Firmenanleihen

Um Knappheit zu verhindern, weitet die EZB außerdem die Auswahl der von ihr gekauften Anleihen aus. Im Dezember hat sie das Sortiment bereits um Anleihen von Regionen und Kommunen im Euro-Raum erweitert. Nun kauft sie außerdem auch von in Euro notierenden Unternehmensanleihen mit gutem Rating (Investment Grade).

Kredite zum Traumtarif

Die EZB weitet ihr Programm aus, mit dem sie Banken zu sehr günstigen Konditionen langfristig Geld leiht, wenn sie mehr Kredite vergeben. Ab Juni sollen vier spezielle Kreditlinien – im Fachjargon TLTRO II genannt – für die Finanzinstitute mit einer Laufzeit von vier Jahren aufgelegt werden. Die Kosten orientierten sich am Einlagenzins, den die EZB jetzt auf minus 0,4 Prozent gesenkt hat. Banken können also Geld damit verdienen, sich Geld zu leihen.

Bereits seit 2014 bieten die Währungshüter gezielte Geldspritzen an. Sie sollen Geschäftsbanken dazu bewegen, mehr Kredite an Firmen zu vergeben. Allerdings brauchen viele Banken gar nicht mehr Liquidität. Dies hilft deshalb wohl lediglich einigen angeschlagenen Instituten.

2. Griechenland

Auch in puncto Griechenland gibt es Bewegung. In der vergangenen Woche haben sich die Euro-Finanzminister und der Internationale Währungsfonds (IWF) auf weitere Hilfen für Griechenland geeinigt. Die Geldgeber und die Regierung in Athen verständigten sich grundsätzlich auf die Auszahlung von 10,3 Milliarden Euro. Dies könnte bedeuten, dass die EZB griechische Staatspapiere wieder als Sicherheiten für ihre Refinanzierungsgeschäfte akzeptiert. Seit Anfang 2015 tut sie dies nicht mehr. EZB-Vize Vitor Constâncio hatte im vergangenen Sommer gesagt, die EZB werde griechische Staatspapiere wieder als Sicherheiten akzeptieren, sobald das zwischen Griechenland und seinen Gläubigern ausgehandelte Programm glaubwürdig umgesetzt werde.

Für die griechischen Banken wäre ein solcher Schritt eine deutliche Erleichterung. Sie könnten sich dann wieder günstiger bei der Notenbank finanzieren. Momentan sind sie auf Ela-Notkredite angewiesen, die höher verzinst werden müssen.

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