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03.04.2014

06:18 Uhr

EZB-Sitzung

Die unheimliche Stärke des Euro

VonJan Mallien

Der Euro steigt und steigt – seit Ende 2012 hat er gut 15 Prozent zum Dollar aufgewertet. Für die EZB kommt das zur Unzeit. Der starke Euro schwächt die Wirtschaft und weckt Deflationsangst. Das setzt Draghi unter Druck.

Der starke Euro wird zur Last für die Wirtschaft im Euroraum und zum Problem für die EZB. Getty Images

Der starke Euro wird zur Last für die Wirtschaft im Euroraum und zum Problem für die EZB.

DüsseldorfSogar Jens Weidmann sah sich zu einer Stellungnahme genötigt. Wenn der Euro so stark steige, dass er die Inflation spürbar beeinflusse, würde er einer weiteren Zinssenkung den Vorzug gegenüber anderen unkonventionellen Maßnahmen geben, sagte der Bundesbank-Chef vor einer Woche im Gespräch mit Market News.

Dies sind ungewöhnliche Töne vom stärksten geldpolitischen Hardliner im EZB-Rat. Das Wort Zinssenkung geht Jens Weidmann nicht alle Tage über die Lippen. Fast hätte man meinen können, er sei allergisch dagegen. Der Grund für die ungewöhnlichen Worte ist der Höhenflug des Euro. Seit Ende 2012 hat die europäische Gemeinschaftswährung gegenüber dem US-Dollar etwa 15 Prozent an Wert gewonnen. Die Euro-Aufwertung kommt für die EZB zur Unzeit. Sie macht Importe billiger und drückt damit das Preisniveau.

Starker Euro - Wie Firmen damit umgehen

Wie entstehen Währungseffekte?

Wenn sich der Wechselkurs einer Währung zu einer anderen verändert, kann sich das in den Bilanzen von Firmen niederschlagen, die in dem anderen Währungsraum Umsatz machen: Steigt beispielsweise der Kurs des Euro zum US-Dollar innerhalb eines Jahres, sind die Umsätze in Dollar weniger Euro wert als vielleicht ursprünglich eingeplant.

Ist die aktuelle Situation besonders ungewöhnlich?

Der Euro hat im Vergleich zum Dollar in den letzten anderthalb Jahren an Wert gewonnen, sagt Wolfgang Breuer, Finanzwissenschaftler an der RWTH Aachen: „Aber der Anstieg war nicht ungewöhnlich stark, und auch absolut ist der aktuelle Wechselkurs nicht ungewöhnlich: Er war in den letzten Jahren immer wieder einmal auf der aktuellen Höhe, und zum Teil auch deutlich darüber.“ Aktuell befinde sich der Wechselkurs auf einem Level wie schon vor zehn Jahren.

Lässt sich das dann nicht ausgleichen?

Bei global aufgestellten Firmen passiert das sogar automatisch. Siemens beispielsweise produziert an vielen Standorten weltweit. Wenn dort Geld in einer Währung eingenommen wird, kann das auch direkt vor Ort wieder für Löhne, Material oder die laufende Produktion ausgegeben werden. Das sogenannte Währungsrisiko wird minimiert. „Natural Hedge“ (dt.: natürliche Absicherung) nennt man diesen Mechanismus.

Müssen sich weltweit tätige Firmen dann überhaupt absichern?

Das kommt auf das Geschäftsmodell an: Vor allem exportorientierte Firmen aus dem Maschinenbau, der Automobil- oder der Chemie- und Elektroindustrie, die ihre Produkte im Ausland verkaufen, leiden unter Währungsschwankungen. Die Deutsche Telekom sichert sich einem Sprecher zufolge überhaupt nicht gegen Währungsrisiken ab.

Was kann abgesichert werden, was nicht?

Erwartbare Zahlungsströme wie zum Beispiel die Bezahlung eines Projekts zu einem vereinbarten Liefertermin können abgesichert werden. Schwierig wird es, wenn eine Firma ihre Auslandsumsätze noch nicht kennt, sagt Breuer. Wenn zum Beispiel Ausschreibungen noch gewonnen werden müssen oder die Umsätze stark schwanken. Zudem sind Absicherungen immer nur kurzfristige Lösungen. Der Handelsriese Metro sichert deshalb nur Wechselkurseffekte ab, die im Zusammenhang mit Kosten und Investitionen auf Euro-Basis in den jeweiligen Ländern entstehen, erklärt eine Sprecherin.

Wie können solche Mechanismen aussehen?

Das gängigste Instrument sind Termingeschäfte, sagt Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt. Wenn klar ist, wann etwas in einer bestimmten Währung bezahlt wird, kann ein Unternehmen mit seiner Bank für diesen Termin den Tausch der Währung zu einem bestimmten Wechselkurs vereinbaren.

Bis zu welchem Ausmaß können sich die Firmen absichern?

Daimler gab bei der Bilanzpressekonferenz im Februar an, zwei Drittel seiner Währungsrisiken für 2014 und ein Drittel der Effekte für 2015 abgesichert zu haben. Siemens profitiert nach Angaben eines Sprechers größtenteils vom „natural hedge“. Dass Firmen trotzdem unter Wechselkursschwankungen leiden, liegt an nicht planbaren Umsätzen. Und die Absicherung kostet natürlich. Entsprechend müssen die Firmen abwägen, ob die Währungstransaktionen sich lohnen.

Werden Exporteure dann 2014 von Währungseffekten profitieren?

Das ist noch nicht klar. Große Konzerne rechnen für das laufende Jahr noch einmal mit negativen Effekten: SAP gab erst jüngst bekannt, dass Produktumsätze und Betriebsergebnis um rund vier beziehungsweise fünf Prozentpunkte durch Währungseffekte belastet werden. Auch Daimler rechnet mit einer weiteren Abwertung bei Dollar und Yen.

Dabei steigen die Preise ohnehin schon viel langsamer als von der EZB vorgesehen. Ihr langfristiger Zielwert für die Inflation liegt bei knapp zwei Prozent. Im März fiel die Inflationsrate jedoch auf 0,5 Prozent. Nach Schätzung der EZB drückt eine Euro-Aufwertung um zehn Prozent die Inflation langfristig um 0,5 Prozentpunkte. Je mehr sich die Preiseentwicklung der Nullmarke nähert, desto größer die Gefahr, in einen Teufelskreis zu geraten. Die Erfahrung aus Japan zeigt: Wenn erst mal die Unternehmen und Haushalte mit sinkenden Preisen rechnen, lässt sich eine Spirale aus Preisrückgängen und einer Rezession nur schwer stoppen.

Doch nicht nur die dämpfende Wirkung des starken Euro auf die Preise ist ein Problem. Auch für die Wirtschaft im Euroraum ist ein hoher Euro-Kurs Gift. Er verteuert die Exportprodukte aus den Euro-Ländern und erschwert damit die Anpassung für die südeuropäischen Länder.

Kommentare (35)

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03.04.2014, 08:15 Uhr


Mir stellt sich nur eine Frage: wie ist es um Amerika und seiner schwachen Währung wirklich bestellt.
Euroland als Hort der Stabilität hinzu stellen, geht Richtung Blasphemie. Vermutlich kippt der Euro zu erst.

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03.04.2014, 08:34 Uhr

Unheimlich sind mir nur die Verfasser solcher Artikel. Denn vor ein paar Jahren, als es mal die Eurokrise gab, anlässlich der immer über den schwachen Euro geschrieben wurde, war dieser auch nicht viel (wenn überhaupt) schwächer als jetzt (bleiben wir beim EUR/USD Verhältnis). Jetzt auf einmal ist er bei gleichen Werten stark. Wirklich unheimlich. Wenn man sich EUR/USD auf 10-Jahres Basis anschaut, muss man feststellen, das der EUR sehr stabil ist. Ausschläge im Zeitverlauf nach oben und unten sind ja normal und daher zu erwarten. Es sei denn, man ist SNB und setzt einen willkürlichen Wechselkurs zu einer bestimmten Vergleichswährung künstlich fest.

Account gelöscht!

03.04.2014, 08:38 Uhr

Die "Stärke" des Euro ist wirklich unheimlich....
Habe schon gelacht am frühen Morgen - Danke Handelsblatt !

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