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05.12.2013

15:33 Uhr

EZB-Sitzung

„Wir erwarten eine längere Phase niedriger Inflation“

EZB-Chef Draghi senkt die Inflationsprognose für 2014. Und er sagt: „Wir sind uns der Risiken einer niedrigen Inflation über einen langen Zeitraum bewusst.“ Vorerst handelt er aber nicht, sondern belässt es bei Worten.

Wir haben eine schlagkräftige Artillerie von Waffen, sagte EZB-Chef Mario Draghi auf der heutigen Pressekonferenz. dpa

Wir haben eine schlagkräftige Artillerie von Waffen, sagte EZB-Chef Mario Draghi auf der heutigen Pressekonferenz.

FrankfurtDie Europäische Zentralbank (EZB) erwartet trotz der wirtschaftlichen Belebung im nächsten Jahr eine weiter abnehmende Inflation in der Euro-Zone. Die Ökonomen senkten ihre Prognose für die Teuerungsrate 2014 von 1,3 auf 1,1 Prozent. "Wir dürften eine längere Phase niedriger Inflation erleben", sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag in Frankfurt.

Gleichzeitig machte er deutlich: „Wir sind uns der Abwärtsrisiken einer niedrigen Inflation über einen langen Zeitraum bewusst,“ sagte Draghi. Die Währungshüter hatten ihren Leitzins im November auf das Rekordtief von 0,25 Prozent gedrückt, um die Gefahr einer Deflation - einem Preisverfall auf breiter Front - frühzeitig zu bannen.

2015 soll die Teuerungsrate auf 1,3 Prozent steigen, das wäre immer noch weniger als in diesem Jahr mit 1,4 Prozent. Die EZB spricht nur bei Werten von knapp unter zwei Prozent von stabilen Preisen. Draghi erwartet "eine schrittweise Aufwärtsbewegung" in Richtung dieser Marke.

Angesichts von niedriger Inflation und schwachem Wachstum sei der Grad der Bereitschaft geldpolitisch aktiv zu werden sehr hoch, sagte Draghi. Der Rat habe zum Beispiel kurz über einen negativen Einlagenzins diskutiert.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Über eine mögliche Neuauflage von Langfristkredite (LTRO) an die Banken äußerte sich Draghi zurückhaltend. Zwar seien die beiden Ende 2011 und Anfang 2012 aufgelegten LTROs sehr erfolgreich gewesen, sagte Draghi. Das damalige Umfeld sei jedoch ein anderes gewesen als jetzt. „Heute ist der Grad der Unsicherheit beträchtlich niedriger.“ Außerdem sei beim letzten Mal das Geld, das die EZB den Banken geliehen habe, vor allem in Staatsanleihen geflossen statt direkt in die Wirtschaft. Daher wolle die EZB beim nächsten Mal sicherstellen, dass das Geld auch in der Wirtschaft ankomme.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

05.12.2013, 15:43 Uhr

Draghi erzählt nur die halbe Wahrheit. Deutschland wird tendenziell relative Deflation in den inflationär aufgeblähten (also rein nominell und nicht durch eigene Leistungen gedeckten) Süden exportieren. Soweit hat Draghi recht.

Umgekehrt wird der Süden aber seine Inflation nach Deutschland exportieren. Dies wird durch massive Ungleichgewichte in der Erzeugung neuen Geldes unterstützt, welche im Süden um ein vielfaches höher ist als im realwirtschaftlich eigentlich aktivsten Deutschland. Die so produzierten Weicheuros wandern dann auch munter nach Deutschland ein.

Keynesprediger

05.12.2013, 15:50 Uhr

..senkten ihre Prognose für die Teuerungsrate 2014 von 1,3 auf 1,1 Prozent. "Wir dürften eine längere Phase niedriger Inflation erleben"

Erstens stimmen die Angaben nicht für jeden, der Energie, Lebensmitteln und zB Versicherungen kaufen oder Miete zahlen muss.

Zweitens ist Deflation für den Verbraucher günstig und erwünscht - mit dem gleichen Geld kann man mehr kaufen (sofern die Packungsinhalten der Waren im Supermarkt nicht dauernd weniger werden und die Klopapierrollen kürzer !)

Nur, die Deflation wird von gierigen Politikern und insolventen Banken gefürchtet wie das Weihwasser vom Teufel, weil die Basis für die Besteuerung verringert wird, Schulden auf- statt abgewertet werden und wertlose Posten in den Bilanzen keine Chance mehr auf eine künstliche Aufblähung haben.

Account gelöscht!

05.12.2013, 15:56 Uhr

Wenn ich den Gesichtsausdruck und insbesondere die Augen von dem Kerl sehe, friere ich. Dem würde ich nicht mal einen Cent anvertrauen, geschweige denn die Europäische Zentralbank mit entsprechenden Machtbefugnissen!

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