Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.06.2013

09:50 Uhr

EZB-Ratssitzung

Wann kommt die Zinswende?

VonJan Mallien

Die EZB könnte bald von Banken, die Geld bei ihr parken, Strafgebühren verlangen. Damit hätte sie in der Zinspolitik alle Mittel ausgeschöpft. Doch bald könnte die Wende kommen, in den USA deutet sie sich schon an.

Die EZB hat bei den Zinsen nach unten nicht mehr viel Spielraum. Getty Images

Die EZB hat bei den Zinsen nach unten nicht mehr viel Spielraum.

DüsseldorfDie Euro-Krise könnte die EZB schon bald zu einer neuen Kuriosität verleiten. In den vergangenen Monaten hat ihr Chef, Mario Draghi, die Märkte bereits darauf vorbereitet. Der Plan geht so: Banken, die Geld bei der EZB parken, sollen eine Strafgebühr zahlen. Statt Zinsen für ihr Geld zu bekommen, müssten sie dann draufzahlen.

Negative Einlagezinsen wären ein Novum für eine große Volkswirtschaft - und damit ein Experiment. „Wir sind technisch darauf vorbereitet“, hatte Draghi den Journalisten auf der Pressekonferenz im Mai mit auf den Weg gegeben.

Es wäre das letzte Mittel, das dem EZB-Chef in der Zinspolitik noch bleibt. Während die Märkte bereits über eine Zinswende in den USA spekulieren, könnte die EZB noch einen letzten Schritt nach unten machen. Weiter runter ginge es dann aber nicht mehr. Die EZB kann Banken, die ihr Geld leihen, nicht unbegrenzt Strafgebühren abknüpfen. Denn irgendwann wird es für die Banken billiger, das Geld im eigenen Tresor zu belassen, statt es der EZB zu leihen.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Dass die EZB dennoch mit negativen Einlagezinsen liebäugelt, liegt an der schwache Konjunktur im Euroraum. Nach hoffnungsvollen Vorzeichen zu Jahresanfang sind die Stimmungsindikatoren im Jahresverlauf abgeschmiert. Inzwischen haben sie sich zwar wieder etwas gefangen, doch die Unsicherheit ist nach wie vor groß.

„Draghi hat negative Einlagezinsen ins Spiel gebracht. Es hängt jetzt von der Wirtschaftsentwicklung ab, ob es dazu kommt,“ sagt Michael Schubert, EZB-Experte bei der Commerzbank. Er erwartet, dass die EZB auf ihrer Sitzung an diesem Donnerstag noch abwarten wird. „Die jüngsten Daten vom Einkaufsmanagerindex waren positiv. Sollte sich die Konjunktur aber weiter abschwächen, dürfte der Einlagezins wohl negativ werden.“

Die EZB will mit negativen Einlagezinsen die Banken dazu animieren mehr Kredite zu vergeben. Wenn es die Banken etwas kostet, ihr Geld bei der EZB zu parken, verleihen sie es eher an Unternehmen und Privatkunden, so das Kalkül.

Kommentare (18)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Hagbard_Celine

06.06.2013, 10:02 Uhr

Sie ist schon da, die Umlaufrendite hat eine lupenreine Bodenbildung abgeschlossen.

ZinsSteigtAufNull

06.06.2013, 10:19 Uhr

Könnte, wäre denkbar, eventuell. Politik und Medien kommunizieren seit vier Jahren im Konjunktiv-Neusprech. Interessant dabei auch, dass man es schafft sich in einer Aussage selbst zu widersprechen: „Die jüngsten Daten vom Einkaufsmanagerindex waren positiv. Sollte sich die Konjunktur aber weiter abschwächen, dürfte der Einlagezins wohl negativ werden.“

Super. Nährwert des Artikels = 0. Danke Handelsblatt für derart qualifizierten Journalismus.

murmel68

06.06.2013, 10:20 Uhr

Liebe Handelsblattredaktion, überprüfen Sie doch bitte die Funktion der Mindestreserve im Eurosystem. Mit Einlagen- bzw. Institutssicherung hat das geldpolitische Instrument ja überhaupt nichts zu tun!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×