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04.09.2014

12:22 Uhr

EZB-Ratssitzung

Wie hält Draghi die Märkte bei Laune?

VonJan Mallien

Vor der heutigen EZB-Sitzung hat Mario Draghi hohe Erwartungen geweckt. Vieles deutet auf eine weitere Lockerung hin. Die Frage ist nur: Wie stark? In irgendeiner Form muss Draghi jetzt liefern – und sei es mit Worten.

Mario Draghi: Mit seiner Rede im amerikanischen Jackson Hole hat der EZB-Chef große Erwartungen geweckt. dpa

Mario Draghi: Mit seiner Rede im amerikanischen Jackson Hole hat der EZB-Chef große Erwartungen geweckt.

DüsseldorfEs war ein deutlicher Fingerzeig. Auf dem Notenbanker-Treffen im amerikanischen Jackson Hole sagte EZB-Chef Mario Draghi, er werde sich „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln“ gegen die Gefahr einer Deflation, also sinkender Preise, stemmen. Und damit nicht genug: Erstmals gab der Italiener offen zu, dass das Vertrauen in die Fähigkeit der EZB, den Euro langfristig stabil zu halten, Risse bekommen könnte.

Gleichzeitig rief Draghi die Euro-Länder offen zu mehr Flexibilität in der Haushaltspolitik auf. Sprich: Sie sollen mit mehr Schulden die Wirtschaft ankurbeln. Bislang hatte Draghi eher einen Sparkurs verfochten.

Doch die schwierige Ausgangslage hat ihn offenbar zu einem anderen Kurs bewogen. Laut ihrem Mandat ist die EZB einzig dem Ziel der Preisstabilität verpflichtet, das sie bei einer Inflation von nahe zwei Prozent gewährleistet sieht. Doch genau gegen dieses Ziel verstößt sie im Moment. Im August ist die Inflationsrate in der Eurozone auf 0,3 Prozent gefallen. Je weiter die Teuerung sinkt, desto größer ist das Risiko, dass die Wirtschaft in eine gefährliche Spirale aus fallenden Preisen, sinkenden Löhnen und abnehmenden Investitionen abrutscht.

Fünf Fragen – Vom ABS-Plan bis zu Anleihekäufen

Ist eine weitere Lockerung auf dem Weg?

Nachdem die EZB ein beispielloses Stützungspaket im Juni angekündigt hat, hatten die meisten Analysten erwartet, dass die Währungshüter sich bis Ende des Jahres mit neuen Maßnahmen zurückhalten. Aber die im zweiten Quartal ins Stocken geratene Wirtschaft, eine schwächere Inflation und die Krise in der Ukraine haben das Bild verändert.

Wird es Veränderungen bei den Langfristkrediten geben?

Die EZB könnte die Konditionen der gezielten Langfristkredite, das Kernstück ihres Pakets vom Juni, attraktiver machen, sagen Analysten. Eine Zinssenkung würde das nach den Worten Draghi bereits „sehr, sehr attraktive Angebot” noch interessanter machen. Die erste Runde der TLTRO-Tender findet diesen Monat statt.

Was passiert mit der Inflation?

Die EZB wird außerdem neue Konjunkturprognosen veröffentlichen. Sie erwartet derzeit, dass die Teuerung sich in den nächsten zweieinhalb Jahren allmählich beschleunigt und von 0,7 Prozent in diesem Jahr auf 1,1 Prozent 2015 und 1,5 Prozent im letzten Quartal 2016 steigen wird.

Kommt eine quantitative Lockerung?

Nach der Jackson-Hole-Rede von Draghi sagten Analysten von Berenberg bis JPMorgan Chase & Co., dass die Wahrscheinlichkeit für großvolumige Anleihekäufe zugenommen habe. Draghi hatte zusicherte, dass der Rat „alle verfügbaren Instrumente nutzen wird, um mittelfristig die Preisstabilität zu gewährleisten”. Die meisten Analysten sind der Meinung, dass ein QE, sofern es geschehen sollte, 2015 kommen werde.

Was hat Draghi den Staats- und Regierungschef gesagt?

Der EZB-Präsident hat sich in den vergangenen Wochen mit dem französischen Staatspräsidenten Francois Hollande und dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi getroffen sowie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert. In Jackson Hole sagte Draghi, dass die Fiskalpolitik der Regierungen neben Geldpolitik und Strukturreformen „eine größere Rolle” bei der Unterstützung des Wachstums im Euroraum spielen könnte.

Besonders beunruhigend ist die Tatsache, dass sich auch die Inflationserwartungen seit Wochen im freien Fall befinden. Das könnte eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale in Gang setzen, wenn diese Erwartungen in die Lohnverhandlungen einfließen. Deshalb steht die EZB unter Zugzwang. Sie muss handlungsfähig bleiben, doch ihre klassischen Instrumente hat sie weitgehend ausgeschöpft. Der Leitzins im Euroraum liegt auf dem Rekordtief von 0,15 Prozent und die Einlagenzinsen für Banken sind sogar negativ. Deshalb bleiben nur unkonventionelle Mittel.

Mit seiner Rede in Jackson Hole hat Draghi bereits einiges erreicht. Er hat die Erwartung geschürt, dass die EZB noch mehr machen könnte. Das hat einerseits den Euro-Kurs gedrückt, andererseits auch die Zinsen für Staatsanleihen der Euro-Länder.

Allerdings könnte sich dies auch schnell wieder umkehren, wenn Draghi nun die Erwartungen enttäuscht. Der EZB-Chef muss in irgendeiner Form die Märkte bei Laune halten. Die meisten Ökonomen erwarten deshalb, dass er ein Programm zum Aufkauf von Kreditverbriefungen (Asset Backed Securities, kurz: ABS) verkündet. Dabei geht es um Wertpapiere, die verschiedene Kredite bündeln.

Der Vorteil von Kreditverbriefungen ist: Sie machen die Forderungen zu einem Marktpreis handelbar und diversifizieren das Ausfallrisiko. Ihr Nachteil: Risiken sind dadurch schwerer zu durchschauen.

Kommentare (4)

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Herr Jürgen Dannenberg

04.09.2014, 12:50 Uhr

"irgendeiner Form muss Draghi jetzt liefern"
Das macht er doch schon lange, der Gute, und zwar vorwiegend mir dem Geld der deutschen Sparen. Möge Ihm meine Flüche begleiten, auch wenn es ihm und den Cub Med Staaten nicht die Bohne juckt.

Herr Helmut Metz

04.09.2014, 13:07 Uhr

Draghis totales Scheitern ist bereits vorprogrammiert. Und je länger das Scheitern hinausgezögert wird, umso zerstörerischer werden die Konsequenzen sein. Wieso?
> "Inflation ist immer und überall ein MONETÄRES Phänomen." (Milton Friedman)
Inflation ist daher auch - korrekterweise - die Ausweitung der (ungedeckten) Geldmenge. Teuerung, sei es nun Teuerung bei den Verbraucherpreisen oder Teuerung bei den Vermögenswerten ("Asset-Inflation"), ist lediglich die Folge davon.
> Deflation (= Kontraktion der Geldmenge) ist dagegen immer ein STRUKTURELLES Phänomen.

Und ein STRUKTURELLES Phänomen kann man nicht mit MONETÄREN Maßnahmen bekämpfen, sondern nur noch verschlimmern:

"Sogar dann, wenn sinkende Preise eher das Ergebnis einer monetären Kontraktion als das einer wachsenden Produktion sind, wird die Situation umso schlimmer und eine echte Depression umso gewisser, je weniger man die Preise sinken läßt und statt dessen geld-, zins- und fiskalpolitisch "gegensteuert". Fallende Preise, die tatsächlich auf deflatorischen Ursachen beruhen, tragen nämlich zu einer alsbaldigen Erholung bei."(Roland Baader: Geld, Gold und Gottspieler, S.177)
Verhindert man also immer länger die Bereinigungskrise und versucht immer weiter, den Brand mit Feuer zu löschen, so kann man dadurch nicht die Gesetze der Ökonomie aushebeln. Die (ultimative) Folge dieses verheerenden Handelns hatte bereits Ludwig von Mises auf den Punkt gebracht:
"Es gibt keine Möglichkeit, den finalen Zusammenbruch eines Booms zu verhindern, der durch Kreditexpansion erzeugt worden ist. Die einzige Alternative lautet: Entweder die Krise entsteht früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion - oder sie entsteht später als finale und totale Katastrophe für das betreffende Währungssystem."
Die Autoren Weik und Friedrich haben daher auch mit dem Titel ihres neuen Buches absolut Recht.

Herr Kurt Siegel

04.09.2014, 13:17 Uhr

Draghi spielt mit dem mühsam Ersparten für die Altersvorsorge einer breiten Bevölkerungsschicht indem die toten Südstaaten am Leben erhalten werden.

Man sieht sich im Leben immer zweimal und es bleibt zu hoffen, dass die Eurokritiker zeitnah noch mehr massiven Zulauf erhalten.

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