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05.12.2013

09:27 Uhr

EZB-Sitzung

Draghis bittere Pillen

VonJan Mallien

Die Kreditklemme in der Eurozone setzt die EZB unter Druck. Als Gegenmittel hält sie sich einen negativen Einlagenzins offen. Leidtragende wären die Sparer – sie könnten drauf zahlen, wenn sie ihr Geld zur Bank bringen.

Ein negativer Einlagenzins ist eine Pille mit Risiken und Nebenwirkungen. Getty Images

Ein negativer Einlagenzins ist eine Pille mit Risiken und Nebenwirkungen.

DüsseldorfEs war nur ein knapper Satz, aber er ließ Sparer zittern: „Wenn die Zinsen weiter fallen, müssen wir für Guthaben Gebühren verlangen.“ Ausgesprochen haben diese Warnung zwei Manager führender US-Banken kürzlich in der britischen Finanzzeitung Financial Times.

Noch konkreter als in den USA könnte das Thema allerdings in der Eurozone werden. Hier gibt es in mehreren südeuropäischen Ländern eine Kreditklemme. Spanien und Italien etwa stecken in einem Teufelskreis fest. Der wirtschaftliche Niedergang hat dort dazu geführt, dass die Banken extrem vorsichtig mit der Kreditvergabe sind. Die Banken haben Angst vor Ausfallrisiken und halten sich zurück, wodurch sie die Wirtschaft noch weiter schwächen. Auf der heutigen Sitzung wird der EZB-Rat deshalb erneut auch über die Option eines negativen Einlagenzinses sprechen.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Gemeint ist: Die EZB könnte Banken, die Geld bei ihr parken, eine Strafgebühr abknüpfen. Dadurch, so die Hoffnung, hätten die Banken einen stärkeren Anreiz zur Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte. Wenn das funktioniert, wäre das gut für die Wirtschaft – aber schlecht für die Sparer. Letztere müssten die Rechnung zahlen, wenn die Banken die Kosten durchreichen.

Doch ob die Theorie aufgeht, ist unklar. Praktische Erfahrungen gibt es kaum. Bisher hat sich kein großes Industrieland getraut, einen negativen Einlagenzins  für die Banken einzuführen. Erfahrungen gibt es nur aus Dänemark und der Schweiz – und die sind eher durchwachsen.

Kommentare (38)

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Account gelöscht!

05.12.2013, 09:42 Uhr

Negativer Einlagezins = Bankrun?

Harald

05.12.2013, 09:46 Uhr

Ich frag mich schon seit Monaten wieso die Sparer nicht langsam anfangen ihr Geld von den Banken abzuziehen! Kann man so dumm sein nicht zu erkennen, was da am Ende passieren wird? Die Sparer sollen demnächst bezahlen weil sie auf der Bank ein Guthaben haben? Wer auch nur ein wenig denken kann erkennt was da gespielt wird und irgendwie verstehe ich nicht was mit den Menschen los ist! Dieses Verhalten hat wirklich etwas mit Schafen zu tun!

X-Ray

05.12.2013, 09:53 Uhr

Bei Betrachtung der Realverzinsung (nach Inflation) dürften heute schon viele Sparer draufzahlen. Gerade Kleinsparer trifft dies schon, aber auch mittelfristig auch Halter von Lebens- und Rentenversicherungen. Die perverse Kunst, die die großen Zentralbanken und die Politik hier betreiben, ist es, eine hohe Inflation zu vermeiden, die zu abrupten hohen Verlusten der Sparer führen würde. Der schleichende Verlust über eine kleine negative Realverzinsung führt dagegen nicht zum großem Aufschrei der Bevölkerung und ist nichts weiter als eine Umverteilung vom Bürger zum Staat. Letzterer profitiert als Schuldner von den niedrigen Zinsen.
Das Problem ist nur, dass die Gelder nicht in der Kreditvergabe ankommen. In Deutschland stehen die Unternehmen glänzend da, investieren relativ wenig und wenn meist aus Cash Flow und insgesamt ist die Kreditnachfrage niedrig. In Südeuropa stehen die Unternehmen in einem rezessiven Umfeld relativ schlecht da und Kreditvergabe ist aufgrund der schlechten Bonität schwierig. Dieses Problem lösen auch niedrige EZB Zinsen nicht, denn am Ende will der Gläubiger sein Geld zurückbekommen.

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