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10.03.2016

16:15 Uhr

EZB-Ratssitzung – Live-Blog

„Wir haben gute Erfahrungen mit negativen Zinsen“

Die EZB hat entschieden den Leitzins auf Null zu senken und das Anleihen-Kaufprogramm auszuweiten. Doch Mario Draghi sieht derzeit keine Gründe dafür den Zins in Zukunft weiter zu senken. Das Liveblog zum Nachlesen.

Er flutet die Märkte weiterhin mit Geld. AFP; Files; Francois Guillot

EZB-Chef Mario Draghi

Er flutet die Märkte weiterhin mit Geld.

FrankfurtDie Ratsmitglieder der Europäischen Zentralbank (EZB) haben an diesem Vormittag über eine erneute Lockerung ihrer Geldpolitik beraten – und einige überraschende Entscheidungen getroffen. Hier das Protokoll.

Die wichtigsten Entscheidungen der EZB im Überblick:

  • Der Leitzins sinkt von 0,05 auf 0,00 Prozent
  • Der Einlagezins für Banken sinkt von minus 0,3 Prozent auf minus 0,4 Prozent.
  • Das Anleihenkaufprogramm wird von 60 Milliarden Euro ab April auf 80 Milliarden Euro ausgeweitet
  • Erstmals kauft die EZB Unternehmensanleihen auf

+++ Das Ende der Maßnahmen noch nicht erreicht +++

„Wir haben heute gezeigt, dass wir nicht über zu wenig Munition verfügen“, sagte Mario Draghi. Der Kampf gegen die Deflation werde weitergehen. „Wir haben gute Erfahrungen mit Niedrigzinsen“, sagte Draghi.

+++ Draghi sieht keine Gründe dafür die Zinsen weiter zu senken +++

Mit dieser Aussage machte Draghi die Kursgewinne der Börsen wieder zunichte. Die Aktienmärkte gaben ihre Gewinne ab, die sie zunächst nach der Leitzinssenkung angehäuft hatten. Der Euro legte prompt um 0,2 Prozent zu, die Gemeinschaftswährung kletterte bis auf 1,1115 Dollar - nach dem Zinsentscheid der EZB war er noch auf ein Fünfeinhalb-Wochen-Tief von 1,0823 Dollar gefallen.

+++ EZB stimmt Märkte auf lange Zeit mit Niedrigzinsen ein +++

Draghi betonte, insgesamt werde das Zinsniveau im Euroraum auf längere Sicht auf „sehr niedrigem Niveau“ bleiben - über die Laufzeit des Anleihen-Kaufprogramms hinaus. „Wegen der Ölpreisentwicklung sind sehr niedrige oder sogar negative Inflationsraten in den kommenden Monaten unvermeidlich“, räumte Draghi ein.

+++ EZB senkt Inflations-Prognose drastisch +++

Trotz der massiven Geldschwemme wird die Inflation im Euroraum nach Einschätzung der EZB in diesem Jahr deutlich schwächer ausfallen als zuletzt erwartet. Zudem haben sich die Konjunkturaussichten wegen der Abkühlung der Weltwirtschaft eingetrübt, sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag auf der EZB-Pressekonferenz. Die Notenbank senkte ihre Inflationsprognose für dieses Jahr drastisch auf 0,1 Prozent, bisher war sie von 1,0 Prozent ausgegangen. Für 2017 sagen die Währungshüter nun einen Anstieg der Verbraucherpreise um 1,3 Prozent (bisher: 1,6 Prozent) voraus.

Reaktionen auf die EZB-Entscheidung

Jan Bottermann, Chefökonom der Essener National-Bank

„Die EZB hat heute abermals ein umfangreiches Maßnahmenbündel auf den Weg gebracht und setzt ihren immer expansiveren Kurs fort. So wurden die Zinssätze zurückgenommen und die QE-Maßnahmen ausgeweitet. Wir gehen davon aus, dass eine Abkehr von diesem Pfad - zumindest bis auf weiteres - nicht in Sicht ist.“

 

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank

„Doktor Draghi hat die Dosis deutlich erhöht. Wie von uns befürchtet, hat er die Geldpolitik der EZB leider deutlicher gelockert als die meisten erwartet hatten. Diese Geldpolitik wird kaum in der Realwirtschaft ankommen. Denn die Nebenwirkungen sind massiv. Das Produktivitätswachstum lässt nach, weil auch unrentable Investitionen wegen der niedrigen Zinsen attraktiv erscheinen. Es steigt das Risiko, dass es in Deutschland am Immobilienmarkt zu Überhitzungen kommt. Außerdem wird der Anreiz für Euro-Länder gesenkt, notwendige Reformen durchzusetzen. Alles in allem verschlechtert diese lockere Geldpolitik langfristig die Rahmenbedingungen für die Unternehmen, so dass sie sich heute schon zurückhalten. Die Medizin wird nicht wirken, auch wenn man die Dosis erhöht.“

Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

„Die EZB-Entscheidung bedeutet eine überraschend massive Ausweitung der Geldpolitik. Sie unterstreicht jedoch auch die Sorge der EZB über die schwächer werdende europäische Wirtschaft.“

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bankenverband

„Es ist vollkommen unnötig, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Geldhahn heute noch weiter aufgedreht hat. Die Notenbank überzeichnet die Deflationsrisiken. Der Geldmarkt im Euro-Raum ist durch die EZB-Politik faktisch stillgelegt. Wirtschaftsreformen sowie die Sanierung von Bankbilanzen werden verschleppt. Doch auf all diesen Feldern hat die EZB heute noch einmal eine Schippe draufgelegt.“

Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank

„Mit ihren heute verkündeten Maßnahmen ist die EZB ihrem monetären Kurs extrem treu geblieben. Allerdings zeugt das große Bündel an Maßnahmen von einer enormen Nervosität seitens der obersten Währungshüter. Denn auch sie müssen sich eingestehen, dass ihre Geldpolitik bislang die Wirkung verfehlt hat. Die Bilanz ist ernüchternd: So ist es der EZB nicht einmal gelungen, die am leichtesten von ihr zu beeinflussenden Indikatoren in die gewünschte Richtung zu drehen.“

Liane Buchholz, VÖB-Hauptgeschäftsführerin

„Die EZB beschleunigt ihre geldpolitische Irrfahrt. Die heutige Zinsentscheidung der EZB verstärkt den Abwärtsstrudel für die Sparer. Langfristige Altersvorsorgekonzepte werden ebenso entwertet wie zinsabhängige Institute in risikoreichere Geschäfte gedrängt werden. Es ist absolut unnötig, die deutsche Kreditwirtschaft zu einer umfangreicheren Kreditvergabe zu nötigen.“

Isabel Schnabel, Wirtschaftsweise

„Es handelt sich um eine weitere massive geldpolitische Lockerung. Angesichts der bisherigen Erfahrungen mit QE (geldpolitische Lockerung) halte ich es für unwahrscheinlich, dass die Ausweitung der Anleihekäufe die Inflation nachhaltig erhöhen wird. Der Markt für Unternehmensanleihen ist in Europa zu klein, als dass sich aus deren Einbeziehung ein großer Effekt ergeben dürfte. Gleichzeitig setzt die weitere Senkung der Einlagenzinsen die Erträge der Banken noch stärker unter Druck. 

Ich halte Instrumente wie die langfristigen Kreditlinien (TLTROs), die direkt an der Kreditvergabe ansetzen, für sinnvoller als den weiteren Ankauf von Anleihen. Allerdings hängt auch hier die Wirksamkeit davon ab, ob es überhaupt eine Kreditnachfrage gibt, die zu befriedigen ist.“

Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft

„Die EZB hat sich noch tiefer in die Sackgasse manövriert. Mit größter Sorge sieht die Versicherungswirtschaft, dass die Notenbank ihre schon extrem expansive Geldpolitik noch weiter signifikant gelockert hat. Denn immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, dass diese monetären Anreize ihr Ziel nicht erreichen. Besonders deutlich wurde das seit Jahresbeginn auf den Aktienmärkten oder beim Euro-Wechselkurs, wo Verluste beziehungsweise eine Aufwertung im krassen Gegensatz zur Haltung der Geldpolitik standen.

Schlimmer noch: Mittlerweile ist sogar zu befürchten, dass diese unorthodoxe Geldpolitik das Gegenteil von dem bewirkt, was eigentlich beabsichtigt ist - nämlich mehr Wachstum und eine höhere Inflation. Die Notenbank läuft daher zunehmend Gefahr, von den Risiken und Nebenwirkungen ihres Tuns eingeholt zu werden. Wir appellieren erneut nachdrücklich an EZB-Präsident Mario Draghi, die geldpolitische Strategie im Euro-Währungsgebiet im Interesse von Wirtschaft und Haushalten neu zu denken.“

+++ Ökonomen kritisieren die Entscheidung Draghis +++

„Draghi hat die Dosis erhöht. Aber die Medizin wird nicht wirken“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Es steige dafür das Risiko, dass es in Deutschland am Immobilienmarkt zu Überhitzungen komme. Außerdem werde der Anreiz für Euro-Länder gesenkt, notwendige Reformen durchzusetzen.

+++ Wie nervös sind die obersten Währungshüter? +++

Mario Draghi hat es geschafft die Märkte zu überraschen. „Vor allem die Ausweitung des Kaufprogramms auf Unternehmensanleihen ist ein starkes Signal“, sagte Helaba-Analyst Ralf Umlauf. Das große Bündel an Maßnahmen zeuge allerdings von einer enormen Nervosität der obersten Währungshüter, kommentierte Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank.

Kommentare (18)

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Herr Kurt Siegel

10.03.2016, 15:37 Uhr

Draghi will mit aller Gewalt die Altersvorsorge der Bürger ruinieren; er hat später seine fürstliche Pension, aber der Normalbürger wird in die Armut getrieben und die Lebensversicherer in die Abwicklung.

Eine Schande ist das, hier sollte die Regierung endlich handeln, zum Schluss kollabiert der Staat, weil verarmte Bürger und mittellose Flüchtlinge die Leistungsfähigkeit des Staates überfordern.

Herr Heinz Keizer

10.03.2016, 15:43 Uhr

"Der Kampf gegen die Deflation werde weitergehen. "
Der Mann lügt oder er weiß nicht, von was er redet.

Account gelöscht!

10.03.2016, 15:43 Uhr

Ein Zins spiegelt den Wert einer Währung und damit den Zustand der Volkwirtschaft wieder. Somit ist die Wirtschaftleistung in den EURO Ländern auf Null gefallen. Europa schafft es nicht mehr einen wirtschafttlichen Mehrwert für seine Volkwirtschaften zu erwirtschaften. Die EU und der Euro Raum ist zu einen Lobbykartell der Finanzmafia verkommen die von korrupten Politikern ein Subventionsgeschenk nach dem anderen erhält. (EEG, ESM, Landwirtschaft usw.)
Subventionen, vor allen wenn diese Jahre lang gezahlt werden, drücken jedoch eines aus...die Unwirtschafltichkeit eines Produktes, einer Branche im weltweiten Wettbewerb.
Hinzu kommt dass andere Branche der Spitzenforschung und Hochtechnologie, die uns in Deutschland und Europa einen Wissen an Mehrwert bereithält....wie zb. die Kernkraft von jetzt auf gleich von einer politischen Willkür über einen Ethikrat ohne Fachwissen abgeschafft wird. Hochtechnologie wird somit in der Energiewirtschaft und in anderne Industriebranchen einfach aus dem Land verbannt. Siehe CO2 Hexenjagd auf die Deutsche Automobilindustrie oder auf die Chemie Industrie usw. usw.
Eine Negativ Zinspolitik ist eine Politik des Scheiterns und eine Ankündigung eines neuen Mangel und Armtuszeitalter in Europa.

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