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06.03.2014

12:09 Uhr

EZB-Ratssitzung

Wo bleibt die Inflation?

VonJan Mallien

Mario Draghi stellt die Inflationsprognose der EZB vor. Inzwischen sind die Warnungen mancher Experten vor einer Hyperinflation verstummt. Die größere Gefahr sind fallende Preise. Sie könnten Draghi zum Handeln zwingen.

Ein Junge spielt mit wertlosen Geldscheinen: Das Trauma der Hyperinflation von 1923 sitzt bei den Deutschen tief. Getty Images

Ein Junge spielt mit wertlosen Geldscheinen: Das Trauma der Hyperinflation von 1923 sitzt bei den Deutschen tief.

DüsseldorfKnapp drei Jahre ist es her, da titelte die Wirtschaftswoche: „Axel Weber geht, die Inflation kommt.“ Zum damaligen Zeitpunkt hatte Axel Weber gerade seinen Rücktritt als Bundesbank-Chef erklärt. Die Story lässt sich knapp zusammenfassen: Webers Rücktritt sei das Signal für eine Neuausrichtung der europäischen Geldpolitik  –  nun drohe mehr Inflation. Nicht wenige Ökonomen vertraten diese These. Sie stützten sich zum Beispiel auf die anschwellende Bilanzsumme der Europäischen Zentralbank (EZB). Auf dem Höhepunkt der Krise im Sommer 2012 war diese auf immerhin 3,1 Billionen Euro gestiegen. Oder auf die Anleihekäufe der EZB.

Inzwischen ist klar: Die große Inflation bleibt aus. „Es wird auf absehbare Zeit in der Euro-Zone keine hohe Inflation geben“, sagt Christian Schulz, Ökonom von der Berenberg Bank. Wenn überhaupt, besteht die Gefahr sinkender Preise. Das hat verschiedene Gründe. Aber der Reihe nach.

Am heutigen Donnerstag hat die EZB beschlossen, den Leitzins unverändert bei 0,25 Prozent zu belassen. Auf seiner Pressekonferenz um 14.30 Uhr wird Mario Draghi die Inflationsprognose der EZB bis 2016 vorstellen. Bislang rechnet die Notenbank für 2014 mit einer Kerninflation von 1,3 Prozent. Damit ist der um besonders schwankungsanfällige Güter wie Energie bereinigte Preisanstieg gemeint. Doch zwischen Prognose und Realität klafft eine Lücke: Im Februar stieg die Kerninflation zwar von 0,8 auf 1,0 Prozent – damit liegt sie aber immer noch deutlich unter dem von der EZB prognostizierten Wert. „Trotz des überraschenden Anstiegs wird die EZB wohl gezwungen sein, ihre Inflationsprojektionen für 2014 und 2015 am Donnerstag zu reduzieren“, erwartet Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Auch wenn am Zins nicht gedreht wird, könnte die Revision der Prognose eine weitere Lockerung der Geldpolitik nach sich ziehen. Schließlich würde damit das Inflationsziel der EZB von unter, aber nahe zwei Prozent in noch weitere Ferne rücken. Nach der vergangenen EZB-Sitzung hatte Draghi betont, er wolle vor weiteren Schritten zunächst die Inflationsprognose abwarten. „Die prominente Erwähnung der Inflationsprognose durch Draghi hat die Erwartung geweckt, dass die EZB aktiv werden könnte“, sagt Berenberg-Ökonom Schulz. Inzwischen sei dies aber unwahrscheinlich geworden. Die neuen Daten zu Inflation und Konjunktur hätten den Druck deutlich gemindert.

Nicht nur die Kerninflation im Februar ist gestiegen. Auch die Einkaufsmanagerindizes für die Euro-Zone und der Ifo-Index über die Stimmung der deutschen Unternehmen fielen überraschend positiv aus. Ganz ausschließen will aber auch Schulz eine weitere geldpolitische Lockerung nicht. „Denkbar wäre, dass die EZB den Vorschlag der Bundesbank aufgreift und auf die geldpolitische Neutralisierung der Anleihekäufe verzichtet“, sagt er.

Kommentare (27)

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06.03.2014, 12:37 Uhr

"Inzwischen ist klar: Die große Inflation bleibt aus. „Es wird auf absehbare Zeit in der Euro-Zone keine hohe Inflation geben“, sagt Christian Schulz, Ökonom von der Berenberg Bank."

Das sind die typischen Eiluller des Finanzbetrugssystem welches von exzessiver realwirtschaftlich nicht gedecketr Kreditausweitung leben und die langfristig nicht bedienbaren Kredite dann der Allgemeinheit in Form von ToBigToFail vor die Füsse kippen. Die Inflation ist längst da, nämlich in Form inflationär ansteigender Kreditverschlechterung. Die führt zu Abschreibungs-/Defaltionsdruck. Zusammen mit den an den eigentlichen Ursachen völlig vorbei gehenden, „Gegenmaßnahmen“ der Zentralbanken alle Probleme mit Liquidität zuzuschei..en braut sich mit einer Deflations-Infaltionsspirale der perfekte Sturm zusammen. Am Ende für unsere dumpfbackigen „Experten“ und „Ökonomen“ natürlich völlig überraschend.

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06.03.2014, 12:39 Uhr

Inflation, inflare... Aufblähen der Geldmenge. Die Inflation ist schon längst da, Herr Mallien. Schon mit dem zusätzlichen Druck von Geld. Nur weil Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts der Begriff "Inflation" umdefiniert wurde, und seitdem nur noch den Preisanstieg des Warenkorbs umfaßt (der im übrigen hedonisch berechnet wird...), kann die "offizielle Inflationsrate" zur Kenntnis nehmen. Die Inflation gibt's längst: Asset-inflation an der Börse, Immobilienmarkt, Automobile, Energie... Sie, Herr Mallien, bereiten aber für das "politische Projekt" den weiteren illegalen Eingriff der EZB vor - es ist nichts Anderes als eine Planwirtschaft, hier der Finanzen. Über Manipulation von Zinssätzen, finanzieller Repression, etc. So sieht der Geldsozialismus aus. Willkommen in der EUSSR!

Die FED macht nichts Anderes. Oder die BoJ. Oder die BoE. Und das soll gut gehen? So wird Wohlstand geschaffen?
Zum Glück kann man sich woanders informieren als in der Handelsprawda. Die wird nur noch gebraucht, um zu sehen, was der Mainstream denken soll. So funktioniert Propaganda.

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06.03.2014, 12:46 Uhr

Warum sollten wir Endverbraucher eine Inflation herbeisehnen? Bestimmte Produkte werden doch ohnehin teurer (Lebensmittel, Energie (auch verursacht durch katastrophale Polit-Managementfehler - vielen Dank Ihr Hornochsen in Berlin, dass Ihr unsere Zukunftsmärkte Solar- und Windkraftenergie durch Euer Treiben vernichtet habt!) und Weitere.
Gleichzeitig gibt es Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau, die offiziellen Zahlen von rund 3 Mio. Arbeitslosen müssten bereinigt um die Statistikfälschungen der letzten 20 Jahre bei 7 Mio. liegen.
Damit der „kleine Mann“ ja nicht noch Ersparnisse anhäuft und eine Altersvorsorge treffen kann, gibt´s „als Geschenk“ des Staates die 0%-Zinsertragsoption.
Arbeitsverdichtung durch kongeniale Unternehmens-/Personalchefs, die die Arbeit bei Ausscheiden von Mitarbeitern nur noch „verteilen“.
Alles in Allem beste Voraussetzungen, um D zu verlassen oder von der Köhlbrandbrücke zu springen.

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