Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.06.2013

13:45 Uhr

EZB-Ratssitzung

„Wir können weitere Mittel aus der Schublade ziehen“

VonJan Mallien

Die EZB senkt ihre Wachstumsprognose, hält aber den Leitzins stabil. Mario Draghi betont, dass die Notenbank zu weiteren Aktionen bereit sei. Auch zur Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht äußerte er sich.

EZB-Chef Mario Draghi hält sich geldpolitisch alle Optionen offen. dpa

EZB-Chef Mario Draghi hält sich geldpolitisch alle Optionen offen.

FrankfurtDie Europäische Zentralbank (EZB) lässt den Leitzins im Euroraum auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent. Das beschloss der EZB-Rat nach Angaben der Notenbank am Donnerstag in Frankfurt. Nach der Zinssenkung im Mai und angesichts zuletzt überraschend guter Stimmungsdaten aus vielen Unternehmen der Eurozone hatten die meisten Volkswirte weder eine weitere Senkung des Leitzinses noch zusätzliche Stützungsmaßnahmen erwartet.

EZB-Chef Draghi betonte jedoch: „Wir können jederzeit unkonventionelle Maßnahmen aus der Schublade ziehen.“ Der Rat habe ausführlich darüber diskutiert. Derzeit rechtfertige die Entwicklung aber keine weiteren Aktionen.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Die EZB korrigierte ihre ohnehin schon pessimistische Konjunkturprognose für die Euro-Zone noch einmal nach unten. Das Bruttoinlandsprodukt werde dieses Jahr voraussichtlich um 0,6 Prozent schrumpfen, hieß es in den Projektionen. Im März hatte sie noch mit einem Rückgang von 0,5 Prozent gerechnet. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet nur mit minus 0,3 Prozent. "Wir erwarten eine schrittweise Belebung im Laufe des Jahres", sagte EZB-Präsident Mario Draghi in Frankfurt. Das Tempo der Konjunkturerholung werde aber gedämpft ausfallen. 2014 soll es dann ein Wachstum von 1,1 (bislang: 1,0) Prozent geben.

Auf der Ratssitzung habe man verschiedene Aktionen diskutiert, um die Kreditvergabe an kleine- und mittelständische Unternehmen zu stützen, sagte Draghi. Er nannte beispielsweise die Möglichkeit, mittelständische Kredite zu verbriefen. Außerdem sei bereits beim letzten Mal über die Möglichkeit eines negativen Einlagezinses diskutiert worden. Dabei geht es darum, dass die EZB von Banken, die Geld bei ihr parken, Strafgebühren verlangen könnte. Draghi stellte klar: "Wir sind technisch zu negativen Einlagezinsen bereit."

Kommentare (29)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

honolulu23

06.06.2013, 15:06 Uhr

Der allergisch-rhetorische Chamäleonblick...

Schaf

06.06.2013, 16:15 Uhr

Und weiter wird wertloses "Geld" bereitgestellt ....
Und landet in den Aktienmärkten und bildet vielerorts weitere Blasen....
Das gipfelt nun sehr bald in einem gewollten, generierten Crash....
Nur in einer Krise lassen sich Dinge durchsetzen, wozu die Menschen normalerweise nicht mitmachen würden....
Aber so, kein Problem. Die Schäflein schlafen weiter....

Account gelöscht!

06.06.2013, 16:27 Uhr

Betrag: 607.865.706.546,45 Euro (Stand: 30. April 2013)

Und alle schönen Worte nützen nichts: Griechenland ist im Währungssystem nicht zu halten.
Und es fehtl immer noch die Erklärung, wie es zum Einfrieren von Beträgen in Höhe von 5,2 Mrd. Euro in einem Einzelfall kommen konnte.

http://www.nzz.ch/aktuell/newsticker/zypern-friert-milliarden-vermoegen-frueherer-manager-ein-1.18090972

Frage: Erschienen die oben genannten 5,2 Mrd. € auch in den Target2-Salden?

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×