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10.03.2016

16:24 Uhr

EZB senkt Leitzins auf null

Draghi schickt die Märkte auf Achterbahnfahrt

Die EZB hat entschieden, den Leitzins auf null zu senken und das Anleihen-Kaufprogramm auszuweiten. Das Bündel der drastischen Maßnahmen sorgte für ein Auf und Ab an den Aktienmärkten.

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FrankfurtIm Kampf gegen die chronische Wachstumsschwäche und die Mini-Inflation im Euro-Raum greift die EZB zu drastischen Maßnahmen:

  • Der Leitzins sinkt von 0,05 Prozent auf 0,00 Prozent.
  • Außerdem stocken die Währungshüter ab April ihre vor allem in Deutschland umstrittenen Anleihenkäufe von monatlich 60 auf 80 Milliarden Euro auf. Auch Unternehmensanleihen werden künftig aufgekauft. Insgesamt erhöht sich damit der Umfang des Programms auf 1,74 Billionen Euro.
  • Banken müssen zudem künftig einen höheren Strafzins zahlen, wenn sie über Nacht Geld bei der Notenbank parken. Als Ausgleich winken ihnen besonders günstige längerfristige Kreditlinien.

Die Beschlüsse lösten an den Börsen heftige Reaktionen aus: Der Euro verbilligte sich zeitweise um mehr als einen US-Cent auf 1,0836 Dollar. Anschließend stieg er aber wieder über die Marke von 1,10 Dollar. Der Dax kletterte zeitweise um bis zu 2,7 Prozent auf ein Zweimonatshoch von 9989 Punkten, gab danach aber einen Teil der Gewinne wieder ab und rutschte sogar wieder deutlich ins Minus. Nach nur 90 Handelsminuten hatten die Indizes das Pulver weitgehend verschossen und bewegten sich wieder auf dem Niveau vor der Bekanntgabe.

Beschlüsse der EZB am 10. März 2016

Niedrigerer Leitzins

Die EZB senkt den Leitzins von 0,05 auf 0,00 Prozent. Der Schritt selbst hat wenig direkte Auswirkungen. Hierbei geht es vor allem um das damit verbundene Signal, dass die EZB entschlossen handelt.

Höherer Strafzins

Die EZB senkt den Einlagenzins im Euro-Raum von minus 0,3 auf 0,4 Prozent. Das heißt: Banken, die über Nacht Geld bei der EZB parken, zahlen dafür eine noch höhere Strafe. Damit will die Notenbank die Geldhäuser dazu animieren, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei ihr zu horten. Je höher die Strafe, desto stärker der Anreiz, so das Kalkül. Allerdings belastet dies den labilen Bankensektor. Deshalb war im Vorfeld der Ratssitzung auch über eine Staffelung des Einlagezinses diskutiert worden, ähnlich wie in der Schweiz. Dabei würde der negative Einlagenzins erst dann greifen, wenn die bei der Notenbank geparkte Liquidität einer Bank eine bestimmte Obergrenze überschreitet.
Draghi hat sich aber gegen ein solches Modfell entschieden. Dies sei in einer Währungsunion mit sehr unterschiedlichen Banken nur schwer umzusetzen, sagte er.

Mehr Anleihenkäufe

Die EZB weitet das Volumen ihrer monatlichen Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro aus. Dadurch erhöht sich Gesamtvolumen bis März 2017 um 240 Milliarden auf 1,74 Billionen Euro. Anleihekäufe seien ein Signal, das der Markt versteht, hatte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding im Vorfeld gesagt.

Dieser Schritt galt aber als durchaus umstritten. Für die Deutsche Bundesbank, die eine weitere Lockerung der Geldpolitik kritisch sieht, ist diese Pille schwerer zu schlucken, als die Senkung des Einlagenzinses. Draghi sagte jedoch, der EZB-Rat habe die Maßnahmen mit einer „überwältigenden Mehrheit“ beschlossen. Durch das höhere Volumen stößt die EZB bei ihren Käufen schneller an Grenzen: Ihren selbst auferlegten Regeln zufolge darf sie keine Bonds kaufen, deren Zinsen unter dem Einlagesatz liegen (jetzt minus 0,4 Prozent). Und sie darf auch nicht mehr als 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes erwerben.

Bei Anleihen von internationalen Organisationen oder Entwicklungsbanken wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) weitet sie dieses Limit nun auf 50 Prozent der ausstehenden Anleihen aus.

Firmenanleihen

Um Knappheit zu verhindern, weitet die EZB außerdem die Auswahl der von ihr gekauften Anleihen aus. Im Dezember hat sie das Sortiment bereits um Anleihen von Regionen und Kommunen im Euro-Raum erweitert. Nun kauft sie außerdem auch von in Euro notierenden Unternehmensanleihen mit gutem Rating (Investment Grade).

Kredite zum Traumtarif

Die EZB weitet ihr Programm aus, mit dem sie Banken zu sehr günstigen Konditionen langfristig Geld leiht, wenn sie mehr Kredite vergeben. Ab Juni sollen vier spezielle Kreditlinien – im Fachjargon TLTRO II genannt – für die Finanzinstitute mit einer Laufzeit von vier Jahren aufgelegt werden. Die Kosten orientierten sich am Einlagenzins, den die EZB jetzt auf minus 0,4 Prozent gesenkt hat. Banken können also Geld damit verdienen, sich Geld zu leihen.

Bereits seit 2014 bieten die Währungshüter gezielte Geldspritzen an. Sie sollen Geschäftsbanken dazu bewegen, mehr Kredite an Firmen zu vergeben. Allerdings brauchen viele Banken gar nicht mehr Liquidität. Dies hilft deshalb wohl lediglich einigen angeschlagenen Instituten.

„Mit dem heutigen umfassenden Paket geldpolitischer Entscheidungen liefern wir erhebliche Anreize, um den erhöhten Risiken für das EZB-Preisstabilitätsziel entgegenzuwirken“, erklärte Draghi.

„Die Zinsen werden für eine sehr lange Zeit niedrig bleiben.“ Die Währungshüter streben eine Inflationsrate von knapp zwei Prozent an, was sie als ideal für die Wirtschaft erachten. Davon sind sie aber momentan sehr weit entfernt. Im Februar waren die Preise im Währungsraum wegen des Ölpreisverfalls sogar um 0,2 Prozent gesunken.

EZB-Ratssitzung – Live-Blog: „Wir haben gute Erfahrungen mit negativen Zinsen“

EZB-Ratssitzung – Live-Blog

„Wir haben gute Erfahrungen mit negativen Zinsen“

Die EZB hat entschieden den Leitzins auf Null zu senken und das Anleihen-Kaufprogramm auszuweiten. Doch Mario Draghi sieht derzeit keine Gründe dafür den Zins in Zukunft weiter zu senken. Das Liveblog zum Nachlesen.

„Wegen der Ölpreisentwicklung sind sehr niedrige oder sogar negative Inflationsraten in den kommenden Monaten unvermeidlich“, räumte Draghi ein. Die Verbraucherpreise werden nach den neuen Prognosen der EZB-Experten in diesem Jahr voraussichtlich nur um durchschnittlich 0,1 Prozent steigen. Noch im Dezember waren sie von 1,0 Prozent ausgegangen. Auf breiter Front fallende Preise gelten als gefährlich, weil sich Konsumenten dann zurückgehalten - in der Erwartung, Produkte bald noch günstiger zu bekommen. Unternehmen verdienen dann weniger und schieben Investitionen auf. So entsteht eine Abwärtsspirale.

Geschäftsbanken müssen künftig mit einem negativen Einlagensatz von 0,4 Prozent zurechtkommen. Zuvor lag dieser bei minus 0,3 Prozent. Die Institute müssen nun also eine höhere Strafe zahlen, wenn sie Geld bei der EZB horten. Damit will die Notenbank die Kreditvergabe ankurbeln, die zuletzt kaum in Schwung kam.

Mit negativen Auswirkungen für die Geldhäuser durch die schärferen Strafzinsen rechnet Draghi nicht. Er kündigte zudem an, dass die EZB vier längerfristige, besonders günstige Kreditlinien für die Banken auflegen wird. Diese sogenannten TLTRO-Geschäfte haben eine Laufzeit von vier Jahren. Sie sollen im Juni 2016 starten.

Kommentare (33)

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Herr C. Falk

10.03.2016, 16:48 Uhr

Draghi versucht einerseits unter anderem mit seiner Politik die Institute dahin zu bringen mehr Kredite zu vergeben und sie davon abzuhalten Geld bei der EZB zu parken.

Der absurde Effekt besteht darin, wie Dirk Müller sehr richt sagt, dass die Institute die Kredizinsen erhöhen, damit die für sie entstehenden Kosten des Parkens und die entstehenden Kreditrisiken ausgeglichen werden.

Das ist Absurdistan vom Feinsten.

Herr Tom Schmidt

10.03.2016, 16:51 Uhr

Wie lächerlich macht sich Draghi eigentlich noch? Jetzt hat er lange angekündigt, was er vor hat... die schlechten Nachrichten sind da, aber nach ein paar Stunden steigt der Euro deutlich. Der Aktienmarkt dreht nach ein paar Stunden ins Minus, all die Maßnahmen helfen also ab jetzt ca. 3 h Stunden lang! Es wird Zeit, dass er seinen Hut nimmt!

Herr Chris Woodley

10.03.2016, 16:54 Uhr

Bei 11.000 Punkten geh ich Short ;)

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